2 Moral

Jede der sieben Perspektiven hat zudem eigene Wertvorstellungen – gut und schlecht –, was schon in der allgemeinen Beschreibung einer Perspektive angelegt ist.

Für die autistische Perspektive heißt das: gut ist, was Ihnen gefällt, schlecht, was Sie verletzt. Moral ist hier simpler, unschuldiger Hedonismus.

Die autistische Moral ist weitgehend kongruent mit Piagets präoperationaler Moral, Kohlbergs “preconventional level“ und Bonfenbrenners “self-oriented morality“.

In der autoritären Sichtweise ist das Gute in der Tradition sowie in der autoritären Promotion dieser Tradition begründet. Oder wie Sorokin es ausdrücken würde: es ist eine Moral absoluter Prinzipien, die gewöhnlich als gottgegeben angesehen werden. Damit ähnelt sie Piagets “concrete operations morality“, Kohlbergs “conventional level“, Bronfenbrenners “other-oriented type“ und Perrys “authoritarian stage“.

Die objektiven Perspektiven ähneln Piagets “formal operations morality“, Kohlbergs “post-conventional level“ und Bronfenbrenners “objectively-oriented morality“. Perrys bezeichnet diese Perspektive als Relativismus, womit er einen wichtigen Punkt zu den Werten von objektivistischem Standpunkt her klar macht:
Da Wertzuschreibungen ein subjektiver Vorgang sind, sind die objektiven Perspektiven eher verwirrt angesichts der Werte an sich, beziehungsweise vermeiden sie Werte insgesamt, weil sie sich darüber im Klaren sind, dass die individuelle oder gesellschaftliche Sichtweise beschränkt und wahrscheinlich auch nicht unvoreingenommen sind. Die mechanistische Perspektive ist ein Inbegriff dieser Tendenz.

Die rationalistische Perspektive konzentriert sich auf universale Prinzipien. Hier lässt sich besser nachvollziehen, warum die rationalistische am besten zwischen die autoritäre und die mechanistische Perspektive passt:
Die rationalistische Perspektive nimmt die absoluten Eigenschaften verschiedener autoritärer Perspektiven und versucht, die Gemeinsamkeiten herauszustellen, um letztlich zu ergründen, worauf sich möglicherweise alle rationalen Personen einigen könnten. Sorokin weist darauf hin, dass häufig der Gedanke vorherrscht, dass diese ultimativen Prinzipien von Gott kommen, während untergeordnete Prinzipien, die für die zahlreichen Varianten im moralischen System verantwortlich sind, vom Menschen erdacht sind. Dies wiederum ist Kohlbergs Stadium der universalen Prinzipien, dem sechsten und letzten Stadium, nicht unähnlich. Ich jedoch setze es noch vor die mechanistische Perspektive, die eher Kohlbergs fünftem Stadium, dem Stadium des sozialen Vertrags, entspräche.

Die mechanistische Perspektive ist utilitär (funktionell) und konzentriert sich vornehmlich auf den sozialen Vertrag. Sorokin drückt es so aus, dass Moral relativistisch ist und auf von Menschen erdachten Prinzipien fußt. In seiner extremen Ausprägung sieht die mechanistische Perspektive Moral als rein subjektiv und ohne Universalität an. Moral oder Werturteile sind hier eine reine Frage individuellen Geschmacks oder sozialer Gewohnheiten und damit relativ.
Auf den ersten Blick mag es eher epistemisch klingen, dass die mechanistische Perspektive die moralische Sichtweise jeder Person als gleich gültig ansieht. Beim zweiten Blick jedoch wird deutlich, dass sie nur insofern gleichen Wert haben, als sie alle in gleichem Maße bedeutungslos sind! Wo es keinen Gott (universale Werte) gibt, ist alles erlaubt! Im schlimmsten Fall reduziert die mechanistische Weltsicht Werte zu einer materiellen Kraft – d.h. Macht als Legitimation, survival of the fittest und so fort.

Die kybernetische Perspektive ist rein formal eine interaktive. Die Wirkung der Person, die Bewertungen vornimmt, wird bedeutsam, und moralische Urteile werden als kontextgebunden angesehen. Hier wird zudem zwischen relativistischen und situativen Moralen unterschieden.
Genau diese Perspektive bildet eine Erklärung zu den hochmoralischen Frauen, über die Kohlbergs Studentin Carol Gilligan geschrieben hat. Da diese Frauen nämlich ihre moralischen Urteile innerhalb des Kontexts sozialer Erwartungen hielten, also im Kontext individueller Qualen, Freuden und so weiter, wurden sie nach Kohlbergs traditionellen Standards als moralisch eher unterentwickelt eingestuft, konventional (autoritär), wenn nicht noch niedriger. Stattdessen aber würde ich diese Frauen in eine viel höhere moralische Entwicklungsstufe einordnen, die dem Epistemischen sehr nahe kommt. Jedenfalls halte ich ihre Einstellung, anders als Gilligan, für weiter fortgeschritten als die universalen Prinzipien oder den sozialen Vertrag, und zudem ist dieses Entwicklungsstadium auch nicht nur auf Frauen begrenzt, obwohl es sich vermutlich in unserer Gesellschaft bei Frauen häufiger findet.

Die epistemische Perspektive betrachtet den moralischen Wert als phänomenologisch, d.h. er schließt das Bewusstsein notwendigerweise ein, hat aber eine eigene ontologische Realität. Das bedeutet, dass das Gute in der Interaktion von Geist und Welt liegt, und dennoch darf es deshalb nicht als irgendwie irreal abgetan werden – insbesondere wenn man mit in Betracht zieht, dass alle Realität, mit der wir zu tun haben, in einer solchen Interaktion begründet ist! Man kann das auch von einer anderen Seite aus nachvollziehen, wenn man nämlich das Gute (und das Böse) als eine weitere real qualitative Dimension auffasst.

Während also die überwiegende Zahl der Unterschiede zwischen Kulturen oder Individuen nichts mit moralischen Urteilen zu tun haben, sind manche Unterschiede sehr wohl moralischer Natur. Daher respektiert die epistemische Person die Vielfalt individueller und gesellschaftlicher Perspektiven, scheut sich aber nicht anzuerkennen, dass einige Perspektiven besser sind als andere. Wir könnten es also so formulieren: das Gute ist eine Richtung, in die wir uns bevorzugt bewegen, vielleicht eine Richtung der Selbstverwirklichung (oder sogar Lebensverwirklichung), die zwar recht real ist, aber dennoch nicht in Form absoluter universaler Prinzipien ausgedrückt werden kann.

Zum Beispiel denke ich, dass dieser Zugang in alltäglichen Entscheidungen darin umgesetzt wird, dass man gewisse Prinzipien als Handlungsrichtlinien für sich festlegt. Somit funktioniert die epistemische Moral zumindest so wie Perrys Gedanke des “commitment“. Es ähnelt auch dem existentialistischen Gedanken des Projekts, in welchem jemand (unter anderem) ein Wertesystem für sich bestimmt und sich diesem Wertesystem dann verpflichtet. Wir sollten an dieser Stelle allerdings darauf hinweisen, dass Existentialismus – besonders in Sartres Ausprägung – ausgesprochen relativistisch sein kann.

Und im transzendentalen Moralverständnis ist das Gute das, was getan wird. Es ist ein Ausdruck der eigenen Intimität mit dem Universum, mit den Bedürfnissen allen Lebens, dem Verlangen allen Bewusstseins. Oder wie Spinoza es formulieren würde, das Gute ist ein Ausdruck von Gott-oder-Natur, und wir sind intuitiv in der Lage, es zu erkennen. Auch hier muss ich darauf hinweisen, dass ich im Zusammenhang mit dieser Perspektive nur Spekulationen anstellen kann, statt tatsächlich zu beschreiben.

Zitation

Boeree, C. George (22. Mai 2007): Sieben Perspektiven: 2 Moral, URL: http://www.social-psychology.de/sp/7p/31-moral

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