3.1 autistische Erkrankungen

Nachdem die genannten Voraussetzungen klar sind, können wir autistische Kinder oder schizophrene Erwachsene so verstehen, dass sie wegen der Komplexitäten oder der Gewalttätigkeit einer Realität, mit der sie gemäß ihrer Natur oder rein kognitiv nicht umgehen können, in eine autistische Perspektive zurückgetrieben werden. Da sie aber bereits gewisse Erfahrungen mit der Welt sowie der sozialen Realität haben, ist ihre autistische Sicht für sie kein natürlicher Zustand wie es etwa bei einem Kind der Fall wäre. Folglich muss diese Perspektive von einer defensiven Vermeidungshaltung gefährlichen Situationen gegenüber unterstützt werden – d.h. die Vermeidung von Situationen, denen sie sich paradoxerweise aussetzen müssen und an die sie sich anpassen müssen, um über ihre autistische Perspektive hinauszugelangen.

Wir müssen immer dort beginnen, wo der Patient sich befindet. Im Falle der autistischen oder schizophrenen Person müssen wir also mit ihrer Realität und den Verteidigungsmechanismen beginnen, die sie zur Aufrechterhaltung dieser Perspektive benötigen. Anders ausgedrückt müssen wir zunächst alles tun, um sie vor der Wahrnehmung von Gefahr zu schützen. Erst wenn sie sich sicher fühlen – oft in einer sehr vereinfachten Umgebung – können wir sie nach und nach in verdünnter Form mit Komplexitäten konfrontieren, deren Differenzierungen es ihnen ermöglichen, aus ihrer persönlichen Welt herauszutreten. Diese Differenzierungen können natürlich nicht auf direktem Weg zu ausgereifteren Perspektiven führen, sie müssen vielmehr in Richtung der autoritären Weltsicht weisen. Ironischerweise müssen wir schizophrenen Menschen dadurch helfen, dass wir sie zur Konventionalität geleiten!

Hinweis: Dies ist keinesfalls eine Theorie der Typen und Kategorien! “Die autistische Perspektive” ebenso wie “Autismus” und “Schizophrenie” sollten im Grunde nur in Anführungszeichen verwendet werden. Sie sind nur bequeme Fiktionen, die die Kommunikation erleichtern. Tatsächlich aber ist die Wahrnehmung und das Verhalten der Menschen an Zeit, Ort, sozialen Kontext und Individualität gebunden, jeder Mensch ist eine einzigartige Einheit, die keinerlei Klassifikationen zulässt. Daher gibt es auch zahlreiche “Zwischenstadien”, wie etwa schizoide Persönlichkeit und Paranoia, die man nur zur Erstellung einer Diagnose verwenden sollte; um aber das Individuum zu verstehen, müssen wir letztlich auf eine detaillierte Beschreibung und auf persönliche Interaktion zurückgreifen.

Zitation

Boeree, C. George (22. Mai 2007): Sieben Perspektiven: 3.1 autistische Erkrankungen, URL: http://www.social-psychology.de/sp/7p/42-autistische-erkrankungen

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