05. Soziale Erwartung

Normen

Zuvor sprachen wir über Kontraste, Annahmen, Regeln und so weiter. Wir haben uns näher mit Charaktereigenschaften beschäftigt, mit den Rückschlüssen, die wir aufgrund der Eigenschaften eines Menschen ziehen. In diesem Kapitel wird es um eine andere Gruppe von Kontrasten und die damit einhergehenden Rückschlüsse gehen. Ich bezeichne diese als soziokulturelle oder geteilte Erwartungen, zentrale Themen sind in diesem Zusammenhang Normen, Rollen und Status.

Es ist eines der größten Mysterien der Welt, dass die Gesetze der Natur (wie die Schwerkraft) uns einerseits beherrschen und einschränken, ihre Konsistenz, Ordnung und Vorhersagbarkeit es aber ermöglicht, dass wir sie für unsere Zwecke nutzen. Weil wir die Gesetze der Schwerkraft und der Aerodynamik kennen, ist es uns erst möglich, Flugzeuge zu bauen, die uns (in gewisser Weise) von diesen Gesetzen “befreien”! Unsere Macht entsteht durch unsere Kenntnis der Hintergründe dieser Ordnung der Welt.

Die soziale Welt ist ebenfalls geordnet. Die soziale Ordnung ist nicht so unverrückbar wie die physikalische Ordnung, und wenn auch die Macht der Gesetze oder Gewohnheiten groß ist, so haben wir immer noch die Wahl, ob wir uns dem unterwerfen oder nicht. “Du kannst nicht mit deiner Mutter Sex haben” ist eine machtvolle Anordnung, doch nicht so machtvoll wie “Du kannst nicht durch eine Mauer gehen.” (Kelvin, p. 21)

Dennoch brauchen wir in der sozialen Welt ebenso wie in der physischen Welt ein wenig Ordnung. Die soziale Ordnung basiert auf geteilten Erwartungen (Annahmen, Regeln, Werten) die wir als Normen bezeichnen.

Normen sind Standards, mit denen wir feststellen, ob Verhalten, Wahrnehmungen, Annahmen und sogar Empfindungen innerhalb der sozialen Gruppe, für die die Normen relevant sind, angemessen sind. “Soziale Gruppe” kann auf eine ganze Kultur oder Gesellschaft bezogen sein, eine Subkultur oder eine ethnische Gruppe, eine Organisation oder Gemeinschaft, oder sogar auf einen Klub oder eine Gang.

Das Wort Norm hat dieselbe Wurzel wie “normal” und der einfachste Weg, Normen in einer Gruppe oder Gesellschaft zu finden, ist nachzuforschen, was die Menschen als normal ansehen. Normal (wenn Sie sich an Ihre Statistikkurse erinnern) meint “das, was am wahrscheinlichsten ist” – und man könnte verschiedene Verhaltensweisen auflisten und die Menschen bitten, sie zu bewerten. (Derartige Bewertungen werden als subjektive Wahrscheinlichkeiten bezeichnet.)

Wie oft putzen Sie sich die Zähne? Nie? Einmal jährlich? Einmal monatlich? Einmal täglich? Zweimal täglich? Dreimal täglich? Stündlich? Ständig?
In unserer Gesellschaft, nehme ich an, wird wohl ein- bis zweimaliges Zähneputzen täglich als normal angesehen. Ein Kind kann vielleicht einmal einen Tag auslassen; ein Zahnhygieniker putzt sich die Zähne vielleicht nach jedem Essen und jedem Snack.

Aber halten wir fest: Eine Norm ist nicht notwendiger Weise das, was jeder für richtig oder gut hält! Vermutlich sollten wir alle die Zähne drei mal täglich putzen und Zahnseide benutzen, doch das tun wir nicht – das würde nicht als “normal” betrachtet werden. Kriminelle sind vielleicht anormal, doch das gilt auch für Heilige!

Andererseits ist die Norm nicht immer das, was die meisten Menschen tun. Es ist interessant, das, was die Menschen für normal halten, mit dem zu vergleichen, was (statistisch) in privaten Bereichen wie der Sexualität, normal ist! Es ist zum Beispiel nicht sehr lange her, da umfassten die Normen der Gesellschaft noch das Masturbationstabu, obwohl eine Mehrheit der Bevölkerung diese Praktik ausübte!

Normen, ebenso wie Gewohnheiten, scheinen ihre eigene Existenz zu haben: “The behavior ‘prescribed’ by an informal norm is prescribed because it is deemed to be valid. This validity itself, however, is inferred from the frequency of occurrence of the behavior in question.” (Kelvin, p. 87) Also putzen wir uns die Zähne ein- oder zweimal täglich, weil es normal ist, und es ist normal, weil wir uns die Zähne ein- bis zweimal täglich putzen.

Überdies ist die verbreitetste Quelle für Informationen über die Häufigkeit, mit der etwas geschieht, die Tradition. Also ist eine Norm wie “Jungen tragen Hosen; Mädchen tragen Röcke” damit gerechtfertigt, dass man sagt “Es ist so vorgesehen, dass Jungen Hosen tragen; für Mädchen ist es vorgesehen, dass sie Röcke tragen”, und dies wiederum ist durch nichts gerechtfertigt; “So ist es immer gewesen”.

Abgesehen von Gewohnheiten und Traditionen, kann eine Gruppe oder Gesellschaft Normen auch mittels Sanktionen durchsetzen, also mit Belohnungen und (besonders) mit Strafen. Wenn die Normen und Sanktionen dann eingebürgert sind, werden sie zu Regeln, Gesetzen, Urteilssystemen, Strafanstalten, elektrischen Stühlen uns so weiter.

Muzafer Sherif hat die klassische Demonstration normativen Verhaltens erarbeitet. Wenn ich in einem stockfinsteren Raum einen Lichtpunkt an die Wand werfe, kommt es uns so vor, als bewege er sich – eine Illusion, die als autokinetischer Effekt bezeichnet wird. Wenn ich Sie fragte, wie weit sich der Lichtpunkt bewegt hat, könnten Sie schätzen – 5 oder 6 Inches vielleicht. Sherif ließ eine Gruppe von Menschen den Lichtpunkt sehen und ihre Schätzungen abgeben. Zunächst unterschieden sich die Schätzungen um einige Inches, doch mit jeder Wiederholung des Experiments kamen die Schätzungen sich näher – man kann sagen, die Gruppe entwickelte eine “Norm”.

Wenn Sherif einen “Stooge“ – einen seiner Assistenten – an einer Gruppe teilnehmen ließ, der überhöhte Schätzungen abgab (14 oder 15 Inches zum Beispiel), dann neigte auch die Gruppe infolge dessen zu höheren Schätzungen. Wenn der Assistent an seinen hohen Schätzungen festhielt, konnte er die Schätzungen einer ganzen Gruppe seinen Schätzungen angleichen. Sherif kam sogar zu dem Ergebnis, dass die künstlich hohen Normen sich über einige “Generationen” von Probanden hinweg hielten: Dazu ersetzte er zunächst den ersten Assistenten nach mehreren Schätzungen, dann nach und nach auch Mitglieder der ursprünglichen Gruppe durch neue Teilnehmer. Die hohe Norm verschwand nur langsam.

Auch in der realen Welt haben wir viele Normen, die nicht länger wirklich hilfreich oder relevant sind, und doch bleiben sie erhalten. Besonders in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen finden wir zahlreiche Beispiele!

Zitation

Boeree, C. George (24. Mai 2007): Grundlagen der Sozialpsychologie: 05. Soziale Erwartung, URL: http://www.social-psychology.de/sp/gds/05.

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