4 Gesellschaften

Gesellschaften haben keine Epistemologien, sondern nur Individuen haben Epistemologien. Folglich können wir auch nicht erwarten, dass unsere Taxonomie soziale Entwicklung ebenso gut widerspiegelt wie die Persönlichkeitsentwicklung. Dennoch können wir Gesellschaften als Grundlage für die Ebene der Masse von Menschen einer Gesellschaft setzen, oder zumindest der Power-Elite. Lassen Sie mich dies illustrieren:

1. Auf der autistischen Ebene können wir nur Anarchie erwarten, die vom Instinkt geleitet wird – etwas, von dem ich nicht annehme, dass es in der Menschheitsgeschichte je existiert hat.

2. Auf der traditionellen Ebene finden wir eine große Anzahl von Gesellschaften, die Sorokin (1937-1940) vielleicht euphemistisch als “familiär” bezeichnet hat: Sie tendieren dazu, universalistisch zu sein, haben realistische Vorstellungen von der körperschaftlichen “Person” (d.h. der Stamm, der Staat, die Rasse…), sie gehen von freiem Willen aus und nehmen eine zyklische Geschichtssicht ein. Moderne “ismen” dieser Art sind zum Beispiel die absolute Monarchie und Faschismus.

3. Auf der rationalistischen Ebene (bei Sorokin als “gemischt” bezeichnet), finden wir zum Beispiel die konstitutive Monarchie und Republikanismus sowie auch kapitalistische Ökonomien.

4. Auf der mechanistischen Ebene gibt es das, was Sorokin als das Vertragliche bezeichnet: Singularismus dominiert neben einer nominalistischen Wahrnehmung der körperschaftlichen “Person”, ein Glaube und Determinismus und ein progressiver Zugang zur Geschichte. Moderne “ismen” sind vielleicht Föderalismus, repräsentative Demokratie und Wohlfahrtsstaat.

Über diesen Punkt hinaus werden wir Schwierigkeiten bekommen, Beispiele oder auch nur Umsetzungen zu finden.

5. Wir könnten voraussehen, dass kybernetische Gesellschaften etwas weniger effizient und personenorientierter sein würden, als die mechanistischen Gesellschaften. Wir könnten eine referentielle Demokratie erwarten, Meritokratie (Verdienstadel im besten Sinne) und moderaten Sozialismus. Sorokin erwähnt “Harmonismus”, eingeschlossen einer dialektischen Zugangsweise zur Geschichte als höherer Synthese des Familiaristischen und Vertraglichen.

6. Auf der epistemischen Ebene könnten wir eine dezentralisierte, partizipatorische Demokratie und ein “grass roots” Kapitalismus (Kommunismus in seiner besten Form!) erwarten. Da sie weit weniger effizient sein dürfte als die mechanistische Gesellschaft, können wir ihr Eintreffen erst dann erwarten, wenn die Welt vor physischer und ökonomischer Aggression befreit ist, und wirklich erst dann, wenn andere in sich selbst die Quelle finden, derartige Entwicklungen auch zu tolerieren.

7. Und zu guter Letzt wäre die transzendentale Gesellschaft vermutlich eine Anarchie im positivsten Sinne. Meines Erachtens wird dies auf ewig ein Ideal bleiben.

Nach alledem muss allerdings klar sein, dass all diese Perspektiven – wenn sie wirklich in irgendeiner Form universal sind – in allen Gesellschaften repräsentiert sein sollten, von der primitivsten bis zur futuristischsten. Natürlich werden die Ausprägungen jeder Perspektive von Gesellschaft zu Gesellschaft deutlich variieren: Das “Mechanistische” kann in einer primitiven Gesellschaft von den bodenständigen Sichtweisen der Handwerker des Dorfes repräsentiert sein, das “Epistemische” von den Leitungsfähigkeiten des Chief und das “Transzendentale” von den Ritualen des Schamanen. Die rationalistische und kybernetische Perspektive wird in einer Kultur, die noch keine Schrift entwickelt hat, wohl kaum eine Rolle spielen.

Andererseits kann so auch einiges, was unser heutiges Leben so schwierig macht, verstanden werden: In einer Gesellschaft, die so komplex, pluralistisch und schnellen Veränderungen unterworfen ist wie die unsere, wird es vielen von uns nicht leicht fallen, sich dem “Chaos” unseres Lebens zu stellen und es zu transzendieren. Meines Erachtens ist es eine ernste Frage, ob nicht immer mehr von uns an Entfremdung und geistiger Krankheit leiden werden, während wir uns unserer Zukunft nähern. In dieser Weise Spekulationen über unsere psychosoziale Zukunft anzustellen, ist, wie ich finde, eine sehr gute Möglichkeit, mit diesen Problemen erfolgreich umgehen zu lernen!

Zitation

Boeree, C. George (22. Mai 2007): Sieben Perspektiven: 4 Gesellschaften, URL: http://www.social-psychology.de/sp/7p/51-gesellschaften

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