3.2 autoritäre Erkrankungen

Eine autoritär neurotische Person zieht sich von der Komplexität des Lebens auf die autoritären Strukturen der sozialen Realität zurück. Auch hier ist kein Kind gemeint oder ein Bürger einer traditionellen Gesellschaft; daher muss diese autoritäre Weltsicht von defensiven Mechanismen unterstützt werden, die es ermöglichen, die Traumata oder das Chaos vollständig zu vermeiden. Weil aber genau die Komplexität diese Person in eine Ausarbeitung ihrer Entwicklung führen würde, wird besonders eine neurotische Person, die sich mit einem chaotischen Umfeld auseinander setzen muss, betroffen sein, während eine neurotische Person, die sich mit spezifischen Traumata konfrontiert ist, sich auch in Bereichen weiterentwickeln kann, die nicht an den Bereich des Traumas gebunden sind.

Die autoritär neurotische Person wird ihre rigide Sozialität in einer von den beiden nun beschriebenen Arten zum Ausdruck bringen: Je nach Natur, Erziehung sowie spezifischer sozialer Situation werden sie entweder aggressiv oder unterwürfig sein. Aggressive Neurotiker, vornehmlich Männer (gemäß Temperament und Erziehung) neigen dazu zu erwarten, dass andere sich ihrem Willen unterordnen, und wenn sich ihre Erwartungen nicht verwirklichen lassen, reagieren sie wütend oder sogar gewalttätig. Unterwürfige Neurotiker, vornehmlich Frauen (wieder gemäß Temperament und Erziehung), neigen hingegen dazu, sich dem Willen anderer zu unterwerfen. Sie leiden an Traurigkeit und verbringen einen Großteil ihrer kognitiven Zeit damit, sich anzupassen, d.h. sie versuchen sich innerlich auf Veränderungen einzulassen, statt, wie es effizienter wäre, andere (meist die aggressiven Männer, in deren Gegenwart sie sich aufhalten!) zu ändern.

Man muss allerdings darauf achten, dass sowohl Aggressivität als auch Unterwürfigkeit sich je nach den Menschen, mit denen sie interagieren, ändern: Der aggressive Mann wird sich wahrscheinlich einem eindeutig sozial überlegenen Menschen gegenüber unterwürfig verhalten; die unterwürfige Frau kann sich hingegen ihren Kindern und Angestellten gegenüber aggressiv verhalten. In einer traditionellen Gesellschaft funktionieren diese Beziehungen recht glatt, ohne viel offene Wut oder Traurigkeit, und mit Sicherheit ohne viel Sadismus oder Masochismus. Unter den Neurotikern ändern die defensiven Mechanismen die Furcht, die Wurzel der Neurose, um in Wut oder Traurigkeit, sogar bis hin zum Sadismus und Masochismus. Wie Freud gezeigt hat, sind beide nur zwei Seiten ein und derselben Medaille, der autoritären Perspektive.

Um jemandem dabei zu helfen, aus der autoritären Perspektive heraus zu wachsen, muss man bei der Autorität beginnen. Diese Menschen werden am nachhaltigsten vom Status des Therapeuten beeinflusst und sind besonders offen für Andeutungen. Es geht also darum, autoritäre Menschen mit Hilfe der Autorität über die Begrenzungen seiner oder ihrer rigiden sozialen Realität hinauszuführen, so dass sie vielleicht anerkennen, dass es eine große Bandbreite möglicher Perspektiven gibt. Sie sind zwar weit davon entfernt, die gänzlich offene Einstellung der Epistemiker anzunehmen, doch sie können lernen, andere zu tolerieren und sich angewöhnen, nach den Gemeinsamkeiten oder einem weiteren Blickwinkel zu suchen.

Sie müssen zudem lernen, Schlussfolgerungen unabhängig von sozialen Kategorien zu ziehen, aufhören, alles nur in schwarz und weiß zu sehen; vielmehr sollten sie eine experimentelle Einstellung zu ihren Problemen einnehmen und die Komplexitäten der jeweiligen Angelegenheit wahrnehmen – d.h. sich mit rationalistischen, mechanistischen und kybernetischen Sichtweisen anfreunden, zumindest so weit, dass sie über ihre autoritäre Rigidität hinaus gelangen können. All dies muss innerhalb einer sehr sicheren Umgebung stattfinden, einer Umgebung, die ihre defensiven Mechanismen nicht unterstützt.

Zitation

Boeree, C. George (22. Mai 2007): Sieben Perspektiven: 3.2 autoritäre Erkrankungen, URL: http://www.social-psychology.de/sp/7p/43-autoritaere-erkrankungen

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