04. Vorurteil

Stereotype

Ein oftmals dramatisches Beispiel für unseren Gebrauch kontrastierender Antizipation finden wir in unserer Neigung, Stereotype zu verwenden. Ein Stereotyp ist eine relativ simple und unflexible Zusammenstellung von Eigenschaften, die immer auf eine bestimmte Gruppe von Menschen angewandt wird: Männer sind aggressiv und denken ständig an Sex; Frauen sind schwach und redselig; dicke Menschen sind lustig, gesellig und faul.

Stereotypisierungen vorzunehmen, ist eine normale Funktion – indem wir die Dinge ein wenig vereinfachen, kommen wir mit den Komplexitäten des sozialen Lebens besser zurecht. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, solange der Bezug zur Realität nicht verloren geht. Doch häufig ist es anders. Hier sind einige der potentiellen Fallstricke:

1. weitreichende Generalisierung: Man überträgt die Eigenschaften einer Gruppe auf ein Individuum, das dieser Gruppe angehört. Ein Mitglied der Gruppe aber muss nicht notwendigerweise die Eigenschaften aufweisen, die mit der Gruppe assoziiert werden, selbst wenn die Eigenschaften durchaus auf die Gruppe zutreffen. Man muss sich nicht an Normen klammern; Gemeinplätze sind Fiktion. Der Autor dieses Textes ist eine pummlige Person, lassen Sie mich also das Beispiel der “dicken Menschen” aufgreifen: Wir könnten gute Gründe haben, anzunehmen, dass dicke Menschen langsam sind. Doch ich habe Dicke kennen gelernt, die eine dünne Person auf dem Tennisplatz fertig machen! Wie würde es Ihnen wohl gefallen, wenn Ihnen ein Job versagt bleibt, weil Ihr Aussehen dem Arbeitgeber signalisiert, dass Sie nicht effizient arbeiten können?

2. übereilte Generalisierung: Man nimmt an, dass die Eigenschaften eines Individuums sich auf alle Mitglieder der Gruppe übertragen lassen. Oft gründen unsere Stereotype auf den fadenscheinigsten Annahmen:

Informationen aus zweiter Hand: Viele, wenn nicht die meisten Stereotype bauen auf dem auf, was andere uns erzählen – unsere Familie, Lehrer, Freunde, Medien etc. – und die wiederum könnten ihre Informationen von jemand anderem haben. Wie kommt man zum Beispiel zu diesem Stereotyp über Araber? Haben Sie jemals eine arabische Person kennen gelernt? Wie gut haben Sie diese Person kennen gelernt, wenn überhaupt?

Veraltete Information: Selbst wenn die Information aus zweiter Hand einen gewissen Wahrheitsgehalt hat, mag sie dennoch auf uralten Erfahrungen basieren. Leben Araber noch immer in Zelten – oder haben sie überhaupt je in Zelten gelebt? Oder haben wir so etwas nur in alten Filmen gesehen? Viele Stereotype wurzeln im Hunderte von Jahren alten Hass gegen Immigrantengruppen.

Begrenzte Beispiele: Ob das Stereotyp nun aus zweiter Hand stammt oder aus eigener Erfahrung, es kann dennoch auf einer begrenzten Erfahrung mit der betreffenden Gruppe gründen. Wenn man tatsächlich einige Araber kennen gelernt hat, dann stellt sich immer noch die Frage, wie viele man kennen gelernt hat, und ob diese Auswahl repräsentativ ist.

Oder nehmen wir als Beispiel italienisches Essen: Die meisten Amerikaner denken, dass italienisches Essen immer aus Pasta, Olivenöl und Tomatensauce besteht; tatsächlich aber spielen in der italienischen Küche Brot, Fisch, Butter und weiße Soßen eine wesentliche Rolle. Die meisten Immigranten, die aus Italien in die USA kamen, stammten aus dem Süden Italiens, und so entstand das begrenzte “Beispiel” der italienischen Küche, mit dem wir vertraut sind!

Lebhaftigkeit: Das, was uns an einer Gruppe am bemerkenswertesten erscheint, das, was sie besonders von uns oder anderen Gruppen unterscheidet, wird häufig fälschlicherweise als “normal” angenommen. Die Araber haben viel Öl, die Dänen tragen Holzschuhe, amerikanische Indianer tragen Federschmuck auf dem Kopf… alle drei Beispiele sind Ausnahmen, doch weil es sich um hervorstechende Merkmale handelt, bleiben diese Eigenarten in unserem Gedächtnis lebendig.

Polynesier sind sinnlich, Japaner extrem höflich… auch wenn die Charakteristika ein Körnchen Wahrheit enthalten, verbergen sie doch häufig andere ebenso wahre Charakteristika. Die Polynesier zum Beispiel haben einige wirklich strikte Regeln der Bescheidenheit, und Japaner können ausgesprochen direkt, sogar grausam im Umgang mit Außenseitern sein.

3. Ungerechtfertigte Rückschlüsse: Wir fügen auch Informationen hinzu, die nicht vorhanden sind und es sogar nie waren. Rückschlüsse, die wir vor dem Hintergrund unserer eigenen Gesellschaft ziehen können, sind im Zusammenhang einer anderen Gesellschaft möglicherweise völlig irrelevant. In unserer Gesellschaft zum Beispiel, gilt es als schmutzig, nur einmal wöchentlich zu baden, und schmutzig zu sein gilt wiederum als asozial, asozial zu sein, ist wirklich sehr, sehr schlecht. Aber haben wir denn das Recht, solche Folgerungen zu ziehen? Ist Schmutz wirklich schlecht? Es gibt Kulturen, die uns vielmehr für schmutzig halten: Die Japaner zum Beispiel waschen sich komplett, bevor sie baden. Ein anderes Beispiel ist, dass zerrissene Kleidung in den Vororten einer Stadt als Hinweis auf psychische Krankheit verstanden wird, anderenorts hingegen ist es schlicht ein Zeichen für Armut.

Die Wurzel des Ganzen liegt häufig in unserem begrenzten Verständnis: Selten haben wir alle erforderlichen Informationen, die es uns ermöglichen würden, eine andere Gruppe von Menschen zu verstehen. Es gibt möglicherweise Gründe für ihr “bizarres” Verhalten, die dieses Verhalten weniger bizarr erscheinen ließen. In manchen Ländern ist Wasser beispielsweise nicht so selbstverständlich verfügbar. In armen Ländern mag es kaum gereinigtes Trinkwasser oder kein funktionierendes Leitungssystem geben. In Ländern mit extrem kaltem Klima kann das Baden geradezu gefährlich sein. Wir vergessen zudem, dass selbst unsere Großeltern höchstens einmal wöchentlich badeten. Hinzu kommt, dass Körpergerüche mancherorts nicht als peinlich empfunden werden – man kann auch sauber sein, ohne keimfrei zu sein.

Es kann sich aber auch um eine Self-Fulfilling Prophecy handeln: Oftmals werden die Menschen das, was wir von ihnen erwarten. “Lustig und gesellig” zu sein, kann für eine dicke Person zum Beispiel Akzeptanz bedeuten. Im Kontakt mit anderen ethnischen Gruppen zeigt man seinen Stolz, indem man die eigene “Ethnizität” übertrieben zur Schau stellt. Amerikanische Indianer verschiedener Stämme, haben gegenseitig die Kleidung, Rituale und Kunst der anderen Stämme übernommen. Und Amerikaner dänischen Ursprungs hängen Holzpantoffeln an ihre Haustüren!

Angesichts all dieser Fallstricke im Kontext der Stereotype ist es kein Wunder, dass wir Schwierigkeiten haben!

Zitation

Boeree, C. George (24. Mai 2007): Grundlagen der Sozialpsychologie: 04. Vorurteil, URL: http://www.social-psychology.de/sp/gds/04.

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