
3. Erkrankungen
Es gibt unzählige Umstände, die dazu führen, dass die Bewegung hin zur Ausarbeitung ins Stocken gerät oder sogar umgekehrt wird. Im entwicklungstheoretischen Sinne sind dies Situationen, die zu komplex sind, als dass man damit durch Differenzierung oder Integration zurecht kommen könnte. Direkter ausgedrückt handelt es sich um Situationen, in denen das Wissen nicht mit der Realität mithalten kann, wo nicht das eintritt, was man erwartet und wo eine Anpassung nicht unmittelbar möglich ist. Im emotionalen Sinne sprechen wir hier von Episoden der Furcht, die nicht aufgelöst werden und so zu fortgesetzter Angst sowie den damit möglicherweise einhergehenden defensiven Manövern führen, zusätzlich können sich langandauernde Traurigkeit und Ärger (d.h. Depression und Feindseligkeit) herausbilden.
Derartige Situationen können durch ein einziges traumatisches Ereignis oder aber langanhaltende Probleme hervorgerufen werden, welche im Grunde recht unwichtig wären, wenn sie nicht so lange andauerten oder sich ständig wiederholten. Mit Sicherheit gibt es physische Probleme, die zu diesen Ergebnissen führen können, wie zum Beispiel ein Trauma, das durch Naturkatastrophen verursacht wird oder aber die Langzeitfolgen einer chronischen Krankheit.
Doch die Mehrzahl der physischen Ereignisse werden von unseren genetisch angelegten physischen Mechanismen, die sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben, ganz gut abgedeckt, so dass wir damit zurecht kommen können, solange es sich nicht um extreme Erlebnisse handelt. Andererseits aber können physiologische Mechanismen mit Traumata und fortgesetzten Inkongruenzen innerhalb der sozialen Realität zumeist nicht hinreichend umgehen, es gibt in diesem Zusammenhang auch Fälle, in denen diese Mechanismen zerstört werden, wie etwa im Falle psychophysiologischer Erkrankungen. Weil die konstruierte Realität nun mal tatsächlich konstruiert ist, enthält sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Konflikte mit unmittelbarer Erfahrung sowie internale Widersprüchlichkeiten wie zum Beispiel das berühmte Catch 22 oder “damned if you do – damned if you don’t”.
Traumata – soziale oder physische – sind recht einfach zu verstehen: die Symptome (wie etwa phobische Reaktionen, zwanghaftes Verhalten, spezifische Amnesien etc.) können für gewöhnlich direkt mit dem traumatischen Ereignis in Zusammenhang gebracht werden (was nicht bedeutet, dass es daher auch leicht sei, sie zu behandeln!). Ich gehe davon aus, dass weit mehr unserer Probleme aus den alltäglichen Schwierigkeiten entstehen, mit der Realität – insbesondere einer sozialen Realität – zurecht zu kommen, wenn etwas also unsere Kapazitäten übersteigt, wenn etwas ein klein wenig zu komplex wird, oder nur ein wenig zu chaotisch. Der Begriff “chaotisches Umfeld” kann meiner Meinung nach in der Mehrzahl der Fälle den Grund dafür sein, dass Menschen in der modernen Gesellschaft unglücklich sind, besonders in den Fällen, in denen sich die Erkrankungen kaum präzise beschreiben lassen.
Bei den nun folgenden Beispielen geht es um eine Interaktion von physischer und sozialer Umwelt von einer jeweils spezifischen Natur und mit spezifischen individuellen Eigenschaften. Jemand von “schwacher” Natur wird mit höherer Wahrscheinlichkeit von Traumata oder einem chaotischen Umfeld überwältigt, als jemand mit “starker” Natur. Andererseits kann auch eine “starke” Natur gewissen Probleme entwickeln, wenn das Trauma oder das chaotische Umfeld einen hinreichend starken Einfluss ausüben. Und um die Sache noch komplizierter zu machen, kann eine schwach Natur dadurch aufgewogen werden, dass die Person starke Lerntechniken besitzt, gleichfalls kann eine starke Natur dadurch geschwächt sein, dass sie nur inadäquate Lerntechniken besitzt.
Zitation
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