1.7 Die transzendentale Perspektive

Es gibt eine weitere Perspektive, die ich zwar erkenne, ich selbst aber muss zugeben, mich eher selten, wenn überhaupt jemals “darin” zu befinden: die transzendentale Perspektive.

Vom Standpunkt eines Großteils der modernen Gesellschaft ist sie noch “offener”, “unpraktischer” und “bröckliger” als die epistemische, doch primitive und traditionelle Gesellschaften sind ihr gegenüber offener. Wie schon der Name verrät, geht es hier um die Transzendenz der multiplen Perspektiven der epistemischen Sichtweise und um den Kontakt zur ultimativen Realität. Dies erfolgt, indem die gesamte konstruktive Realität durch verschiedene Techniken – zumeist Meditation und Konzentration auf die unmittelbare Realität – entfernt wird. Damit ist letztlich auch die Verringerung von Verlangen und Selbst verbunden. Dies bedeutet, dass man sich immer mehr einem unbewussten Zustand nähert, während die Fähigkeit, die Erfahrung zu bewahren, beibehalten werden kann. Es handelt sich um eine Frage des Sterbens – oder des nahezu Sterbens – und um die Rückkehr zur alltäglichen Realität mit einer neuen Lebensperspektive – der transzendentalen Perspektive!

Da östliche Traditionen während des vergangenen Jahrhunderts eine deutliche Wirkung auf den Westen hatten, gibt es einige Begriffe, die als gängige Label für diese Perspektive gelten: satori, buddhahood, Erleuchtung, Nirwana, kosmisches Bewusstsein und so weiter. Ein besonders gutes Label sind Maslows “peak experiences“, da er das Phänomen von speziellen religiösen Praktiken und philosophischen Standpunkten unterscheidet und insbesondere erkennt, dass gewöhnliche Menschen in ihrem Alltagsleben diese Erfahrung machen können, nicht nur Mönche, die im Lotussitz darauf warten. Die Perspektive beschreibt jede Erfahrung, in der man den Sinn für individuelle Vereinzelung verliert und statt dessen ein starkes Empfinden für die Einheit mit dem Bewusstsein, dem Leben, dem Universum oder Gott erlebt.

Hierzu müssen einige Dinge klar gestellt werden: Zum einen ist die transzendentale Perspektive genau wie die autistische Perspektive mehr eine Richtung, als ein Entwicklungsstadium. Man kann nicht in ihr verharren und weiter existieren. Vielmehr handelt es sich hier um eine Einstellung, die von kurzen gelegentlichen Erfahrungen der Transzendenz verstärkt wird. Zum anderen ist diese Perspektive ihrer Natur gemäß nicht für Diskussionen zugänglich. Worte und andere Symbole sind Teil des Problems mit der konstruierten Realität, weil wir noch immer davon ausgehen, dass sie den Referenten gegenüber vorrangig sind.

Obwohl Worte also nicht von selbst und an sich ein Anathema der Transzendenz darstellen, sind sie doch potentielle Hindernisse auf dem Weg. Im ersten Kapitel des Tao te Ching werden wir zum Beispiel gewarnt, dass das Tao, über das man sprechen kann, nicht das wahre Tao sein kann. Und im Zen werden die Studierenden gewarnt, nie den Finger, der auf den Mond zeigt, für den Mond selbst zu halten.

Nachdem diese Punkte nun klarer sind, nehme ich meinen eigenen Rat ernst und höre auf, die transzendentale Perspektive zu diskutieren.

An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass ich diese Perspektiven nicht als schnelle Ablagefächer für Persönlichkeit verwende. Jeder von uns ist auf all diesen Levels aktiv, oft gleichzeitig. Im Grunde meine ich, dass wir jede einzelne Perspektive zu verschiedenen Zeitpunkten nutzen sollten. Während ich Schnee schaufle, möchte ich nicht epistemisch sein, oder autoritär, wenn ich mit einem Klienten zu tun habe, oder mechanistisch im Umgang mit meinen Kindern. In meinen Träumen will ich autistisch sein, transzendental, wenn ich mich mit dem Tod auseinandersetze und kybernetisch, wenn ich mit dem Computer arbeite! Dennoch, wahrscheinlich gibt es Perspektiven, in denen wir am geschicktesten sind, die wir am häufigsten verwenden, oder mit denen wir uns am wohlsten fühlen.

Ich sollte noch darauf hinweisen, dass ich die Perspektiven keinesfalls für statisch halte: Wir bewegen uns zwischen ihnen hin und her und an ihnen entlang, so dass sie im Grunde eine entwicklungstheoretische Validität haben. Wie wir noch sehen werden, gehe ich vielmehr davon aus, dass ein Mangel an Bewegung eher ein Grund für ernste Sorgen ist!

Zitation

Boeree, C. George (22. Mai 2007): Sieben Perspektiven: 1.7 Die transzendentale Perspektive, URL: http://www.social-psychology.de/sp/7p/27-die-transzendentale-perspektive

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