
07. Soziobiologie
Instinkt
Ein Bild für unsere Fähigkeit zu lernen ist, dass wir uns als Lehmklumpen vorstellen, der von den Lebensumständen verändert und geformt wird, so dass wir uns in der Zukunft diesen Umständen anders nähern. Sind wir zu hart, wie Stein, kann der Organismus keine Veränderungen hinnehmen und auch nicht lernen; sind wir zu weich, wie Sand, können sich die Veränderungen im Organismus nicht auf die Umwelt auswirken.
Die Proportion von unveränderlichen zu veränderlichen Aspekten der Organismen – von Sand zu Stein – wächst, je mehr wir uns dem menschlichen Wesen nähern. Primitivere Lebewesen scheinen die meisten für sie wichtigen “Kontraste” bereits in sich zu tragen, während höher entwickelte Lebewesen (unter anderem der Mensch) sich mehr auf ihre Lernfähigkeit stützen.
Doch auch wir besitzen einige bereits “eingebaute” Kontraste – zum Beispiel Reflexe, die Struktur der Retina und vielleicht sogar einige Instinkte.
Wir wollen zunächst mit einem Beispiel für instinktgeleitetes Verhalten bei Tieren beginnen: Eine Stichlingsart (three-spined stickleback) ist ein kleiner Fisch, der in den Flüssen und Seen Europas daheim ist. Im Frühjahr ist Paarungszeit für diese Fische und zugleich auch eine gute Zeit, ihr instinktgeleitetes Verhalten zu beobachten.
Es finden nun einige Veränderungen in ihrem Aussehen statt: Das normalerweise schlicht gefärbte Männchen wird oberhalb der Mittellinie rot. Er grenzt sein Territorium ab und verjagt jedes andere Männchen mit ähnlich roter Färbung, währenddessen baut er aus Schilf ein Nest in einer kleinen Höhle. Daraus fertigt er einen Tunnel, indem er immer wieder durch das Nest hindurch schwimmt. Dieses Verhalten ist angeboren. Auch Männchen, die abgesondert von Artgenossen aufwachsen, zeigen dieses Verhalten. Während der Paarungszeit verjagt das Männchen nicht nur rotgefärbte Artgenossen, sondern jeden roten Gegenstand, den er in seinem Revier findet (er geht auch auf einen roten Spielzeuglaster los, der sich im Glas des Aquariums spiegelt).
Zeitgleich verändert sich auch das Weibchen: Normalerweise ist sie ebenso wenig gefärbt wie das Männchen außerhalb der Paarungszeit, doch nun schwillt ihr Körper durch die vielen Eier an, die sie in sich trägt. Zusätzlich entwickelt ihre Haut einen silbrigen Schimmer, der auf Männchen geradezu unwiderstehlich wirkt. Wenn ein Männchen auf ein solches Weibchen trifft, schwimmt er in Zickzack-Linien auf sie zu. Sie reagiert, indem sie mit hoch erhobenem Kopf auf ihn zuschwimmt. Daraufhin weist das Männchen sie auf sein Nest und besonders auf dessen Eingang hin. Sie schwimmt in sein Nest hinein, so dass ihr Kopf am einen und ihre Schwanzflosse am anderen Ende herausragt. Er stupst wiederholt gegen ihr Körperende und bewirkt damit, dass das Weibchen ihre Eier ausstößt und das Nest wieder verlässt. Das Männchen schwimmt nun in das Nest hinein und befruchtet die Eier. Anschließend verjagt er das Weibchen und hält nach einer neuen Partnerin Ausschau.
Was hier vorgeht, ist eine Serie von Zeichen-Reizen und festgelegten Abläufen: Der Zickzack-Tanz des Männchens ist eine Reaktion auf das Äußere des Weibchens, und wird zugleich zu einem Reiz, welcher das Weibchen dazu verleitet, ihm in das Nest zu folgen und so weiter. Ist nicht das Balzverhalten des kleinen Fisches vergleichbar mit einigen menschlichen Flirtritualen?
Ethologen – Wissenschaftler, die das Verhalten von Tieren in ihrer natürlichen Umgebung erforschen – haben Verhalten wie das der Fische schon mehr als ein Jahrhundert hindurch studiert. Zum einen hat Konrad Lorenz ein hydraulisches Modell entwickelt, das zeigt, wie ein Instinkt funktioniert. Uns steht ein gewisses Maß an Energie für jede Art von Instinktsystem zur Verfügung, was im Modell als aktionsspezifisches Potential dargestellt wird. Es gibt einen vermutlich neurologischen Mechanismus, der es erlaubt, dass ein Anteil dieser Energie in Gegenwart eines angemessenen Reizes abgegeben werden kann: Abflussventil, Quelle, Maßstab und Gewicht. Daneben gibt es weitere Mechanismen – neurologische, motorische, hormonelle – welche die Energie in spezifisch festgelegte Handlungen übersetzen: Der Auffangbehälter und seine verschiedenen Abflüsse. Heute würden wir dem entgegensetzen, dass Energie eine unglückliche Metapher ist und das gesamte System eher als Informationsverarbeitungsprozess verstehen – doch jedes Zeitalter hat seine eigenen Metaphern. Die ursprüngliche Beschreibung ist dennoch schlüssig.
Ist hiervon etwas auf das Flirt- und Sexualverhalten der Menschen übertragbar? Diese Frage zu beantworten, überlasse ich Ihnen. Doch was ist mit anderen Beispielen? Nun, es gibt zwei Möglichkeiten:
1. Bestimmte Verhaltensmuster finden sich bei den meisten, wenn nicht allen Tieren, zum Beispiel der Kampf um das eigene Überleben, die Suche nach Status und Macht, deren Inbegriff die Aggression ist. Wir werden dies als “assertive instinct” bezeichnen.
2. Bei einigen wenigen Spezies gibt es andere Verhaltensmuster, wie zum Beispiel die Sorge um andere, die in der Sorge der Mutter um ihren Nachwuchs zum Ausdruck kommt. Wir werden dies als “nurtural instinct” bezeichnen.
Eine Reihe Biologen haben versucht herauszufinden, wie einige der motivierten Verhaltensweisen zustande gekommen sind. In der Psychologie suchen wir für gewöhnlich nach den unmittelbaren Ursachen, wir schauen uns also unmittelbar mit dem Phänomen zusammenhängende Situationen genauer an, vielleicht Verhaltensweisen und Einstellungen in der jüngeren Vergangenheit oder meist auch der Kindheit eines Menschen. Soziobiologen aber beziehen die Evolution sozialen Verhaltens in ihre Überlegungen ein.
Die Grundlagen der Evolution sind recht einfach. Zum einen neigen alle Tiere dazu, sehr viele Nachkommen zu produzieren, einige Arten haben in einer Lebensspanne Tausende Nachkommen. Und doch bleiben die Populationen der Tiere über Generationen hinweg relativ stabil. Offensichtlich schaffen es einige der Nachkommen nicht!
Zum anderen gibt es innerhalb einer Spezies eine gewisse Varianzbreite. Diese Varianz basiert weitgehend auf genetischen Unterschieden und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Zu den Unterschieden zählen Merkmale, die einigen Individuen das Überleben und die Fortpflanzung erleichtern, doch ebenso jene Merkmale, die eine Fortentwicklung behindern.
Setzt man nun beide Tendenzen zusammen, erhält man die natürliche Selektion: Die Natur fördert die Weitergabe positiver (hilfreicher) Merkmale und lässt die negativen aussterben. Die Evolution setzt sich so lange fort, wie die Merkmalsvielfalt durch sexuelle Rekombination und Mutation immerzu erweitert wird und die Ressourcen des Überlebens limitiert bleiben.
Ein Soziobiologe namens David Barash schlug eine Leitfrage vor, die es uns erleichtern soll, mögliche evolutionäre Wurzeln einer Verhaltensweise zu ergründen: “Warum ist Zucker süß”, also warum ist Zucker für uns so angenehm? Eine Hypothese lautet, dass unsere Vorfahren sich von Früchten ernährten, um ihren Nährstoffbedarf zu decken. Früchte enthalten die meisten Nährstoffe, wenn sie reif sind. Eine reife Frucht hat einen hohen Zuckergehalt. Jeder unserer Vorfahren, der gerne Süßes aß, ernährte sich mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von reifen Früchten. Die daraus resultierende gute Gesundheit geht mit größerer Stärke und Attraktivität für eventuelle Paarungspartner einher. Diese Individuen hinterlassen auch eher mehr Nachwuchs, der wiederum die Vorliebe für Süßes erbt. Auch der Nachwuchs wird also mehr reifes Obst essen und wahrscheinlich eher die sexuelle Reife erreichen usw. Eine allgemeinere Form der Leitfrage wäre es, nach jeder Form motivierten Verhaltens zu fragen “Inwiefern könnte dieses Verhalten für unsere Vorfahren bei Überlebenskampf und/oder Reproduktion hilfreich gewesen sein?”
Ein interessanter Punkt im Rahmen dieses Beispiels ist, dass wir heute raffinierten Zucker haben – etwas, das unseren Vorfahren nicht zur Verfügung stand, doch etwas, das wir entdeckten und an unsere Nachkommen weitergegeben haben. Klar ist, dass unsere Vorliebe für Zucker heute nicht mehr im Zusammenhang mit Überlebenskampf oder Fortpflanzung steht. Doch die Kultur entwickelt sich bedeutend schneller als die Evolution: Es hat Millionen Jahre gedauert, bis wir unsere gesunde Vorliebe für Zucker entwickelten; es hat nur einige tausend Jahre gedauert, dieses Verhalten wieder zu schwächen.
Zitation
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