
17 Wahrnehmung & Interaktion
Wahrnehmung – sehen, hören, berühren, riechen, schmecken, die Position von Gelenken und die Anspannung der Muskeln spüren, Balance, Temperatur, Schmerz – beginnt mit der Stimulation von sensorischen Neuronen. Jeder Sinn braucht hoch entwickelte Zellen, die auf einen bestimmten Stimulus sensibel reagieren: Schmerzrezeptoren reagieren auf bestimmte Substanzen, die produziert werden, wenn Gewebe beschädigt wird. Berührungsrezeptoren brauchen Zellen mit Haaren, welche, wenn sie gebogen werden, Signale dazu bringen, entlang des Zellaxon abwärts zu laufen. Balance, Bewegung und sogar das Hören funktionieren mit ähnlichen Haarzellen. Temperaturempfindliche Neuronen haben Härchen, die sich als Reaktion auf Hitze oder Kälte dehnen oder zusammenziehen. Geschmacks- und Geruchsrezeptoren reagieren in derselben Weise auf Moleküle in der Umgebung, wie andere Neuronen auf Neurotransmitter reagieren. Und die Neuronen der Retina reagieren auf das Vorhandensein von Licht oder auf jene spezifische Frequenzbreite von Licht, das wir als Farbe wahrnehmen.
Doch Wahrnehmung ist mehr als nur passives Aufnehmen von Information. Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess: Berührung erfordert beispielsweise Bewegung – etwas, das wir heute als “Scanning” bezeichnen. Bei Berührung geht es um Informationen über Sie (z.B. Ihre Muskeln, Gelenke) ebenso wie darum, was Sie berühren. Wir können dasselbe über das Hören sagen. Wir sollten es eigentlich Zuhören nennen! Der Klang selbst bewegt sich natürlich intrinsisch – er verändert sich fortlaufend. Wäre dem nicht so, würden wir ihn nicht mehr hören!
Und dasselbe trifft auf das Sehen zu. Beim Sehen geht es um fortwährende Bewegung – unserer Augen, des Kopfes und Körpers oder der Dinge, die wir sehen oder alles obige zusammen. Die äußeren Teile unserer Retina sind besonders bewegungssensibel – gelangt also etwas in unser Gesichtsfeld, wird unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Selbst die Tatsache, dass wir zwei Augen haben (Binokularsehen) ist eine Art der Bewegung – die beiden Sichtweisen unterscheiden sich ganz leicht! Hielten wir unsere Augen ganz starr auf die Szene gerichtet, die wir ansehen, würde alles weiß werden!
Wir sollten auch im Kopf behalten, dass Wahrnehmung nicht mit den Augen oder den Ohren oder einem spezifischen Sinnesorgan vollführt wird. Es ist ein multisensorisches, ganzkörperliches Ding, das uns ganz beansprucht: “A one-year-old child standing on the floor of a room will fall down if the walls are silently and suddenly moved forward a few inches, although nothing touches him.” (Neisser, S. 116, unter Bezugnahme auf Lee und Aronson, 1974)
[Ein einjähriges Kind, das auf dem Fußboden eines Raumes steht, wird hinfallen, wenn die Wände leise und plötzlich einige Inch vorwärts bewegt werden, obwohl das Kind nicht berührt wird.]
Das “Rohmaterial” der Wahrnehmung
Von Anfang an hat der Wahrnehmungsprozess eine Menge, mit dem gearbeitet werden kann:Wir sind nicht in einer Position, in welcher wir aus einem Mosaik bedeutungsloser Lichtpunkte oder unverbundener Klänge oder Gerüche Sinn gewinnen müssten. Selbst schon in den 1890ern wies William James darauf hin, dass wir nicht nur Dinge wahrnehmen, sondern auch Beziehungen wie etwa “und” und “oder”.
Nehmen Sie Ihre Hände und halten Sie sie vor sich, ein paar Inch voneinander entfernt. Sie sehen Ihre Hände, klar, und es ist nicht schwierig, sich vorzustellen, dass es bei der Wahrnehmung Ihrer Hände um bestimmte Muster von Licht gefolgt von ähnlichen Mustern neuralen Feuerns geht. Doch beachten Sie, dass Sie Ihre Hände auch als “neben einander” wahrnehmen, während Ihnen diese Wahrnehmung in der Tat nicht direkt als Reiz, hervorgehend aus der Art, wie Ihre Hände an sich sind, geboten wird.
Vieles von dem, was wir wahrnehmen, ist “vorgepackt”, bereit zur Aufnahme. Die Natur bietet uns “Ecken” – Veränderungen in Lichtmustern, Übergänge im Klang –, die wir nutzen können, um Objekte aus der Umgebung auszuwählen. Beispielsweise sehen wir Dinge als vom Hintergrund abgehoben, etwas, das als Figur-Grund Phänomen bezeichnet wird, vorgestellt von dem dänischen Phänomenologen Edgar Rubin (1886 – 1951).
Rubin demonstrierte das Phänomen, indem er sein klassisches Beispiel einer mehrdeutigen Figur-Grund Situation erstellte:
Im Grunde nehmen wir einen Aspekt eines Ereignisses als Figur und den anderen als Grund wahr. In Rubins Darstellung gibt es keine echte Figur, keinen echten Grund. Es ist eine Zeichnung, die vorgibt, ein Objekt zu sein. Wir werden von der Mehrdeutigkeit gezwungen, die sich verschiebende Aufmerksamkeit zu nutzen, welche wir der Vase oder den Gesichtern geben, um das eine oder das andere Ding zu sehen.
Tiefe ist ein Hauptbeispiel für etwas, das wir direkt erleben, ohne vorauseilende Interpretation. Es wurde traditionell angenommen, dass wir Tiefe aus solchen Hinweisen wie Perspektive und relative Größe konstruieren, ebenso wie im Falle der leicht verschiedenen Bilder, die wir durch Binokularsehen erhalten. Doch wir müssen solche Hinweise nur nutzen, wenn wir uns Bilder ansehen, die Tiefe vorgeben! Eigentlich sehen wir wahre Tiefe, weil sie offen zutage liegt.
Wieder ist es die Tatsache, dass das Sehen über Bewegung funktioniert, das uns die Wahrheit der Angelegenheit zeigt. Beispielsweise ändern Dinge, die in unserer Nähe sind, schneller die Position als Dinge, die weiter weg sind, und entfernte Objekte formen den Hintergrund der näher gelegenen Objekte. Erinnern Sie sich aus der Kindheit daran, wie der Mond uns zu folgen scheint, während man herumfährt, wohingegen Telefonmasten mit einer Million Meilen pro Stunde vorüberpeitschen? Selbst Binokularsehen – die disparaten Bilder jedes Auges – ist eine Art der Bewegung.
Eleanor Gibson hat mit ihrem Experiment zur visuellen Klippe [engl.: visual cliff experiment] ihren Platz in der Geschichte der Psychologiebücher erobert. Sie baute einen Spezialtisch: eine Hälfte hatte Plexiglas mit unterklebtem Schachbrettmuster. Die andere Hälfte hatte auch Plexiglas, doch das Schachbrettmuster war ein Paar Fuß tiefer angebracht, auf dem Fußboden. Dazwischen befand sich eine Platte. Dann wurden Kleinkinder auf die Platte gesetzt und ihre Mütter wurden gebeten, die Kinder zu locken, damit sie von einer Seite zur anderen krabbelten. Raten Sie, welche Seite die Kinder nicht ausprobieren wollten? Offenbar sind Babys sehr gut in der Lage, Tiefe zu sehen, und zwar mit sehr wenig Erfahrungen mit “Klippen”, wenn überhaupt.
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