
06. Konformität
defensive Konformität
Konformität ist ein eher komplexes Konzept, und es gibt eine Reihe unterschiedlicher Arten von Konformität:
1. Die Normkonformität, die wir zuvor besprochen hatten, ist zumeist unbewusst. Sie wurde internalisiert (gut gelernt), wahrscheinlich bereits in der frühen Kindheit. Unsere gesellschaftlichen Normen werden selten angezweifelt; vielmehr nehmen wir sie als gegeben an, im Sinne von “so sind die Dinge eben.” Das gesamte Leben hindurch wird das Erlernen dieser Normen durch die Gültigkeit der Norm unterstützt – d.h. sie funktioniert, weil es eben die Norm ist.
2. Doch manchmal entschließen wir uns bewusst zu konformem Verhalten, wenn wir zum Beispiel freiwillig einer Gruppe beitreten. Wir übernehmen dann verschiedene Normen, weil die Gruppe für uns attraktiv ist und wir uns mit der Gruppe und ihren Werten und Zielen identifizieren. In dramatischeren Ausmaßen wird dies dann als Bekehrung bezeichnet.
3. In anderen Fällen verhalten wir uns konform, weil wir dazu gezwungen sind, d.h. wir sind uns des konformen Verhaltens bewusst, und doch ist es nicht freiwillig. Dies wird häufig als Ergebenheit bezeichnet – eine vorgehaltene Waffe oder auch eine süße Belohnung können sie herbeiführen. Anders ausgedrückt handelt es sich um Konformität als Reaktion auf die Sanktionen, die die Gesellschaft oder die Gruppe ausüben kann.
4. Doch was wir in der Forschungsliteratur meist als Konformität bezeichnen, ist etwas “irgendwie Bewusstes” und “nicht ganz Freiwilliges”. Gewöhnlich wird sie durch soziale Angst herbeigeführt – etwa die Furcht vor Peinlichkeiten, Irritation durch Verwirrung, ein Minderwertigkeitsgefühl, das Bedürfnis, geliebt zu werden und so weiter. Ich werde dies als defensive Konformität bezeichnen. Die Grundlagenforschung zu dieser Art der Konformität wurde von Solomon Asch und seinen Studenten durchgeführt:
Stellen Sie sich vor, Sie haben sich freiwillig für ein psychologisches Experiment gemeldet und tauchen zur vereinbarten Zeit im Labor auf. Dort finden Sie einen Tisch mit vier Stühlen vor, drei davon sind bereits von anderen Studenten besetzt. Also setzen Sie sich auf den freien Stuhl und bereiten sich innerlich auf irgendein bizarres psychologisches Experiment vor. Endlich erscheint der Leiter des Experiments mit zwei Stapeln großer Pappkarten. Er stellt sich vor, bedankt sich für Ihre freiwillige Mitarbeit und beginnt zu erläutern: Wie auf der obersten Karte zu sehen ist, enthält der eine Stapel Karten, die je drei Linien abbilden, jede von unterschiedlicher Länge. Der andere Stapel enthält Karten, die nur je eine Linie abbilden. Die Aufgabe lautet “Bewerten Sie die Länge der Linien” und scheint sehr einfach zu sein: Sogar aus einiger Distanz ist eindeutig, welche der drei Linien zu der einzelnen Linie passt.
Es geht also los. Der Leiter des Experiments ruft den ersten Studenten auf. Er schaut sich die Linien an, grübelt eine Weile… und entscheidet sich für die falsche Kombination! Naja, das kann passieren. Der Leiter des Experiments nickt weise und fordert den nächsten Studenten zu einer Schätzung heraus. Auch dieser grübelt … und tippt falsch! Jetzt fühlen Sie sich doch schon ein wenig seltsam. Der dritte Versuchsteilnehmer ist an der Reihe – Ihre letzte Chance – und auch er tippt ganz eindeutig daneben. Und nun sind Sie an der Reihe. Seriös, wie Sie sind, geben Sie die richtige Antwort – alle drei Freiwilligen und auch der Leiter des Experiments schauen Sie an, als seien Sie vom Mars.
Dann holt der Leiter des Experiments die zweite Karte aus jedem Stapel hervor und beginnt erneut mit der Befragung. Und wieder geben die anderen Studenten ganz eindeutig die falschen Antworten. Doch diesmal – was werden Sie tun, wenn Sie an der Reihe sind? Nun, sogar in dieser sozial wenig bedrohlichen Situation geben die Studenten zu 35% ganz offensichtlich die falschen Antworten. 10% der Testteilnehmer verhielten sich jedoch niemals konform; unglücklicherweise verhielten sich 10% durchgehend oder zumindest nach dem ersten Testdurchlauf konform. Und das, obwohl jeder von uns annehmen würde, dass wir zu den ersten 10% gehören – einer der letzten Individualisten – im Grunde denkt das jeder. Sie können nie wissen, wie Sie sich verhalten werden, bis Sie sich tatsächlich in der Situation befinden!
(Hinweis: Die anderen Teilnehmer des Experiments waren in das Konzept eingeweiht.) Asch und seine Studenten führten dieses Experiment in zahlreichen Varianten durch, um herauszufinden, welche Variablen für das Ausmaß der Konformität bestimmend sind:
1. Der Schwierigkeitsgrad oder die Doppeldeutigkeit der Aufgabe. Zum Beispiel wurde die Länge der Linien so angepasst, dass sie nicht so leicht zu unterscheiden waren – so war es schwieriger, die Zuordnung vorzunehmen. Wie zu erwarten, wächst die Konformität unter derartigen Bedingungen. In einem ähnlichen Experiment von Shaw sollten die Testpersonen das Ticken eines Metronoms zählen. Das Experiment ergab: je schneller das Ticken, desto größer die Konformität.
Folgendes geschieht: Je schwieriger die Aufgabe, desto größer ist unser Bedürfnis für den Rückhalt durch die Gruppe. In der ersten Testsituation verhalten wir uns konform, weil wir uns vor Peinlichkeiten fürchten, in einer doppeldeutigeren Situation verhalten wir uns auch “konform”, weil wir unserer selbst nicht sicher sind und andere für uns zur Quelle der Information werden. Man bezeichnet dies auch als den Wechsel von normativem Druck zu Informationsdruck.
Besser ist es allerdings, das Geschehen als Überschneidung zweier unterschiedlicher Prozesse zu betrachten: Einerseits geht es uns darum, unser Bedürfnis nach Anerkennung durch andere (sowie andere soziale Bedürfnisse) zu befriedigen; andererseits geht es uns um unser Bedürfnis nach korrektem Verständnis der Dinge, die um uns herum vorgehen.
2. Die relativ empfundene Kompetenz von Subjekt und Gruppe. In einer anderen Variante der Untersuchung sollten Testpersonen alleine die Länge der Linien zuordnen, und sie erhielten direkt eine Rückmeldung: “Du machst das wirklich gut” oder “Das scheint nicht gerade dein Ding zu sein, oder?” Diese Rückmeldung aber war willkürlich, hatte also nichts mit den Tipps der Testperson zu tun. Anders gesagt, der Leiter des Experiments manipulierte das Selbstbewusstsein der Teilnehmer.
Anschließend nahmen diese Personen an der eigentlichen Gruppen-Testsituation teil. Hatte man sie im vorherigen Experiment gelobt, fühlten sie sich kompetent und verhielten sich tendenziell weniger wahrscheinlich konform. War ihnen zuvor der Eindruck vermittelt worden, dass sie die Aufgabe schlecht bewältigten, fühlten sie sich inkompetent und verhielten sich in der Gruppensituation konformer. Halten wir fest, dass das Verhalten davon abhängt, wie sehr wir Informationen benötigen: Wenn man in einer Sache nicht sehr kompetent ist, wendet man sich an andere.
Auch die wahrgenommene Kompetenz der Gruppe kann experimentell beeinflusst werden: Stellen Sie sich vor, Sie sitzen als Testperson im Experiment (Asch-Situation) drei Typen mit super-dicken Brillengläsern gegenüber, die sich vor lehnen, unentwegt zwinkern und so weiter. Wenn Sie die anderen Teilnehmer als inkompetent (bezogen auf die betreffende Aufgabe) einschätzen, werden Sie sich nicht so leicht konform verhalten. Oder anders: Stellen Sie sich vor, dort sitzen drei Architekturstudenten, die sich mit Linien wohl wirklich gut auskennen….
3. Der relative wahrgenommene Status der Gruppe und des Subjekts. Wenn der Einfluss der Kompetenz auf dem rationalen Bedürfnis nach Information aufbaut, so ist der Einfluss des Status weit weniger rational und stellt ein eindeutiges Beispiel für “defensive” Konformität dar. Wenn wir davon überzeugt sind, dass die Gruppe einen höheren Status hat (d.h. in unseren Augen), verhalten wir uns eher konform. Aber wenn wir den Status der Gruppe niedrig einschätzen, passen wir uns nicht so leicht an.
Dies gilt auch für das Verhalten von Gruppen gegenüber Individuen: Wenn wir sehen, wie eine hoch angesehene Person bei rot über die Kreuzung läuft, würden wir ihr eher folgen, als einer Person mit niedrigem Status. Und wenn Status mit Kompetenz kombiniert ist, trifft dies noch mehr zu: Von wem lässt man sich wohl lieber durch den Verkehr auf New Yorks Straßen leiten, von einem aufgeweckten jungen Angestellten oder einem Bettler, der nach Gin riecht?
4. Gruppenzusammenhalt. Besteht die Gruppe aus Freunden, passen wir uns mehr an. Zwar haben wir in einer Gruppe von Freunden die Freiheit “wir selbst” zu sein, doch der gemeinsame Wunsch, eine feste Gruppe zu bilden, war der Ausgangspunkt der Freundschaft!
Wir müssen aber nicht nur unsere Tendenz betrachten, uns an die Gruppen anzupassen, denen wir bereits angehören; wir verhalten uns ebenso konform zu Gruppen, zu denen wir nur gehören möchten. Je mehr wir uns von einer Gruppe angezogen fühlen, desto stärker die Anpassung.
Der vielleicht wichtigste Aspekt für den Gruppenzusammenhalt liegt in den gemeinsamen Zielen. Hat die Gruppe ein gemeinsames Ziel, ist die Konformität größer. In einem Experiment sagte man den Teilnehmern, dass die Gruppe, die die korrektesten Antworten gibt, begehrte Theaterkarten erhält. Man würde annehmen, dass jeder so gut wie möglich zu sein versucht, auch wenn die Gruppe anderer Meinung ist. Statt dessen fanden die Forscher in diesem Experiment mehr Konformität als je zuvor. Niemand möchte “hervorstechen”, wenn es um etwas so wertvolles für die Gruppe geht. Wie die Japaner sagen, der Nagel, der herausragt, wird eher getroffen!
5. Zusammensetzung der Gruppe. Wenn Einzelne davon ausgehen, dass die Gruppe aus einer Anzahl verschiedenster Menschen zusammengesetzt ist, wird das Subjekt sich eher konform verhalten. Wenn Sie Student/Studentin sind und neben Ihnen sind ein Banker, eine Hausfrau und ein Handwerker – was können sie alle gemeinsam haben, das sie zu ihrem bizarren Verhalten treibt? Du müssen Sie selbst also falsch liegen und folglich passen Sie sich an.
6. Gruppengröße. Die am leichtesten zu untersuchende Variable ist die Größe einer Gruppe, doch die Ergebnisse sind enttäuschend simpel. Konformität tritt bereits sehr stark in Erscheinung, wenn die Gruppe nur 3 oder 4 eingeweihten Testteilnehmer ( Stooges ) umfasst; sie steigt bei 6 oder 7 noch ein wenig an; und sinkt bei 15 oder 16. In der Asch-Situation wächst offensichtlich der soziale Druck nicht proportional zu Gruppengröße.
Doch kontrastieren wir dies einmal mit den Auswirkungen großer Massen auf unser Verhalten (Massenverhalten). Wenn man sich Filme über Hitlers Großveranstaltungen anschaut oder riesige religiöse Revivals, oder wenn man ein Footballspiel besucht, versteht man, dass emotionales Verhalten in großen Gruppen äußerst anstecken ist. Innerhalb einer Gruppe entsteht das Gefühl der Anonymität oder gar Depersonalisierung: Sie verlieren Ihren Sinn für Individualität und lassen sich von der Gruppe mitreißen.
7. Übereinstimmung in der Gruppe. In Aschs Untersuchungen ist die Einstimmigkeit innerhalb einer Gruppe die wohl stärkste Variable. In den ursprünglichen Untersuchungen waren die Testteilnehmer, die in das Untersuchungskonzept eingeweiht waren, immer einer Meinung. Doch wenn nur einer dieser Eingeweihten sich nicht konform verhält, ist die Wirkung weg. Dann fällt es leicht, eine andere Meinung zu vertreten. Das bleibt auch so, wenn der eingeweihte Testteilnehmer, der sich nicht konform verhält, eine falsche Antwort gibt!
Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Die meisten Gesellschaften behandeln Individuen, die sich nicht konform verhalten, sehr streng, weil durch sie die Stabilität der Sozialstruktur gefährdet wird. Wenn die Nicht-Konformen ihr Verhalten ohne negative Folgen durchsetzen, werden andere ihrem Beispiel folgen. Daher ist es die “Pflicht” der Gesellschaft, dass nicht-konformes Verhalten nicht ohne negative Folgen bleibt! Wir halten fest, dass dies sowohl gut als auch schlecht sein kann, je nach Gesellschaft und der Art der Nicht-Konformität.
Zitation
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