
3.3 rationalistische Erkrankungen
Wir sind nun bei den objektivistischen Sichtweisen angelangt und stellen fest, dass die Person sich schon mit den Komplexität der Welt auseinandergesetzt hat und sich nun vornehmlich damit beschäftigt, das Gelernte zu integrieren. Die rationalistische Person sieht sich dennoch einem gewisses Maß an Chaos und Trauma gegenüber, was dazu führen kann, diese Perspektive mit defensiven Gedanken und Verhaltensweisen zu fixieren. Statt sich aber auf rigide soziale Strukturen zurückzuziehen, zieht sich eine rationalistisch neurotische Person auf rigide Persönlichkeitsstrukturen zurück.
Rationalistische Erkrankungen können von voll entfaltetem obsessiv-zwanghaften Verhalten bis zur Angstneurose oder zwanghafter Persönlichkeit reichen, am besten repräsentiert diesen Bereich aber der relativ schlichte, doch enorm verbreitet Persönlichkeitstyp, den wir als Perfektionisten bezeichnen könnten. Zu den Qualitäten eines Perfektionisten zählen die Ordnungsliebe in ihrem eigenen Leben, eingeschlossen Sauberkeit und Pünktlichkeit, sowie eine Neigung, diese Ordnung auch anderen aufzudrängen – gelegentlich in einem Ausmaß, das sie die Züge einer autoritären Perspektive zeigen lässt, doch sie verlangen nicht eine gesellschaftliche Ordnung, sondern eine Ordnung, von der sie glauben, sie selbst am besten zu repräsentieren – all dies stammt natürlich aus ihrer Furcht vor dem Chaos, das sie am Horizont wahrnehmen.
Es kann auch sein, dass sie recht narzisstisch wirken, weil sie sich zum Beispiel selbst für die idealen Zeitgenossen halten, doch auch dieser Narzissmus ist nicht wirklich autistischer Natur, sondern vielmehr eine defensive Reaktion auf ihre Befürchtungen und Ängste. Sie halten ihre rigiden Strukturen für universal und nicht etwa nur für soziale Sitten, dennoch sind sie sich völlig der Realität anderer Seinsformen im Klaren. Sie lieben das Diskutieren und halten sich selbst gerne für logisch überlegen, ob dies nun ihren tatsächlichen Talenten entspricht oder nicht, mangelnde Logik bei anderen Menschen halten sie für deren größte Charakterschwäche.
Meines Erachtens ist der beste Weg, Perfektionisten zu helfen, mit ihnen zu diskutieren. Indem man vorsichtig Argumente einfließen lässt, die über die rationalistische Perspektive hinausreichen, um so die chaosträchtigen Themen aufzulösen, vor denen sie sich fürchten, ist es möglich, dass diese Menschen ihren Ängsten Herr werden. Einige Zugänge, wie etwa die von Horney, Ellis und Raimy, die Schwierigkeiten des Denkens oder der Wahrnehmung betonen, können effektiver sind als andere.
Zitation
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