1.2 Die Vorsokratiker

«Erkenne dich selbst.»
[Inschrift am Apollotempel in Delphi]

Psyche, aus dem Griechischen psu-khê, vermutlich abgeleitet von einem Wort, das “warmblütig” bedeutet – Leben, Seele, Geist, dahingeschiedener Geist, bewusstes Selbst, Persönlichkeit, Schmetterling oder Motte.

Ähnliche Worte:
Thymos, mit der Bedeutung Atem, Leben, Seele, Wesensart, Mut, Wille;
Pneuma, mit der Bedeutung Atem, Verstand, Geist, Engel;
Noös, mit der Bedeutung Verstand, Geisteskraft, Intellekt, oder die Bedeutung eines Wortes.

Die Griechen

Die westliche Geistesgeschichte beginnt immer bei den antiken Griechen. Das bedeutet nicht, dass niemand vor den Griechen tiefe Einsichten gehabt hätte, oder dass die Philosophien im antiken Indien oder China (und anderenorts) auf irgendeine Weise minderwertig seien. Tatsächlich haben Philosophien von überall auf der Welt das westliche Denken beeinflusst, jedoch erst sehr viel später. Denn es waren die Griechen, die die Römer ausbildeten, und nach der langen Zeit des Mittelalters waren es die Aufzeichnungen jener Griechen, die von muslimischen und jüdischen Gelehrten ebenso studiert wurden wie von den christlichen Mönchen, die Europa erneut ausbildeten.

Wir könnten uns auch fragen, warum denn überhaupt erst die Griechen? Warum nicht die Phönizier oder die Karthager oder die Perser oder die Etrusker? Es gibt eine Reihe möglicher Gründe. Ein Grund hat mit der Fähigkeit zu lesen und zu schreiben zu tun, die wiederum mit dem Alphabet zusammenhängt. Erst wenn Gedanken aufgezeichnet werden, gehen sie in die Geistesgeschichte ein. Obwohl der Buddhismus nämlich eine sehr gelehrte Philosophie entwickelt hat, ist es über Jahrhunderte eine mündlich überlieferte Tradition geblieben, bis erste Aufzeichnungen entstanden, da das Brahmi Alphabet erst spät entwickelt wurde. Erst dann konnte sich der Buddhismus überall in Asien ausbreiten.

Das Alphabet wurde von den Semiten an der Mittelmeerküste entwickelt, eingeschlossen der Hebräer und der Phönizier, die schlichte Zeichnungen verwendeten, um Konsonanten statt Worte darzustellen. Die Phönizier sind offenbar in den Griechen aufgegangen. Die Griechen wiederum erfanden Vokale, indem sie einige gesonderte Buchstaben nutzten, die in ihrer Sprache nicht gebraucht wurden.

Bevor das Alphabet erfunden wurde, waren Lesen und Schreiben Aufgaben spezialisierter Schreiber, die zumeist nur Regierungsaufzeichnungen anfertigten. Sogar bei den Phöniziern war das Schreiben mehr ein Werkzeug der Kaufleute, die schreibend einen Überblick über den Handel behielten, und kein Mittel, um Ideen festzuhalten. Schließlich wurden Schreiben und Lesen in einigen Stadtstaaten Griechenlands zu etwas, das “jeder” tat. Mit “jeder” meine ich natürlich die Männer der Oberklasse. Frauen, Bauern und Sklaven sollten diese Fähigkeit nicht erwerben, diese Entwicklung fand erst später statt. Wenn man sich also fragt, wo die weiblichen Philosophen geblieben sind, nun, es gab durchaus einige wenige! Die Dichterin Sappho von Lesbos kommt der Vorstellung einer Philosophin am nächsten, soweit dies aus den Dokumenten der antiken Welt hervorgeht.

Doch das Alphabet erklärt nicht alles. Ein Faktor, der die Griechen eher dazu prädestinierte, eine geistige Entwicklung zu beginnen, war die Tatsache, dass sie früh mit dem Seehandel begannen. Boden und Klima in Griechenland waren einigermaßen für Ackerbau geeignet, aber eben doch nicht besonders. Damit war die Idee, Dinge, die man nicht selbst herstellen konnte, anderenorts zu erwerben, recht nahe liegend. Hinzu kommt, dass Griechenland praktisch nur aus Küsten und Inseln besteht, damit war die Seefahrt eine ebenso selbstverständliche Lösung.

Mit dem Seehandel geht der Kontakt zu einer riesigen Vielzahl von Zivilisationen einher, eingeschlossen ihrer Religionen, Philosophien und Wissenschaften. Das bringt die Menschen zum Nachdenken: Wenn der eine x sagt, der andere y und der Dritte z, was ist dann die Wahrheit?

Händler sind gewöhnlich Skeptiker. Doch die Phönizier (und ihre Cousins, die Karthager) hatten das Alphabet zuerst, und sie waren auch ausgezeichnete Seehändler. Warum also haben nicht sie die westliche Geistesgeschichte begründet? Vielleicht hat dies mit der Zentralisierung zu tun. Die Phönizier hatten eine autoritäre Regierung, die von den mächtigsten Kaufleuten kontrolliert wurde. Bei den Karthagern trifft dies auch zu. Vielleicht zwang die Tatsache, dass sie von mächtigen autoritären Reichen umgeben waren, sie zu dieser Regierungsform, um so ihr Überleben zu sichern.

Die Griechen hingegen waren in kleine Stadtstaaten aufgeteilt, jeder von ihnen einzigartig, jeder betont eigenständig, alle zankten und bekämpften sich. Dies mag unvorteilhaft wirken, doch wenn es um Gedankengut geht, können Konflikte sehr belebend sein! Man sollte bedenken, dass die rege geistige Aktivität ihren Niedergang hatte, als Griechenland schließlich unter mazedonischer Herrschaft vereinigt wurde. Und als die Römer die Herrschaft übernahmen, kam praktisch jegliche Aktivität zum Erliegen.

Zitation

Boeree, C. George (11. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 1.2 Die Vorsokratiker, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/1.2

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