1.2 Die autoritäre Perspektive

Die autoritäre Sichtweise ist weit verbreitet – vielleicht die am weitesten verbreitete. Sie liegt einen Schritt über der autistischen, denn obwohl es sich um eine subjektive Sicht handelt, nimmt sie die Sichtweisen anderer auf. Im Grunde kann man sagen, dass sie die Sichtweisen anderer absorbiert. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet, führt die einfache Erfahrung, dass man mit anderen Menschen zusammenlebt, von der autistischen zur autoritären Perspektive. Das Kind muss seine Perspektive unweigerlich um die der “signifikanten Umwelt” erweitern, wenn auch nur, um überleben zu können. Zumeist wird dieser Prozess durch die Tatsache, dass alle unmittelbaren Kontakte eine einzige soziale Realität teilen, enorm vereinfacht.

Dies ist die Perspektive, die die soziale Realität am umfassendsten zur Kenntnis nimmt. Doch es bedeutet auch, dass eine autoritäre Person nur eine einzige soziale Realität akzeptiert und als universal betrachtet. Wer diese gemeinsame soziale Realität nicht akzeptiert, gilt entweder als Kind oder als verrückt. Ist diese soziale Realität bedroht, entweder durch eine andere soziale Realität oder durch unmittelbarere Erfahrungen, tendiert die Person dazu, sich defensiv zu verhalten; doch auch eine weitergehende epistemologische Entwicklung ist eine Möglichkeit.

Die meisten Kinder und auch Erwachsene in primitiven, isolierten oder hochstrukturierten Gesellschaften nehmen diese Position ein. Sie neigen zu legalistischem Denken und einem unangebrachten Respekt gegenüber der Tradition, selbst wenn dies schmerzhaft sein sollte. Des weiteren tendierten diese Menschen dazu, Ereignisse, Objekte und auch Menschen in Typen oder Kategorien einzuordnen, mit jeweils relativ wenigen Abstufungen. Zudem neigen sie dazu, an universale Dualitäten zu glauben – schwarz versus weiß, gut versus schlecht, wir versus die anderen… – für etwas wie “dazwischen” oder “beides” gibt es wenig Raum.

Sowohl die autistische als auch die autoritäre Sichtweise sind “subjektiv”, weil sie der Interpretation – individuell oder sozial – mehr glauben und sie höher schätzen als die Erfahrung selbst. Für die autistische Perspektive ist die Bedeutung eines Ereignisses relativ zu den individuellen Bedürfnissen wichtiger als die Wahrheit, wie es von einigen höherentwickelten Perspektiven verstanden würde. In der autoritären Perspektive hat sich das Gewicht der Bewertung einfach auf die soziale Umgebung verlagert.

In beiden Fällen, zumindest wenn es um Menschen jenseits des Kleinkindalters geht, gibt es den zusätzlichen Glauben an die Kraft der Worte, insofern als sie die konstruierte Realität stützen.

Zitation

Boeree, C. George (23. Mai 2007): Sieben Perspektiven: 1.2 Die autoritäre Perspektive, URL: http://www.social-psychology.de/sp/7p/22-die-autoritaere-perspektive

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