1.6 Die epistemische Perspektive

Die beiden letzten Perspektiven (epistemisch und transzendental) kann man als Synthese der subjektiven und objektiven Sichtweisen verstehen.

Der epistemische Zugang akzeptiert die unmittelbare, erfahrende Realität individuellen Bewusstseins als Wahrheit, erkennt aber, dass es ebenso viele dieser “Realitäten” gibt wie wahrnehmende Menschen. Die wahre, ultimative Realität wird daher verstanden als die Summe all dieser Perspektiven zuzüglich all dessen, was nicht wahrgenommen wird. Anders als bei den objektivistischen Zugangsweisen, die darauf bestehen, dass wir unsere Subjektivität von unseren Beobachtungen abziehen müssen, um zu einer ultimativen Realität zu gelangen, die die Erfahrung weitgehend reduziert hat, betrachtet die epistemische Perspektive ultimative Realität als alle Sichtweisen zusammengenommen, also als mehrere!

Diese Perspektive kann dann intersubjektiv genannt werden, statt nur subjektiv oder objektiv, oder aber wir verwenden den Begriff “phänomenologisch”. Welchen Namen wir dem auch geben, es geht darum, dass multipel erfahrene Realitäten akzeptiert werden; und diese Perspektive geht gut mit den Schwierigkeiten der Relativität und Unsicherheit um, behält aber dennoch einen “Glauben” (empirisch und rational begründet) an die ultimative Realität.

Falls es den Lesern noch nicht klar ist: dies ist auch die Perspektive, die in der Theorie der Perspektiven selbst eingenommen wird.

Auch zum epistemischen Zugang gibt es einige negative Punkte: Er ist zum Beispiel weit weniger “effizient” als der mechanistische oder kybernetische Zugang, weil er dazu neigt, vor der Abschluss zurückzuschrecken, der für eine Handlung erforderlich ist. Die epistemische Person hat oft ein sehr geringes Bedürfnis nach einem solchen Abschluss und wird statt dessen versuchen, weiter auf mehr Sichtweisen zu warten. Obwohl das eine Tugend im Hinblick auf psychologisches oder soziologisches Verständnis sein mag, so kann es bei technologischen Wissenschaften und Fragestellungen ein unnötiges Hindernis sein. Anders ausgedrückt, epistemische Menschen sind vielleicht nicht so praktisch eingestellt.

Sie können auch autoritär erscheinen. Da alle Sichtweisen einen gewissen Wert haben, können sie dazu tendieren, eine bestimmte Sicht – eine Minderheitenposition vielleicht – bis zum Dogmatismus zu unterstützen. Doch wenn andere ihren Standpunkt zu verstehen beginnen, kann es sein, dass sie ihre Loyalität auf eine andere Position verlagern. Damit erscheinen sie wiederum unentschlossen und zweifelhaft, wenn nicht sogar widerspruchsfreudig. Hier gibt es allerdings einiges, das Wertschätzung verdient: Was sie wirklich zum Ausdruck bringen ist ihre Offenheit und Toleranz.

Das Epistemische ist eher natürlicherweise liberal. Dann aber ist das, was ich den liberalen Irrtum nenne, ein potentieller Makel: Alle alternativen Perspektiven sind gleich wertvoll und verdienen ein gleiches Maß an Verteidigung. Liberale aller Bereiche finden sich oft wieder, wie sie Randpositionen und Menschen von ungewöhnlichem, wenn nicht sogar psychotischem Charakter verteidigen. Dies aber unterminiert dann ihre ansonsten differenzierten und großzügigen Positionen in anderen Fragen. Zum Beispiel riskiert ein Psychologe, der glaubt, dass die Sicht der Realität eines Schizophrenen respektiert werden muss, um verstanden zu werden, dass er selbst von seinen Kollegen für psychotisch gehalten wird. Gleichfalls mag eine Person mit politisch liberalem Hintergrund feststellen, dass er oder sie die Rechte anderer unterstützt, die aus ihrer Sicht eigentlich zweifelhaft sind. Anders ausgedrückt: in allen vorangegangenen Perspektiven neigen die Menschen dazu, sich für eine einzige klare Position zu entscheiden, ja sogar zu sagen “genau so ist es”. Die epistemische Perspektive ist die erste, die derartige Schlussfolgerungen zu vermeiden versucht.

Zitation

Boeree, C. George (23. Mai 2007): Sieben Perspektiven: 1.6 Die epistemische Perspektive, URL: http://www.social-psychology.de/sp/7p/26-die-epistemische-perspektive

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