11 Qualitative Methoden

Qualitative Methoden sind, wie der Begriff nahe legt, Methoden, die ohne Messungen oder Statistik auskommen. Weil die Naturwissenschaften so überwältigenden Erfolg mit quantitativen Methoden erzielt haben, werden qualitative Methoden manchmal als weniger wissenschaftlich erachtet. Das ist natürlich ein Fehler. Qualitative Methoden werden in Philosophie, Soziologie und Geschichtswissenschaft seit Jahrhunderten angewandt, und viele der berühmten Studien, auf die wir uns täglich in Lehrveranstaltungen zur Psychologie beziehen, waren tatsächlich qualitativ!

Eine qualitative Methode, die auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, ist die Fallstudie. Als Ärzte wie Sigmund Freud sich für psychologische Probleme zu interessieren begannen, setzten sie ihre Tradition des Niederschreibens und Veröffentlichens von Beschreibungen ihrer interessantesten Patienten, der intendierten Behandlungsmethoden und des Fortschreitens der Erkrankung fort. Viele Inhalte der klinischen Psychologie sind beispielsweise auf diesen Fallstudien aufgebaut.

Ein weiteres Beispiel ist die Méthode clinique oder klinische Methode. Diese Methode wurde von Jean Piaget und seinen Schülern besonders gut angewandt. Die Grundidee ist, eine Person (in Piagets Fall gewöhnlich ein junges Kind) mit einer Situation oder einem Problem zu konfrontieren. Der Forscher beobachtet, wie sie mit der Situation umgeben und stellen Fragen, um die Denkprozesse, die sie anwenden, verstehen zu lernen. Eine andere Version der Méthode clinique wird als experimentelle Phänomenologie bezeichnet. In einer Studie wurden beispielsweise Schachmeister und -novizen gebeten, laut zu denken, während sie Schach spielten, dann wurden die Unterschiede in der Herangehensweise untersucht. Ein weiteres Beispiel ist die Methode der Introspektion, wie sie Wilhelm Wundt – oft als Gründer der wissenschaftlichen Psychologie angesehen – und seine Schüler verwendet haben. Forscher achteten sehr genau auf ihre eigene Wahrnehmung einfacher Ereignisse wie etwa Farben, und hielten Veränderungen ihrer Wahrnehmungen fest, die auf Veränderungen der Ereignisse folgten.

Die vielleicht älteste qualitative Methode ist natürliche Beobachtung [engl.: naturalistic observation]. Sie wird seit Jahrhunderten von Biologen angewandt, die Tiere in der Wildnis studieren (Ethologen), sowie nahezu ebenso lange von Soziologen, die das Verhalten der Menschen untersuchen. Der Gedanke hinter naturalistischer Beobachtung ist, einen Schritt von der Situation zurück zu treten, und sich zu bemühen, nicht einzugreifen. Ein Biologe, der beispielsweise Vögel erforscht, könnte eine Tarnvorrichtung bauen – eine kleine mit natürlichen Materialien bedeckte Hütte –, um die Vögel nicht zu stören. Kinderpsychologen beobachten Kinder oft in ähnlicher Weise. In experimentellen Schulen sind Kinder oft so daran gewöhnt, beobachtet zu werden, dass die Forscher sich nicht mehr verstecken müssen! Neuerlich haben Video- und Audiotechnologie es uns ermöglicht, Erwachsene ebenso zu beobachten. Unglücklicher Weise ist die Ethik des Ausspionierens sehr fragwürdig!

Eine Variante natürlicher Beobachtung, die von einigen Soziologen und Psychologen angewandt wird, wird als teilnehmende Beobachtung bezeichnet. Ein Soziologe, der sich dafür interessiert, die Lebensweise der Menschen in einer Subkultur zu untersuchen (etwa eine Motorradgang), könnte sogar Mitglied der Subkultur werden und mit den Menschen interagieren. Auch zahlreiche Anthropologen wenden diese Technik an. In den meisten Fällen ist allen klar, dass der Forscher nicht wirklich Teil der Gruppe ist, doch gelegentlich verhehlt der Forscher seine Identität als Forscher.

Eine der nützlichsten qualitativen Techniken ist das Interviewen. Oft ist es Teil all der zuvor genannten Methoden. Entgegen der Meinung vieler Menschen ist das Interviewen nicht einfach. In der Tat sind die wenigsten Menschen wirklich zum Interviewen befähigt. Sie müssen sehr behutsam sein, um dem Interviewpartner nicht durch irgendwelche vorurteilsbehafteten Vorstellungen hindurch zuzuhören. Sie müssen sicher stellen, dass Sie die Person nicht in die von Ihnen bevorzugte Richtung lenken. Sie müssen sicher stellen, dass Sie das Mitgeteilte nicht fehlinterpretieren. Anders ausgedrückt müssen Sie sich Ihrer eigenen Voreingenommenheiten sehr bewusst sein!

Viele Forscher, die qualitative Methoden verwenden, halten sich an eine Schule namens Phänomenologie und bezeichnen ihre Methoden als phänomenologische Methoden. Phänomenologie ist die Untersuchung der Inhalte des Bewusstseins – Phänomene – und phänomenologische Methoden sind Wege, diese Inhalte zu beschreiben und zu analysieren. Ursprünglich konzentrierte sich die Methoden darauf, die eigenen Gedanken, Empfindungen und Wahrnehmungen zu beschreiben. Forscher untersuchten zum Beispiel ihre eigenen Erfahrungen mit einer Emotion wie Wut oder kognitive Prozesse wie Entscheidungsfindung. Wie Sie sich vorstellen können, ist der problematische Umgang mit Voreingenommenheit in derartigen Untersuchungen sogar noch schwieriger. Fragt man nach eigenen Erfahrungen mit Wut, würden viele Menschen etwas sagen wie “Ich konnte spüren, wie das Adrenalin durch meine Adern floss!” Leider ist das eine vorurteilsbehaftete Aussage basierend auf allgemeinem Vorwissen über die Rolle des Adrenalins. Tatsächlich fühlt niemand wirklich Adrenalin in der Blutbahn! Wir empfinden vielleicht Muskelspannung, Nackenhaar stellt sich auf oder unser Hörvermögen ändert sich – allerdings kein Adrenalin in unseren Venen.

Mit der Zeit wurden weitere Möglichkeiten, Phänomene zu untersuchen, hinzugefügt. Beispielsweise würde ein Forscher Menschen bitten, Protokolle zu führen – naive Beschreibungen ihrer Erfahrungen – und diese zur Analyse verwenden. Dies kommt zum Einsatz, wenn Forscher etwas untersuchen möchten, mit dem sie oder er selbst keine Erfahrungen hat, wie etwa die verbalen Halluzinationen bei Schizophreniepatienten.

Es gibt Argumente für und wider die Anwendung qualitativer Methoden. Der übliche Kritikpunkt bezüglich qualitativer Methoden dreht sich um das oben genannte Problem der Voreingenommenheit: Voreingenommenheit schleicht sich viel leichter in qualitative Studien ein als in quantitative. Der große Vorteil der Messungen besteht darin, dass wenn man sich erst einmal darauf geeinigt hat, worin ein Maß besteht (sagen wir ein Meterstab), kann jeder es nutzen und sich ziemlich sicher sein, dass das Messergebnis sich mit dem deckt, was jeder andere messen würde. Sagen wir andererseits “das scheint mir marineblau zu sein”, könnte jemand sagen “nein, ich denke, es ist violett” und eine andere Person “nein, es ist eindeutig königsblau!”

Die Argumente zugunsten qualitativer Methoden drehen sich um Realismus. Messungen umfassen nicht die Gesamtheit eines Ereignisses. Sie können Menschen auffordern, ihre Angst einzustufen, doch wie viel sagt Ihnen das darüber, was sie wirklich empfinden? Wie messen Sie etwas wie Liebe oder Hass? Oder denken wir an den Anthropologen, der sich eine Kultur anschaut: Sagt Ihnen die Anzahl von Artefakten oder die Dauer von Ritualen etwas darüber, welche Bedeutung es für die betreffenden Menschen hat? Oder betrachten wir die Persönlichkeit einer Person: Sagen Ihnen Punkte in Persönlichkeitstests viel über das Leben oder die Erfahrungen einer Person? Qualitativ arbeitende Forscher würden sagen, nicht viel!

Obzwar quantitative Methoden in der Psychologie noch immer bevorzugt werden, erkennen mehr und mehr Menschen an, dass qualitative Methoden ebenfalls einen wichtigen Platz einnehmen. Nicht alles am Menschen kann durch Messungen verstanden werden, oder in Laboratorien, oder durch die Arbeit mit Ratten und Tauben.

Zitation

Boeree, C. George (23. März 2008): Allgemeine Psychologie: 11 Qualitative Methoden, URL: http://www.social-psychology.de/sp/ap/11-qual-meth

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