
02. Personenwahrnehmung
Geistige Strukturen
Die grundlegenden Sinnbausteine können wir als Kontraste bezeichnen: wir stückeln die Welt in kleine Teile, trennen dies von jenem, nehmen Differenzierungen vor. Andere Bezeichnungen hierfür sind Konstrukte, Konzepte, Perzepte, Kategorien, Dimensionen und so fort jeweils mit einer etwas anderer Bedeutung. Doch letztendlich beziehen sie sich alle auf den Prozess, bei dem wir aus einem zwei machen: mehr oder weniger; es ist dies oder das; es gibt zwei Arten von Menschen auf der Welt; entweder die oder wir; entweder das eine oder das andere; schwarz oder weiß; bitte antworten Sie mit Ja oder Nein.
Meist verwenden wir immer das eine oder das andere Ende des Kontrastes. Diese Enden werden als Charakteristika bezeichnet, oder, besonders im Bezug auf menschliche Charakteristika, als Charakterzüge. Doch das andere Ende ist immer präsent, es lauert quasi im Hintergrund. Das eine ohne das andere gibt es nicht – gut ohne schlecht, hinauf ohne hinunter, dick ohne dünn …
Wichtig ist, dass diese Kontraste nicht sprachlicher Natur sein müssen: Meine Katze kennt den Unterschied zwischen dem teuren Katzenfutter und der billigen Version, kann aber nicht darüber sprechen; ein Kind unterscheidet zwischen Mama und Nicht-Mama; wild lebende Tiere unterscheiden zwischen Gefahrenzonen und sicheren Gegenden, etc. Auch erwachsene Menschen “wissen” gelegentlich etwas ganz einfach, ohne dass sie es erklären könnten – unbewusste Kontraste, könnte man sagen: Was genau an dieser Person gefällt oder missfällt mir?
Dennoch sind Kontraste nicht völlig frei. Wir verbinden und organisieren sie. Wir können zum Beispiel folgende Kategorie definieren: “Frauen sind erwachsene menschliche Wesen”. Oder wir gehen noch einen Schritt weiter und ordnen Dinge taxonomisch, wie etwa bei den wurzelförmigen Strukturen, die wir aus der Biologie kennen: Eine Siamkatze ist eine Katzenart, eine Katze ist ein Fleischfresser, ein Fleischfresser ist ein Säugetier, ein Säugetier ist ein Wirbeltier ….
Oder wir binden Kontraste wie Regeln in zeitliche Strukturen ein. Diese werden häufig als Schema oder Skript bezeichnet. Ausführliche Beispiele finden sich in Büchern über Kartenspiele, Etikette oder Grammatik; jeder Mensch kennt eine ganze Reihe solcher Regelsysteme, auch wenn sie meist so automatisiert sind, dass sie uns nicht bewusst sind!
Nicht alle Ordnungssysteme für Kontraste sind so streng strukturiert. Wir können etwas beschreiben wie: “Frauen sind zart.” Das Beispiel legt nahe, dass Beschreibungen, anders als Definitionen, nicht der Wahrheit entsprechen müssen! Annahmen sind ähnlich wenn auch lockerer als Taxonomien. Während Vögel definitiv (d.h. per definitionem) Wirbeltiere sind und Federn haben, ist es nur meine Annahme, dass sie alle fliegen können – ich könnte mich auch irren! Stereotype sind Beispiele für derartige Annahmen; ebenso Meinungen. Doch mancher Glaube ist so starr, dass er definitiv erscheint.
Es gibt zudem Erzählungen – die Geschichten, die wir im Kopf haben. Sie sind zeitlich, wie Regeln, und doch erstaunlich flexibel. Sie können aus Erinnerungen an persönlich Erlebtes bestehen, aus auswendig gelernter Geschichte oder auch aus purer Fiktion. Ich habe den Verdacht, dass sie einen immensen Beitrag zu unserer Identität leisten, hinzu kommt, dass Tiere nicht in demselben Maße darüber verfügen wie wir.
Generativität
Eine wunderschöne Sache, die wir mit sprachlichen Kontrasten und Charakteristika tun können ist, jemandem eine Person zu beschreiben – zum Beispiel eine Liste von Charaktereigenschaften aufzählen. In dem Fall setzen wir uns bereits sozial mit einer Person auseinander, die wir noch nie getroffen haben!
Diese Person könnte schon lange verstorben sein, und doch können wir sie in gewisser Weise kennen lernen. Jedes Wort und jeder Ausdruck, den wir erhalten oder liefern, begrenzt die Reichweite möglicher Erwartungen ein wenig mehr.
Er ist männlich? Er ist männlich, in den Vierzigern, pummelig, ein Professor der Psychologie … Oh, ich verstehe, wen du meinst. Je mehr gesagt wird, desto präziser die Erwartungen.
In der Sprachwissenschaft heißt es, Sprache sei generativ. Das bedeutet, dass mit einer kleinen Auswahl von Worten und wenigen grammatikalischen Regeln eine potentiell unendliche Anzahl von sinnvollen Sätzen gebildet (generiert) werden kann. Eben diese Generativität ist charakteristisch für menschliche Aktivität. Was wiederum bedeutet, dass egal wie viele Kontraste sich auf den pummeligen Professor anwenden lassen, immer eine unendliche Anzahl möglicher Charakteristiken oder Verhaltensweisen bleibt, die der Professor in den Vierzigern hervorbringen kann. Mit anderen Worten, dieser Professor kann immer noch überraschen!
Wir versuchen, andere einzuschätzen, indem wir uns selbst in unsere Annahmen hineindenken! Dabei gehen wir davon aus, dass die anderen sich so verhalten, wie wir selbst es in ihrer Lage täten. Ich bezeichne dies als “die Annahme emphatischen Verstehens”.
Dies wiederum scheint eine so starke menschliche Tendenz zu sein, dass wir selbst bei nicht-menschlichen Geschöpfen und Dingen oft so vorgehen. Zum Beispiel im Umgang mit Tieren tendieren wir dazu, anthropomorph zu denken. Ich tendiere dazu, meine Katze als manipulativ, machiavellistisch, ja sogar soziopathisch zu betrachten, obwohl sie im Grunde nicht den IQ einer Bohnensprosse hat. Wir sprechen sogar nicht-lebenden Dingen “Seelen” zu, was als Animismus bezeichnet wird. So versuchten etwa unsere Vorfahren, wütende Vulkane zu besänftigen oder sich für die Großzügigkeit der Erde zu bedanken.
Wenn alles andere fehlschlägt, erwarten wir, dass die anderen so sind wie wir.
Zitation
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