01. Grundlagen

Affekt

Bis hierher ist unsere Theorie eher kalt und mechanisch. Was ist mit den Gefühlen? Nun, sie sind, in gewissem Maße, an jeder Interaktion beteiligt.

Stellen wir uns folgendes vor: Mitten in der Nacht kommt der kleine Heißhunger. Also steht man auf und geht zum Kühlschrank. Es ist sehr dunkel, da man sich aber in der Wohnung bestens auskennt, kommt man auch ohne Licht zurecht. Der Esstisch steht mitten im Raum, man erwartet, dass er dort steht und manövriert um ihn herum. Vielleicht streckt man die Hand aus, um die Tischkante zu berühren und die Erwartung zu bestätigen. Man ist so gut wie am Ziel – ein paar Meter noch bis zum Kühlschrank – und RUMS! Man prallt gegen ein riesiges … Etwas: das Unerwartete!

Was empfindet man in einem solchen Moment? Vielleicht Furcht, Überraschung, vielleicht schiere Panik. Egal, was es ist, es wird recht unangenehm sein. Nennen wir das Gefühl Kummer.

Gleichzeitig “erstellt man Erwartungen” – man versucht zu bestimmen, welche Art von Monster es sein könnte, man handelt so, dass einige Ängste beruhigt werden, indem man etwa panisch nach dem Lichtschalter greift. Das Licht geht an … man erwartet einen sexbesessenen Psychokiller …

Und siehe da, es ist der Kühlschrank. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren hat man ihn hervorgezogen und hinterm Kühlschrank sauber gemacht und er steht noch so da. Nun, wie fühlt sich das an?

Vielleicht empfindet man Erleichterung, ein Gefühl angenehmer Auflösung. Man seufzt auf, vielleicht muss man lachten. Die Dinge machen wieder einen Sinn. Das Leben läuft wieder rund. Nennen wir das Gefühl Freude.

(Hinweis: Man empfindet vielleicht noch immer einige negative Emotionen, sobald die erste Erleichterung abgeklungen ist – etwa Ärger über die eigene Dummheit. Dieses Problem muss später noch gelöst werden!)

Ein anderes Beispiel: Schauen wir uns die Leute an, die auf einer solchen Super-Duper-Achterbahn gefahren sind. Man beachte ihr gequältes Lächeln. Das ist ihre Art zu sagen “Jawohl, ich hab’s überlebt!”

Genauer gesagt: Wenn eine Interaktion problematisch ist, empfindet man Kummer. Beispielsweise wenn man (1) nicht mit etwas gerechnet hat – wie bei der Sache mit dem Kühlschrank – dann ist man betrübt.
Man empfindet auch Kummer, wenn man (2) mehr als ein Ding zugleich erwartet: widerstreitende Erwartungen. Welcher meiner Mitbewohner ist eigentlich der Kettensägenkiller? Wann immer man allein mit einem der Mitbewohner ist, ist man unsicher, ob man sich wohl fühlen oder um sein Leben rennen soll.
Und man empfindet Kummer, wenn man (3) mit allgemeiner Unsicherheit konfrontiert ist: Wohin wird sich die Kakerlake, oder die Ratte, oder die Schlange als nächstes bewegen? Dies ist vielleicht die Wurzel unserer verbreiteten Phobien vor diesen entzückenden Geschöpfen.

Kummer kann milde ausfallen, als Irritation oder Ärgernis: Wenn der Kuli den Geist aufgibt, während man gerade an der Supermarktkasse den Scheck unterschreibt.

Kummer kann auch intensiver ausfallen: Der Frust, wenn das Auto liegen bleibt; die blanke Angst, wenn man auf der Autobahn die Kontrolle über das Fahrzeug verliert; der Ekel, wenn man herausfindet, dass der Liebste lebenden Hühnern die Köpfchen abbeißt.

Freude ist die Auflösung unserer leidvollen Probleme. Eigentlich findet die Entwicklung oder der Ausbau unseres Weltverständnisses statt, wenn wir Freude empfinden. Freude ist die emotionale Seite der Anpassung, des Lernens (ob man’s glaubt, oder nicht!).

Auch die Freude kann milde sein: Das angenehme Gefühl, ein Kreuzworträtsel gelöst oder ein Spiel oder einen sportlichen Wettkampf gewonnen zu haben. Oder sie kann etwas intensiver ausfallen, etwa die Erleichterung darüber, dass es einem nur so vorkam, als würde der Achterbahnwagen gleich aus den Schienen springen; oder die Freude einer wissenschaftlichen Entdeckung, einer künstlerischen Schöpfung oder einer mystischen Erfahrung.

Hinweis: Probleme zu lösen setzt voraus, dass Probleme bestehen, Freude hängt von Kummer ab. Selbst physische Freude funktioniert auf diese Weise: Man hat mehr Spaß daran, wenn man einige Zeit ohne auskommen musste, sei es Essen, Trinken oder Sex! Zu viel davon, und die Befriedigung will sich nicht recht einstellen. (Hinweis: Wir reagieren oftmals darauf, indem wir es noch viel mehr forcieren! Daher einige unserer neurotischen Neigungen im Bezug auf Sex, Essen, Glücksspiel, Aufmerksamkeit …)

Ist man mit Problemen konfrontiert, ist dies nicht die Ursache des Kummers – es ist Kummer. Kummer ist bloß die gefühlsmäßige Seite der Situation. Das gilt auch für Freude. Sie entsteht nicht beim Problemlösen, sie ist Problemlösung. Und Kummer und Freude bringen uns nicht dazu, eine Lösung zu suchen; sie stellen keine “motivierenden Kräfte” dar.

Zweifelsfrei wird man in Zukunft betrübliche Situationen eher meiden. Oder falls sie in Freude mündeten, wird man sie in Zukunft suchen. Die motivierende Instanz ist die Erwartung von Kummer oder Freude.

Angst ist die leidvolle Erwartung von Leid. Aus Erfahrung erwartet man, dass die Situation unangenehm sein wird. Diese Erwartung selbst ist unangenehm: sie widerstrebt unserem Bedürfnis, ein glückliches unbeschwertes Individuum zu sein. Dann wird man die Situation oft zu vermeiden suchen. Hoffnung ist die freudige Erwartung von Freude. Aus der Erfahrung erwartet man, dass das aktuelle Problem gelöst werden wird, und das ist ein froher Gedanke. Je nach den Einzelheiten könnte man hier von Eifer oder sogar Sehnsucht sprechen wie etwa “Ich sehne mich danach, endlich loszulegen!”

Nun, “grundsätzlicher” Kummer oder grundsätzliche Freude finden gewöhnlich nicht zeitgleich statt – denn eines ist das Problem und das andere ist die Lösung. Doch erwarteter Kummer und erwartete Freude – also Angst und Hoffnung – finden häufig gleichzeitig statt: Dies bezeichnen wir als “gemischte Gefühle”.

Surft man auf kleinen Stöcken bei 30 mph über tiefes Wasser, kann das nervös machen; Wasserski hingegen klingt nach einer Menge Spaß. Man empfindet sowohl Angst als auch Eifer. Ob man es ausprobiert, entscheidet sich daran, in welchem Verhältnis die beiden Faktoren für ein Individuum zueinander stehen. Allerdings weise ich darauf hin, dass diese Entscheidung eine sehr subjektive ist, sie basiert darauf, was ein Individuum ängstlich und eifrig werden lässt.

Mit Hilfe der Erwartung können wir auch anderen Emotionen wie etwa der Wut Sinn abgewinnen: Wut ist Kummer durch die Erwartung einer äußeren Veränderung. Das Problem liegt “da draußen” und Wut ist die aufgebaute Energie, die zur Lösung des Problems erforderlich ist. Man kann einfach versuchen, ein Baby vom Krabbeln abzuhalten – was passiert wohl?

Traurigkeit ist Kummer durch die Erwartung einer innerlichen Veränderung. Das Problem ist “hier drinnen”. Ich stelle fest, dass ich mich daran anpassen muss. Trauer ist das deutlichste Beispiel: Man kann sie nicht zurückbekommen; man kann nur lernen, mit der Abwesenheit der Verstorbenen zurecht zu kommen. Bei vielen unserer größten Lernprozesse geht es um Traurigkeit, wenn man etwa die eigenen Grenzen und Möglichkeiten verstehen lernt oder beispielsweise die Grenzen geliebter Menschen.

Hinweis: Wut ist etwas hoffnungsvoller; Traurigkeit ist etwas schwerer zu ertragen. Die Menschen neigen dazu, auf Dinge wütend zu sein, bevor sie sich ergeben und akzeptieren, was sich nicht ändern lässt. Das wiederum sagt uns etwas wichtiges: Wir widerstehen größeren Veränderungen des Selbst, wenn wir können, wir versuchen, die Welt unseren Erwartungen anzupassen.

Manchmal verbleiben Menschen in diesen Gefühlszuständen. Jemanden, der immerzu versucht, die Welt – und besonders andere Menschen – seinen Erwartungen anzupassen, bezeichnen wir als aggressiv und seinen Gefühlszustand als feindselig. Oft muss sich derjenige selbst unbedingt ändern, sich anpassen. Doch aus irgendwelchen Gründen – Kultur beispielsweise – ist das Einlenken ein Tabu. Es ist wie bei den leiblichen Freuden, wenn es nicht richtig funktioniert, tun wir, was wir immer tun, nur noch viel mehr!

Entsprechend bezeichnen wir eine Person, die immerzu versucht, sich der Welt anzupassen – und besonders den Erwartungen anderer gerecht zu werden – als unterwürfig, den Gefühlszustand bezeichnen wir allgemein als depressiv. Diese Person versucht ständig, sich anderen anzupassen, obwohl er unbedingt einmal wütend werden müsste.

Am verbreitetsten ist die Vermeidung: Wenn wir ein Problem auf uns zukommen sehen, geben wir unserer Angst nach und laufen davon, physisch ebenso wie psychisch. Vermeidung ist der Versuch, wirklich aus einer emotionalen Situation weg zu kommen, zurück in einen friedlichen Zustand.

Unglücklicherweise muss man auch auf die freudigen Problemlösungen verzichten, wenn man Probleme und den damit verbundenen Kummer meidet. Denken wir an einige gängige “psychologische” Arten, Lebensproblemen aus dem Weg zu gehen: Alkohol, Drogen, Fernsehen. Das Ziel der Vermeidung ist es, bewusstlos zu sein oder doch zumindest kein Bewusstsein der Probleme mehr zu haben.

Diese drei “Typen” – aggressiv, unterwürfig und vermeidend – sind so gängig, dass sich gleich von mehreren Theoretikern unabhängig voneinander behandelt wurden (Adler, Horney, Fromm und andere). Vielleicht haben diese drei Typen sogar eine genetische Komponente, so dass einige Menschen dazu neigen, aggressiv auf Probleme zu reagieren, andere reagieren unterwürfig und wieder andere reagieren mit Vermeidung.

Reifere Menschen neigen dazu, Probleme im Hinblick auf ihre Lösung anzugehen: Sie stellen sich Kummer und Angst mit Hoffnung und Eifer. Dazu braucht es allerdings einiges – die Fähigkeit, sich auf die eigenen Ziele zu konzentrieren und die Schmerzen zu ignorieren, die es bedarf, um dorthin zu gelangen. Dies hat man als Willenskraft, Selbstdisziplin, als Bedürfnis nach Erfolg, Aufschub der Belohnung und emotionale Intelligenz bezeichnet. Ich nenne es einfach Wille.

Zu diesem Gedanken kehren wir später noch einmal zurück.

Zitation

Boeree, C. George (24. Mai 2007): Grundlagen der Sozialpsychologie: 01. Grundlagen, URL: http://www.social-psychology.de/sp/gds/01

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