01. Grundlagen

Interaktion

Im Grunde nimmt diese Theorie die menschliche Erfahrung als Interaktion zwischen Welt und Selbst in den Blick. Ganz schlicht ausgedrückt, bietet uns die Welt Ereignisse und wir geben wiederum diesen Ereignissen einen Sinn, indem wir sie interpretieren und darauf reagieren.

Darin liegen bereits einige interessante Details: Erlebnisqualität (als Input bzw. Reiz seitens der Welt) und Handlungen (als Output bzw. Reaktion auf die Welt).

Es gab eine Zeit als Psychologen der Auffassung waren, dies sei bereits genug. Inzwischen wissen wir mehr und fügen zwei weitere Details hinzu, die ich Antizipation und Anpassung nenne.

InteraktionAntizipation ist nicht leicht zu erklären. Wir haben zunächst einmal ein bestimmtes Wissen von der Welt, ein “Modell” der Welt. Dieses umschließt alles vom kleinsten Detail – wie etwa welchen Schuh man zuerst anzieht – bis hin zu komplexen Zusammenhängen – etwa wie man sich selbst und dem eigenen Leben gegenübersteht. Wir nutzen dieses Modell um antizipieren – erwarten, vorausahnen – zu können, was im nächsten Moment oder in den nächsten zehn Jahren geschehen wird.

Wenn ich meine Augen schließe erwarte ich, dass der Raum noch da sein wird, wenn ich sie öffne. Anderenfalls wäre ich ernstlich überrascht. Wenn ich meine Augen schließe und mich auf diese Antizipation konzentriere, kann ich mir vorstellen, was ich zuvor noch sehen konnte. Wir können Bilder und Gedanken also als Vorahnungen verstehen, die vorübergehend aus dem Strom der Ereignisse herausgelöst sind!

Wir antizipieren zudem auch auf längere Sicht hin: Wir haben Vorahnungen darüber, was das College uns bringt oder nicht, darüber, dass die Liebe ewig währt, dass die Sonne aufgeht und so fort.

Anpassung ist gleichfalls nicht leicht zu erklären. Gelegentlich treffen unsere Erwartungen nicht zu. Zum Beispiel glaubt man, einen Freund von Weitem auf sich zukommen zu sehen, man bereitet sich darauf vor, ihm ein freundliches “Hallo!” entgegen zu rufen, doch gerade als man den Arm hebt, um ihm zuzuwinken und den Mund öffnet, um zu rufen, stellt man fest, dass es sich um eine fremde Person handelt.

Immer dann, wenn man Fehler macht, ist man veranlasst, herauszufinden, was schief gelaufen ist, was man dagegen tun könnte und wie man dem Fehler einen Sinn abgewinnen könnte. Während man das tut, verbessern man sein Verständnis der Welt sowie die eigene Beziehung zur Welt; das bedeutet, dass man sein “Modell” verbessert. Das bezeichnet man als Anpassung. Für unser Beispiel heißt das, dass man nun ein Bild von der Welt entwickelt hat, das Verwechslungen und peinliche Fehler einschließt, ebenso wie eine Neigung, mit überschwänglichen Hallos aus der Ferne in Zukunft vorsichtiger umzugehen. Anpassung bedeutet Lernen.

Diese zusätzliche Dimension der Interaktion von Antizipation und Anpassung ist entscheidend: Es bedeutet, dass unser Verhalten und unsere Erfahrungen nicht bloß eine Funktion allgemeiner Realität sind. Wir selbst, unser Verständnis der Realität, sind notwendiger und intrinsischer Teil unseres Verhaltens und unserer Erfahrungen. Ohne ein “Selbst” wäre die Realität bedeutungslos.

[…] Um also die Erfahrungen und Verhaltensweisen der Menschen zu verstehen, vorauszuahnen und zu kontrollieren, muss man verstehen, welche Bedeutung sie der Realität zuschreiben. Kein einfacher Trick.

Zitation

Boeree, C. George (24. Mai 2007): Grundlagen der Sozialpsychologie: 01. Grundlagen, URL: http://www.social-psychology.de/sp/gds/01

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