
16 Schmerz
Schmerz ist eine Wahrnehmung, und wie jede Wahrnehmung wurzelt sie in Empfindung, und auf biologischer Ebene in der Stimulation von Rezeptorneuronen. Ebenso wie andere Formen der Wahrnehmung erlebt man Schmerz zuweilen dann, wenn es keine korrespondierende biologische Grundlage gibt!
Nozizeptoren
In Haut und anderem Körpergewebe gibt es spezielle als Nozizeptoren bezeichnete sensorische Neuronen. Diese Neuronen übersetzen bestimmte Reize in Aktionspotentiale, welche dann zentraleren Teilen des Nervensystems wie etwa dem Gehirn übermittelt werden. Es gibt vier Arten von Nozizeptoren:
- Thermale Nozizeptoren sind sensibel für hohe oder niedrige Temperaturen.
- Mechanische Nozizeptoren reagieren auf starken Druck auf die Haut, wie bei Schnitten und Schlägen. Diese Rezeptoren reagieren schnell und lösen oftmals schützende Reflexe aus!
- Polymodale Nozizeptoren können durch starken Druck gereizt werden, durch Hitze oder Kälte sowie auch durch chemische Reizung.
- Stille [engl.: silent] Nozizeptoren bleiben still – daher der Name – werden jedoch sensibler bei Reizung durch umgebende Entzündung.
Gibt es einen beträchtlichen Gewebeschaden, werden mehrere chemische Substanzen in der Gegend um die Nozizeptoren ausgeschüttet. Dies entwickelt sich zu etwas, das als [engl.:] “inflammatory soup“ bezeichnet wird, eine saure Mischung, die die Nozizeptoren bis zu einem Zustand stimuliert und sensibilisiert, welcher als Hyperalgesie bezeichnet wird, das ist griechisch für “Superschmerz”.
- Prostaglandine werden von beschädigten Zellen ausgeschüttet.
- Kalium wird von beschädigten Zellen ausgeschüttet.
- Serotonin wird von den Blutplättchen ausgeschüttet.
- Bradykinin wird vom Blutplasma ausgeschüttet.
- Histamin wird von Mastzellen ausgeschüttet.
Zusätzlich zu alledem schütten Nozizeptoren selbst “
Histamin ist insofern interessant, als es eher als Jucken denn als Schmerz erlebt wird, wenn es Nozizeptoren reizt. Wir wissen nicht, warum. Wir verwenden natürlich Antihistamine, um den “Juckreiz zu lindern”.
Es gibt Gewebe, die Nozizeptoren enthalten, welche nicht zu Schmerz führen. In den Lungen beispielsweise gibt es “Schmerzrezeptoren”, die Sie zum Husten bringen, doch sie verursachen keine Schmerzempfindung.
Eine der mit Schmerz assoziierten chemischen Substanzen, die eigentlich aus der Welt außerhalb der Haut kommt, ist Capsaicin. Dies ist die Substanz, die Peperoni so “heiß” macht.
Transmission aufwärts
Die Nerven, welche Botschaften von den Nozizeptoren das Rückenmark hinauf tragen, folgen einigen verschiedenen Bahnen. Die meisten gehen zum Thalamus, wo sie auf verschiedene höhere Zentren verteilt werden. Einige gehen auch zur Formatio reticularis (welche unter anderem die Aufmerksamkeit steuert) und zur Amygdala (einem Teil des limbischen Systems, das an Emotion beteiligt ist).
Übertragener Schmerz, wie etwa der Schmerz, den Menschen manchmal in Armen und Schultern empfinden, wenn sie einen Herzanfall erleiden, geht auf die Art und Weise zurück, wie Nerven im Rückenmark zusammenkommen. Manchmal verliert das Gehirn die Übersicht darüber, wo der Schmerz herkommt.
Die Kontrollschrankentheorie [engl.: Gate Theory] basiert auf diesem Gedanken verwirrter Nervensignale. Es scheint, dass manche nicht-Schmerz Reizung manchmal in die Schmerzerfahrung eingreift. Das ist die Erklärung hinter solchen Phänomenen wie dem wohltuenden Reiben einer schmerzenden Region, der Anwendung warmer und kalter Kompressen, Akupunktur, Akupressur und TENS [engl.: transcutaneous electrical stimulation; Transkutane Elektrische Nervenstimulation].
Es gibt Menschen, die an irgend welchen Teilen dieser Bahnen Schädigungen erlitten haben, oft nach einem Schlaganfall, die kribbelnden oder brennenden Schmerz empfinden, der durch Berührung verstärkt wird. Andere Menschen haben Schädigungen in höheren Hirnregionen, die sie Schmerz empfinden lassen, wie jeden anderen Menschen auch, doch die Verbindungen zu emotionalen Zentren sind eliminiert. Sie empfinden Schmerz, doch sie leiden nicht!
Phantomschmerz – der Schmerz, den Amputierte manchmal in genau jenen Körperteilen empfinden, die ihnen fehlen – ist auf die Tatsache zurück zu führen, dass die Schmerz übermittelnden Neuronen im Rückenmark manchmal hyperaktiv werden, wenn Nozizeptoren beschädigt sind oder fehlen. Also erhält das Gehirn Botschaften von Schmerz, wo nicht einmal Gewebe übrig geblieben ist!
In Gehirn und Rückenmark gibt es bestimmte als Opioide bezeichnete chemische Substanzen, oder spezifischer Enkephalin, Endorphin und Dynorphin. Diese Opioide sind, wie der Name impliziert, körpereigene Formen von Opium sowie seiner Derivate Morphin und Heroin. Werden sie in Synapsen ausgeschüttet, vermindern sie die Schwellen übermittelten Schmerzes, exakt wie Heroin.
Es gibt eigentlich eine Vielzahl von Dingen, die das Schmerzerlebnis vermindern: Marihuana, Muttermilch (natürlich für Neugeborene), Schwangerschaft, Training, Furcht und Schock, Aggression und Diabetes. Eine verminderte Schmerzempfindung wird logischer Weise als Hypoalgesie bezeichnet.
Und es gibt Menschen, die mit der genetischen Unfähigkeit für jegliche Schmerzempfindung geboren werden. Es ist sehr selten, und zuerst klingt es wie ein Segen. Doch die Rate früher Todesfälle ist bei diesen Menschen recht hoch, gewöhnlich weil Verletzungen, um welche sich normale Menschen kümmern würden (kleine Verletzungen wie Verstauchungen) unbehandelt bleiben und sich in ernstere Probleme verwandeln. Es hat Menschen mit Appendizitis gegeben, die daran starben, weil sie es einfach nicht bemerkt hatten.
Das ist natürlich der Grund dafür, dass sich Schmerz entwickelt hat: Schmerz warnt uns, uns hinzusetzen, auszuruhen, uns um eine Verletzung zu kümmern, Dinge zu meiden, die Schmerz verursachen und so weiter. Andererseits ist Schmerz nicht immer nützlich. Ein Krebspatient weiß um ihre oder seine Erkrankung und kümmert sich darum. Der oft qualvolle Schmerz ist völlig unnötig, und wir sollten tun, was wir können, um ihn los zu werden!
Zitation
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