
03. Balance
Wir erinnern uns, dass Kummer verschiedene Grundlagen haben kann:
1. falsche Antizipation, wenn man zum Beispiel jemandem die Hand schütteln will – und die eigene Hand durch seine hindurch greift!
2. unsichere Antizipation und
3. konflikthafte Antizipation, wenn man zwei oder mehr Dinge zugleich erwartet.
Die ersten beiden sind in Problemen mit der Relation von “Geist und Welt” begründet, also zwischen unserem Verständnis der Realität und unserer Wahrnehmung dessen. Doch letzteres schließt Relationen innerhalb des Geistes ein und kann auch ohne aktive Anteilnahme an der Welt vorkommen. Wenn man konflikthafte Antizipationen hat, spielt es nahezu keine Rolle, was die Welt dazu sagt, so dass der daraus hervorgehende Kummer eine sehr internale, persönliche Angelegenheit sein kann.
Obwohl wir tendenziell annehmen Anpassung bedeute, neue Wege im Umgang mit schwieriger Realität zu erlernen oder zumindest zu lernen, die Realität so zu akzeptieren, wie sie ist, so ist sie doch relativ unbegreiflich. Ungeachtet der Quelle des Kummers wird Anpassung die Verneinung oder Verzerrung der Realität umfassen, ebenso wie Aktionen, die das betreffende Problem auf Distanz halten, statt es zu lösen. Mit anderen Worten, Anpassung kann auch dazu dienen, uns von der Realität zu trennen.
Ich bezeichne dies als psychologische Selbstverteidigung. Wir belügen uns selbst, und genau wie bei der physischen Selbstverteidigung muss es nicht etwa um jeden Preis vermieden werden: In diesem schwierigen Leben müssen wir uns oft vor unvermeidlicher Verwirrung schützen. Behalten wir das im Kopf.
3.1.1 Balancetheorie
Fritz Heider, ein Sozialpsychologe mit gestaltpsychologischem Hintergrund, entwickelte hierzu eine Theorie, bekannt als Balancetheorie oder “P-O-X” Theorie.
Gehen wir einmal davon aus, Sie sind Mutter oder Vater eines kleinen Kindes. Das Kind kehrt eines Tages vom Kindergarten zurück und bringt ein Geschenk mit. Sie reißen das Geschenkpapier auf und finden – Überraschung! – einen Aschenbecher aus Ton. Es ist das hässlichste Ding im ganzen Universum, und Sie rauchen nicht einmal. Doch der kleine Künstler steht mit einem breiten Lächeln und leuchtenden Augen vor Ihnen – voller Stolz.
Sie sagen etwas wie “Oh vielen Dank; es ist so wunderschön; du bist ein richtiger Künstler; es gefällt mir sehr, sehr gut, wir stellen es gleich hier in die Vitrine zu der Sammlung antiker Kristallgläser!” Was Menschen, die dergleichen nie erlebt haben, nicht verstehen ist, dass Siejedes Wort ernst gemeint haben.
Fritz Heider sieht dies folgendermaßen: Sie sind die Person (P); das Kind ist die andere Person (O); der Aschenbecher ist das dritte Element des Dreiecks (X). Zwischen den dreien bestehen verschiedene Beziehungen:
Innerhalb des Dreiecks gibt es zwei Arten von Beziehungen:
1. Beziehungseinheiten: Dinge und Menschen, die “zusammengehören”, die in gewisser Weise eine gute Gestalt ausmachen. Vielleicht erinnert sich jemand an einige Ideen über Wahrnehmung – wir tendieren dazu, Dinge aufgrund ihrer Ähnlichkeit, Nähe, gemeinsamem Schicksal und so weiter zu “gruppieren”. Also, zwei Colliehunde, die Seite an Seite in die selbe Richtung laufen, sind eher eine Einheit (Gestalt) als eine Ente und eine Kuh, 100 Kilometer voneinander entfernt, die in unterschiedlicher Richtung laufen.
Im Bezug zu Menschen, verstehen wir sie als zusammen gehörend, wenn sie sich im Bezug auf Nationalität, Religion, Sozialstatus, Familienzugehörigkeit etc. gleichen – wenn sie also in einem sozialen Konstrukt zusammengefasst werden können. Für uns gehören Dinge zu einem Menschen, wenn es sich dabei um Besitz, Handlungen oder Eigentum handelt.
2. Gefühlsbeziehungen: unsere Evaluation von Dingen und Menschen: lieben, hassen, akzeptieren, zurückweisen, verehren, verteufeln etc. Heider vereinfacht dies, indem er Empfindungen auf Mögen und Nichtmögen beschränkt.
In unserem Beispiel geht es um eine positive Gefühlsbeziehung zum Kind, und das Kind hat eine positive Beziehungseinheit zum Aschenbecher. Fehlt also noch die untere Seite des Dreiecks, unsere Gefühlsbeziehung zum Aschenbecher. Hier trifft Heider die Voraussage, dass sie positiv sein wird.
Zitation
02. Personenwahrnehmung « | » 04. Vorurteil
© dt. 2006-2008: d.wieser für social-psychology.de. All rights reserved.










