1.5 Die kybernetische Perspektive

Die kybernetische Perspektive ist die ausgereifteste der drei objektiven Sichtweisen, weil sie gewisse Erkenntnisse voraussetzt, die unter rationalistischen und mechanistischen Menschen eher selten sind: Die kybernetische Person hat erkannt, dass der Betrachter das Betrachtete beeinflusst, dass es keine empirische Beweisführung für die Materie gibt, dass nicht-materielle Ereignisse eine gewisse Art von Realität haben und dass das mechanistische Verständnis von Ursache und Wirkung ein bei weitem zu begrenzendes – zu lineares – Verständnis von Beziehungen darstellt.

In mancherlei Hinsicht ist die kybernetische Sichtweise eine Synthese der rationalistischen und mechanistischen Sicht. Indem sie nämlich sowohl Vernunft als auch Empirie, sowohl materielle als auch nicht-materielle Realitäten akzeptiert, nimmt sie eine Philosophie neutralen Monismus an (oder vergleichbare Sichtweisen wie Pluralismus oder double-aspectism) und eine Methodologie des Modellierens. Hier wird die experimentelle Methode nicht mehr als Test für ursächliche Zusammenhänge verstanden, sondern als ein Bemühen darum, das Funktionieren eines Modells mit dem Funktionieren einer größeren Realität zu vergleichen. Ursprünglich war dieses Modell eine verbale Theorie, da die kybernetische Perspektive sich aber über die mechanistische hinausentwickelt, schließen Modelle nun auch andere Strukturen und ihre Prozesse ein; das offensichtlichste Beispiel ist der Gebrauch von Computersimulationen.

Unsere Gesellschaft wird mit hoher Geschwindigkeit in die kybernetische Perspektive hineingezogen, und wir können ihren Einfluss daran ablesen, wie breit sie bereits in Systemzugängen aller wissenschaftlichen Bereichen vertreten ist. Wir betrachten Ökologie als einen (oder sogar den?) grundlegenden Zugang in der Biologie, es gibt eine Revolution im Bereich des Computer- und Softwaredesigns, es gibt die kognitive Revolution in der Psychologie und so weiter. Überall finden wir die Implikationen von Relativität und Unsicherheit bestätigt, sowohl in ihrem “physikalischen” als auch im allgemeineren Sinne. Das vielleicht beste Anzeichen für die Dominanz des kybernetischen Zugangs ist die Verwendung der Wort-Information, ganz offensichtlich der bevorzugte Ausdruck für diese neutrale Substanz, die weder materiell noch mental ist.

In der Psychologie ist die kybernetische Sichtweise die neueste Welle nach dem Zusammenbruch der hoch mechanistischen behavioristischen Tradition. Man ist gemeinhin sehr stolz darauf, welche Bedeutung diese neue Psychologie in anderen Feldern hat, obwohl der Bonus wohl eher an die Linguistik als an die Psychologie gehen dürfte. Dennoch scheint es, als seien viele humanistische und sozialwissenschaftliche Felder sich nun der psychologischen Seite ihres jeweiligen Feldes bewusster, insbesondere bezogen auf die Vorstellung, dass der Betrachter eine bedeutsame Wirkung auf das Betrachtete hat – d.h. dass Gesellschaften, Kulturen, Kunst, Literatur, Musik und so weiter “im Auge des Betrachters” liegen.

Sogar die Vorstellung, dass Logik und Wahrheit psychologische Qualitäten sind, ist populär geworden. Leider verstehen nur wenige, dass Logik losgelöst vom Individuum gar keine wirkliche Logik mehr ist – eingeschlossen der Logik, die dazu führte, dass Logik nun als psychologisch angesehen wird!

Ein weiterer Kritikpunkt zur kybernetischen Perspektive ist, dass mit der Hinwendung zur neutralen Substanz der Information eine nahezu vollständige Abwendung von der unmittelbar erfahrenen Wirklichkeit stattfand. Wo ist die Wahrheit? In der kybernetischen Sicht kann sie sicherlich nicht in der farbenfrohen, lauten, warmblütigen emotionalen Welt liegen, die wir jeden Tag direkt erfahren. Stattdessen muss sie in der kalten, grauen an-aus Welt der Information liegen! Sogar die mechanistische Sichtweise hat ihr solides Material und die rationalistische Welt ihre Formen und Bilder.

Bezogen auf die Komplexität sind sich rationalistische, mechanistische und kybernetische Sicht recht ähnlich, sowohl historisch als auch in der Individualentwicklung treten sie meist in der genannten Reihenfolge in Erscheinung. Die rationalistische Perspektive ermöglicht einen sanften Übergang von der autoritären Bedeutung der Symbole; die mechanistische Perspektive ist die repräsentativste der drei (und damit vielleicht weniger “verunreinigt” von der autoritären und der epistemischen Perspektive); und die kybernetische Perspektive beginnt bereits die Probleme anzuerkennen, mit denen die epistemische Perspektive sich dann näher auseinandersetzt.

Zitation

Boeree, C. George (23. Mai 2007): Sieben Perspektiven: 1.5 Die kybernetische Perspektive, URL: http://www.social-psychology.de/sp/7p/25-die-kybernetische-perspektive

angrenzende Kapitel:
|

© 1998-2008 Dr. C. George Boeree. All rights reserved.
© dt. 2006-2008: d.wieser für social-psychology.de. All rights reserved.