
1.4 Sokrates, Platon, Aristoteles
«The unexamined life is not worth living.»
[Sokrates]
Die Athener
Wenn wir an das antike Griechenland denken, denken wir sofort an Athen. Einige der Philosophen, mit denen wir uns schon beschäftigt haben, hielten es für den Gipfel ihrer Karriere, in dieser großartigen Stadt zu leben und zu unterrichten. Doch Athen war nicht immer großartig. Ursprünglich war es eine Ansammlung von Dörfern irgendwo im ärmsten ländlichen Bereich Griechenlands. Nur sorgsam umhegte Trauben und Oliven ermöglichten den frühen Athenern einen Lebensunterhalt, dies und der Handel. Der Abstand zwischen den Besitzenden – den herrschenden Aristokratenfamilien – und den Besitzlosen – Bauern, die das Land bewirtschafteten – zusätzlich zur feudalen Unterdrückung, wurde so groß, dass die Stadt und das Umland unter dem Gewicht zusammenzubrechen drohten.
Im Jahre 594 vor Christus rekrutierte die Mittelklasse einen Kaufmann namens Solon, die Stadt zu regieren und Frieden und Wohlstand wieder einkehren zu lassen. Zuerst löschte er alle Schulden und befreite alle, die infolge ihrer Schulden zu Sklaven geworden waren. Als nächstes skizzierte er eine Verfassung, in welcher die Bevölkerung in vier Klassen unterteilt wurde, basierend auf ihrem wirtschaftlichen Stand, die Höchstrangigen erhielten die meiste Macht, doch die am niedrigsten stehenden Bürger waren von den Steuern freigestellt.
Nach schwieriger Übergangsphase etablierte sich die erste Demokratie der Welt unter Kleisthenes im Jahre 507 vor Christus, als dieser nämlich ausrufen ließ, alle freien Männer hätten die Erlaubnis zu wählen. Natürlich ist das noch keine vollständige Demokratie, doch man sollte nicht zu hart urteilen: Erst im Jahre 1814 sollte Sklaverei gesetzlich verboten werden, als nämlich Mexiko als erste souveräne Nation die Sklaverei endgültig unterband.
Die USA würden ihre Sklaven erst 1865 mit dem 13. Amendement befreien. Und Frauen hatten kein Wahlrecht, bis Neuseeland ihnen 1893 das Wahlrecht zugestand. In den USA dauerte die Entwicklung bis 1919, als im 19. Amendement das Frauenwahlrecht geregelt wurde.
Etwa zur selben Zeit als das demokratische Experiment begann, entschloss sich das persische Reich im Osten leider dazu, erst nach Ionien und dann nach Griechenland hin zu expandieren. Im Jahre 490 besiegten jedoch 20000 Griechen eine 100000 Mann starke persische Armee in Marathon, nördlich von Athen. (Ein Bote namens Pheidippides lief die ganzen 26 Meilen – 42.195 km – nach Athen, um die guten Nachrichten zu überbringen, daher stammt der Sport des Marathonlaufs!)
481 vor Christus schickte der persische König Xerxes eine Arme von über zwei Millionen Männern begleitet von einer 1200 Schiffe starken Flotte, um Griechenland erneut anzugreifen. Diese Armee fiel im Norden Griechenlands ein und bereitete sich vor, Athen zu attackieren. Sie fanden eine verlassene Stadt vor. Doch die persische Flotte traf auf die wartende griechische Flotte in der Bucht von Salamis. Trotz schlechter Aussichten gewann Griechenland. 479 waren die Perser gezwungen, sich nach Kleinasien zurückzuziehen.
Wem das nur ein kleiner geschichtlicher Ausschnitt zu sein scheint, sollte folgendes bedenken: Dieser Sieg sollte es den Griechen ermöglichen, ein Denken weiter zu führen, dass für die folgenden zwei Jahrtausende in Europa und im Mittelmeerraum entscheidend sein würde.
Während der Epoche, die wir in diesem Kapitel betrachten, hatte Athen 300 000 Einwohner, was die Stadt zu einer der weltgrößten Städte machte. Etwa die Hälfte der Bewohner waren frei, ein Drittel waren Sklaven und ein Sechstel waren Fremde ( metics ). Die Zahl der freien erwachsenen wahlberechtigten Männer betrug etwa 50 000 Personen.
Der Mittelmeerraum der Antike
Zeitleiste 600 – 200 vor Christus
Sokrates
Sokrates (470-399) war der Sohn eines Steinmetz und einer Hebamme, während Athens Konflikt mit Sparta diente er in der Armee. Er heiratete, doch er hatte die Neigung, sich in hübsche junge Männer zu verlieben, insbesondere in einen jungen Soldaten namens Alcibiades. Den Quellen zur Folge war er klein und kräftig gebaut, kein guter Ehemann und ein Liebhaber von Wein und Gesprächen. Sein berühmter Schüler Plato nannte ihn “den weisesten und gerechtesten und besten Menschen, den ich je kennen gelernt habe” ( Phaedo ).
Ihn irritierten die Sophisten und ihre Neigung, Logik als Mittel selbstsüchtiger Ziele zu lehren, mehr noch irritierte ihn, dass sie den Gedanken vertraten, alles sei relativ. Er selbst liebte, ersehnte und glaubte an die Wahrheit.
Für Sokrates war die Philosophie, die Liebe zur Weisheit, ein heiliger Pfad, eine heilige Suche — kein Spiel, das man auf die leichte Schulter nimmt. Er glaubte – oder zumindest sagte er, dass er an den Dialog Meno glaubte – an die Reinkarnation einer ewigen Seele, die alles Wissen enthalte. Bei jeder Geburt verlieren wir die Verbindung zu diesem Wissen, deshalb müssen wir an das erinnert werden, was wir bereits wissen (statt etwas Neues zu lernen).
Er sagte, er unterrichte nicht, sondern diene vielmehr, wie seine Mutter, als Hebamme für eine Wahrheit, die bereits in uns ist! In der Sokratischen Methode heißt es Maieutics (Geburtshilfe), die Studenten mit Frage und Antwort an das Wissen zu erinnern.
Ein Beispiel seiner Wirkung für die Philosophie findet sich in dem Dialog Euthyphro. Er meint, was als gute Handlung zu gelten hat, sei nicht gut, weil die Götter es sagen, sondern es ist gut, weil es uns in dem Bemühen, bessere und glücklichere Menschen zu werden, nützlich ist. Das bedeutet, dass Ethik nicht länger bei den Göttern oder in den Schriften nach dem Guten oder Bösen sucht, sondern dass man beim Nachdenken über das Leben zu dieser Einsicht gelangt. Er stellte individuelles Gewissen sogar über das Gesetz – eine sehr gefährliche Einstellung für ihn!
Sokrates hat seine Gedanken nie selbst aufgeschrieben, viel lieber ermutigte er seine Schüler – wohlhabende junge Athener – zu endlosen Unterhaltungen. Im Austausch für seinen Unterricht kümmerten sie sich um seinen Lebensunterhalt. Weil er nur wenig brauchte, nahm er nur sehr wenig entgegen, sehr zum Verdruss seiner Frau Xanthippe.
Platon rekonstruierte diese Diskussionen in einer großen Schrift, die als die Dialoge bekannt ist.
In diesen Dialogen fällt es schwer auseinander zu halten, was Sokrates und was Platon ist, deshalb untersuchen wir sie einfach beide gemeinsam. Sokrates wurde keineswegs von allen geliebt. Seine unorthodoxen religiösen Einstellungen (dass hinter der Vielzahl griechischer Götter nur ein Gott stehe), lieferte den führenden Bürgern Athens jede Ausrede, die sie brauchten, um ihn dafür zum Tode zu verurteilen, dass er die Moral der Jugend verdorben habe. Im Jahre 399 wurde er aufgefordert, Schierling zu trinken, was er denn auch in Gegenwart seiner Schüler tat.
Platon
Platon (437-347) war Sokrates hervorragendster Schüler. Er stammte aus einer wohlhabenden und einflussreichen Familie, sein eigentlicher Name war Aristokles – Platon war ein Spitzname, der sich auf seinen breiten Körperbau bezog. Als er um die zwanzig Jahre alt war, geriet er unter Sokrates Zauber und entschied, sich der Philosophie zu widmen. Sokrates Tod war vernichtend für ihn, so reiste er durch Griechenland und den Mittelmeerraum und wurde von Piraten gefangen genommen. Seine Freunde sammelten Lösegeld, um ihn aus der Sklaverei freizukaufen, doch als er ohne Hilfe freikam, kauften sie ihm von dem Geld ein kleines Anwesen namens Academus, damit er dort eine Schule gründen konnte – die Akademie würde im Jahre 386 vor Christus gegründet.
Die Akademie glich eher Pythagoras Gemeinschaft – eine Art quasi-religiöser Bruderschaft, wo reiche junge Männer Mathematik, Astronomie, Jura und natürlich Philosophie studierten. Es war eine freie Einrichtung, die vollständig auf Spenden angewiesen war. Getreu seinen Idealen, erlaubte Platon auch Frauen die Teilnahme! Die Akademie sollte fast ein Jahrtausend lang das Zentrum griechischen Lernens bleiben.
Platon war idealistisch und rationalistisch, ähnlich wie Pythagoras, doch weniger mystisch. Er unterteilt die Wirklichkeit in zwei Bereiche: einerseits gibt es ontos, Gedanke oder Ideal. Das ist die ultimative Realität, permanent, ewig, geistig. Andererseits gibt es Phänomene, die Manifestationen des Ideals sind. Phänomene sind Erscheinungen – die Dinge, so wie sie uns scheinen – und sind mit Materie, Zeit und Raum verbunden.
Phänomene sind Illusionen, die zerfallen und sterben. Ideale sind unabänderlich, perfekt. Eindeutig sind die Phänomene den Idealen unterlegen! Der Gedanke des Dreiecks – die mathematische Definition, Form oder Essenz des Ganzen – ist ewig. Jedes einzelne Dreieck, die Dreiecke der alltäglichen Erfahrungswelt, sind nie ganz perfekt: Sie sind ein wenig schief, die Seitenlinien ein wenig zu dick oder die Winkel nicht ganz richtig … Sie sind nur Annäherungen an dieses perfekte Dreieck, an das ideale Dreieck.
Wenn es uns seltsam vorkommt, von Gedanken oder Idealen zu sprechen, als seien sie irgendwie wirklicher als unsere Erfahrungswelt, sollte man sich an die Naturwissenschaften erinnern. Das Gesetz der Schwerkraft, 1+1=2, “Magnete ziehen Eisen an”, E=mc 2 und so weiter – das sind Universalien, nicht nur einen Tag lang an einem begrenzten Ort wahr, sondern immer und überall! Wenn man daran glaubt, dass es im Universum Ordnung gibt, dass die Natur Gesetze hat, dann glaubt man an Gedanken!
Gedanken sind uns durch das Denken zugänglich, während Phänomene unseren Sinnen zugänglich sind. Also ist das Denken ein immens überlegenes Mittel, um zur Wahrheit zu gelangen. Deshalb ist Platon Rationalist, und kein Empiriker, epistemologisch gesprochen. Die Sinne können uns nur Informationen über die sich immer ändernde unvollkommene Welt der Phänomene geben, somit können sie uns nur Andeutungen über die ultimative Wirklichkeit, nicht aber über die Wirklichkeit an sich geben. Die Vernunft strebt dem Gedanken geradeaus zu. Man “erinnert sich”, oder man erkennt die Wahrheit intuitiv, wie Sokrates im Dialog Meno sagt.
Nach Platon strebt die Welt der Phänomene danach, ideal, perfekt, vollständig zu werden. In diesem Sinne sind Ideale eine motivierende Kraft. Tatsächlich setzt er das Ideal mit Gott und perfekter Güte gleich. Gott erschafft die Welt aus Materia (rohes Material, Materie) und formt sie gemäß seinem “Plan” oder “Entwurf” – den Gedanken oder Idealen. Wenn die Welt nicht perfekt ist, liegt es nicht an Gott oder den Idealen, sondern daran, dass das Rohmaterial nicht perfekt war. Ich nehme an, man kann erkennen, warum die Frühchristliche Kirche Platon zum Ehrenchristen machte, obwohl er dreieinhalb Jahrhunderte vor Christus starb!
Platon wendet dieselbe Dichotomie auf Menschen an: Es gibt den Körper, der materiell, sterblich und “bewegt” (ein Opfer der Kausalität) ist. Dann gibt es die Seele, die ideal, unsterblich und “unbewegt” ist (d.h. freien Willen genießt).
Die Seele umfasst natürlich die Vernunft, ebenso wie Selbstbewusstheit und Moralverständnis. Platon sagt, die Seele werde sich immer für das Gute entscheiden, wenn sie das Gute erkennt. Das ist eine ähnliche Konzeption von Gut und Böse wie bei den Buddhisten: Das Böse ist nicht Sünde, es ist ein Zeichen der Unwissenheit. Folglich braucht jemand, der etwas Böses tut, Bildung, nicht Strafe. Die Seele wird vom Guten, dem Ideal, angezogen und deshalb ist sie von Gott angezogen. Durch Reinkarnationen ebenso wie in den einzelnen Leben bewegen wir uns langsam immer näher zu Gott. Das ethische Ziel unseres Lebens ist es, Gott zu gleichen, uns der reinen Welt der Gedanken und Ideale zu nähern, uns von der Materie, der Zeit und dem Raum zu befreien und wirklicher zu werden in diesem tieferen Sinn. Unser Ziel ist, anders ausgedrückt, Selbsterkenntnis.
Platon spricht von drei Ebenen des Glücks. Die erste ist das sinnliche oder körperliche Glück, hier ist Sex das große Beispiel. Eine zweite Ebene ist das sinnliche oder ästhetische Glück, wie etwa jemandes Schönheit zu bewundern, oder die Beziehung in der Ehe zu genießen. Doch die höchste Ebene ist ideales Glück, die Freude des Geistes. Hier ist platonische Liebe, intellektuelle Liebe zu einem anderen Menschen das Beispiel, unberührt von physischer Verbundenheit.
Parallel zu diesen drei Ebenen des Glücks gibt es drei Seelen. Wir haben eine Seele, die Appetit genannt wird, sie ist sterblich und entstammt dem Bauch. Die zweite Seele wird Geist oder Courage genannt. Auch sie ist sterblich und lebt im Herzen. Die dritte Seele ist die Vernunft. Sie ist unsterblich und wohnt im Gehirn. Alle drei werden vom Rückenmark verbunden.
Platon mag Analogien. Appetit, sagt er, ist wie ein wildes Pferd, sehr kräftig, doch es macht gerne, was es will. Der Geist ist wie eine vollblütige, hochgezüchtete, gut trainierte zielgerichtete Kraft. Und die Vernunft ist der Wagenlenker, zielorientiert, der beide Pferde nach seinem Willen lenkt.
Es gibt zahlreiche weitere Analogien, insbesondere in Platons großartigstem Werk Die Republik. In Die Republik entwirft er (durch Sokrates) eine Gesellschaft, um die Bedeutung der Gerechtigkeit zu entdecken. Auf dem Weg vergleicht er Elemente seiner Gesellschaft (eine Utopie, griechisch für “kein Ort”) mit den drei Seelen: die Bauern sind die Basis der Gesellschaft. Sie beackern den Boden und produzieren Waren, d.h. sie sind für die grundlegenden Verlangen der Gesellschaft zuständig. Die Krieger repräsentieren den Geist und den Mut der Gesellschaft. Und die Philosophenkönige lenken die Gesellschaft, wie die Vernunft unser Leben lenkt.
Bevor jemand auf die Idee kommt, wir hätten es hier mit einer griechischen Version des indischen Kastensystems zu tun, folgender Hinweis: Alle Kinder werden gemeinsam erzogen und die Zugehörigkeit zu einer der drei Gesellschaftsebenen basiert auf Talenten, nicht auf der Stellung der Eltern! Und Platon schließt Frauen als den Männern Gleichgestellte in seinem System ein. Hier einige Zitate:
« Wonder is the feeling of a philosopher,
and philosophy begins in wonder.»
« …(I)f you ask what is the good of education in general,
the answer is easy;
that education makes good men, and that good men act nobly.»
«(I) do to others as I would they should do to me.»
« Our object in the construction of the State
is the greatest happiness of the whole, and not that of any one class.»
Aristoteles
Aristoteles (384-322) ist in Stagira, einer kleinen griechischen Kolonie in Thrakien geboren. Sein Vater war Arzt und hatte unter dem Großvater Alexanders des Großen gedient. Vermutlich war es sein Vater gewesen, der das Interesse an den Details der Natur in ihm geweckt hatte.
Er war Platons hervorragendster Schüler, obwohl er in vielen Punkten nicht mit ihm übereinstimmte. Als Platon starb, blieb Aristoteles einige Zeit bei einem anderen Schüler Platons, der sich im nördlichen Kleinasien als Diktator etabliert hatte. Er heiratete Pythias, die Tochter des Diktators. Sie zogen nach Lesbos, wo Pythias bei der Geburt ihres ersten Kindes, einer Tochter, starb. Obwohl er wieder heiratete, starb seine Liebe zu Pythias nie und er veranlasste, dass sie nebeneinander beerdigt werden sollten.
Vier Jahre lang war Aristoteles der Lehrer des dreizehnjährigen Alexander, Sohn des Philip von Macedon. 333 kehrte er nach Athen zurück und gründete seine Philosophieschule in einem Gebäudekomplex namens Lyceum (abgeleitet von einem Namen für Apollo, dem “Schäfer”). Das schöne Grundstück und die befestigten Wege luden dazu ein, bei Spaziergängen zu diskutieren, deshalb nannte man die Schüler auch Peripatoi (“covered walkways”).
Zuerst müssen wir darauf hinweisen, dass Aristoteles ebenso sehr Naturwissenschaftler wie Philosoph war. Er war unendlich von der Natur fasziniert, und arbeitet hart daran, die Pflanzen und Tiere Griechenlands zu klassifizieren. Er interessierte sich für anatomische Studien der Tiere und ihr Verhalten in der Wildnis.
Aristoteles ist auch derjenige, der die moderne Logik erfunden hat. Abgesehen von der Symbolik ist die Logik bis heute dieselbe geblieben.
Wir beginnen bei der Metaphysik: Während Platon die sich immer verändernde Welt der Phänomene von der wahren und ewigen idealen Wirklichkeit trennte, ging Aristoteles davon aus, dass das Ideal “innerhalb” der Phänomene liege, die Universalien also “innerhalb” des Einzelnen. Was Platon Ideal oder Gedanken genannt hatte, bezeichnete Aristoteles als Essenz, und das Gegenteil nannte er Materie. Materie ist ohne Form oder Zweck. Es ist bloß “Zeug”, reines Potenzial, keine Verwirklichung. Essenz ist das, was der Materie Form oder Zweck verleiht. Die Essenz ist “perfekt”, “vollständig”, doch sie hat keine Substanz, keine Solidität. Essenz und Materie brauchen einander! Die Essenz verwirklicht (i.S.v. wirklich machen) die Materie. Dieser Prozess, Bewegung vom formlosen Zeug hin zum vollständigen Sein, wird Entelechie genannt, was manche als Verwirklichung übersetzen.
Es gibt vier Ursachen, die zur Bewegung der Entelechie beitragen. Es sind die Antworten auf die Frage “Warum?” oder “Was ist die Erklärung hierfür?”
- Die materielle Ursache: woraus etwas besteht.
- Die effiziente Ursache: Die Bewegung oder Energie, die Materie verändert.
- Die formale Ursache: Die Form oder Essenz der Sache; ihre Definition.
- Die finale Ursache: sein Grund, Zweck, die Intention hinter der Sache.
1. Die materielle Ursache: Die Materie oder Substanz einer Sache. Warum eine Bronzestatue? Das Metall, aus der sie besteht. Heute finden wir einen Schwerpunkt auf materiellen Ursachen im Reduktionismus, um beispielsweise Gedanken als neuronale Aktivität erklären zu können, oder Gefühle als Hormonauswirkungen etc. Wir gehen oft eine Ebene tiefer, weil wir etwas nicht auf der Ebene erklären können, auf der es sich befindet.
2. Die effiziente Ursache: Die Bewegung oder Energie, die die Materie verändert. Warum die Statue? Die Kräfte, die zur Bearbeitung der Bronze nötig sind, der Hammer, die Hitze, die Energie …. Darauf konzentriert sich die moderne Naturwissenschaft, bis zu dem Punkt, an dem das ganz allein heute noch als Ursache zu gelten hat. Hinweis: die moderne Psychologie baut gewöhnlich auf dem Reduktionismus auf, um effiziente Ursachen zu finden. Doch so ist es keinesfalls immer: Freud sprach zum Beispiel über psychosexuelle Energie und Skinner sprach von Stimulus und Reaktion.
3. Die formale Ursache: Die Form, Definition oder Essenz der Sache. Warum die Statue? Wegen des Plans, den der Bildhauer für die Bronze vorbereitet hatte, die Form, das nicht willkürliche Ordnen der Materie. In der Psychologie gibt es einige Theoretiker, die sich auf die Strukturen konzentrieren – Piaget und sein Schema sind ein Beispiel. Andere sprechen von der Struktur, die dem genetischen Kode innewohnt, oder über kognitive Skripte.
4. Die finale Ursache: Das Ende, der Zweck, die Teleologie der Sache. Warum die Statue? Ihr Zweck, die Intention, die hinter ihrer Erschaffung stand. Diese Betrachtungsweise war bei den mittelalterlichen Gelehrten beliebt: sie suchten nach der ultimativen finalen Ursache, dem ultimativen Zweck aller Existenz, die sie natürlich Gott nannten! Man muss darauf hinweisen, dass dies außerhalb der knallharten Naturwissenschaften oft die Art von Ursache ist, für die wir uns interessieren: Warum hat er das getan, was war der Sinn oder die Intention dahinter? Beispielsweise mag vor Gericht die Kugel die “effiziente” Ursache Tod haben, doch die Intention der Person, die den Abzug gedrückt hat, ist das, was uns interessiert. Wenn wir von Intentionen, Zielen, Werten und so weiter sprechen, geht es um finale Ursachen.
Aristoteles schrieb das erste Psychologiebuch (als ein separates Themengebiet neben der Philosophie). Der Titel war, angemessener Weise, Para Psyche, griechisch für “über den Geist oder die Seele”. Die lateinische Form des Titels ist besser bekannt De Anima. In diesem Buch findet sich die erste Erwähnung zahlreicher Ideen, die noch heute für die Psychologie grundlegend sind, zum Beispiel die Regeln der Vereinigung ( laws of association ). Darin sagt er auch, Geist oder Seele sei die “erste Entelechie” des Körpers, “Ursache und Prinzip” des Körpers, die Verwirklichung des Körpers. Wir würden es so ausdrücken: Der Geist ist das zweckmäßige Funktionieren des Nervensystems.
Wie Platon postuliert er drei Arten der Seele, wenngleich er sie etwas anders definiert. Es gibt die Pflanzenseele, deren Essenz Nahrung ist. Dann gibt es die Tierseele, die die Grundempfindungen beinhaltet, Sehnsucht, Schmerz und Freude, sowie die Fähigkeit, Bewegung zu verursachen. Und drittens gibt es die Menschenseele. Die Essenz der Menschenseele ist natürlich die Vernunft. Er meint, dass vielleicht diese letzte Seele in der Lage sein mag, außerhalb des Körpers zu existieren.
Er kündigte viele Konzepte an, die erst zweitausend Jahre später bekannt werden sollten. Zum Beispiel die Libido: “In allen Tieren ist es die natürlichste Funktion ein Wesen zu gebären, das ihm ähnlich ist… um so weit wie möglich dem Unsterblichen und Göttlichen nahe zu kommen… Das ist die finale Ursache im natürlichen Leben jeder Kreatur.”
Und der Kampf von Es und Ich: “Es gibt zwei Kräfte in der Seele, die die bewegenden Kräfte zu sein scheinen – Begehren und Vernunft. Doch Begehren verlangt nach Handlungen, die der Vernunft widerstreben das Begehren … könnte falsch sein.”
Auch Lustprinzip und Realitätsprinzip:
«Although desires arise which are opposed to each other, as is the case when reason and appetite are opposed, it happens only in creatures endowed with a sense of time. For reason, on account of the future, bids us resist, while desire regards the present; the momentarily pleasant appears to it as the absolutely pleasant and the absolutely good, because it does not see the future.»
Und schließlich die Selbstverwirklichung: Wir sind zunächst ungeformte Materie im Mutterleib, und in den Jahren der Entwicklung und des Lernen werden wir reife Erwachsene, die sich immer um Perfektion bemühen. “So the good has been well explained as that at which all things aim.”
Die Aufstände in der griechischen Zivilisation, ausgehend von seinem eigenen Schüler Alexander dem Großen, setzten sich bis zum römischen Reich und dem Mittelalter fort, was bedeutete, dass Aristoteles vielen Generationen verloren ging. Was bleibt ist vermutlich eine Sammlung von Notizen, die von jüdischen und islamischen Gelehrten bewahrt worden sind, deren eigene Zivilisationen zu dieser Zeit nicht so leichtfertig mit intellektuellem Denken umging, wie die christliche Welt. Diese Gelehrten sollten Aristoteles im dreizehnten Jahrhundert wieder nach Europa bringen.
Zitation
1.3 Alphabet « | » 1.5 Epikuräer und Stoiker
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