1.5 Epikuräer und Stoiker

Zynismus

Nach Platon und Aristoteles bewegten sich die Interessen der Philosophen immer weiter von Metaphysik, Epistemologie und allem, was der modernen Wissenschaft ähnelt, weg und hin zu einem Thema, das die antiken Griechen immer am meisten interessiert hatte – Ethik. Was bedeutet es, tugendhaft zu sein, Charakter zu haben, ein gutes Leben zu führen, Arete (Tugend) zu haben?

Antisthenes (445-365) war der Sohn eines athenischen Bürgers und einer thrakischen Sklavin. Nachdem er seine eigene Schule gegründet hatte, erkannte er, dass Sokrates weiser war als er selbst. Er ging zu ihm, um vom Meister zu lernen. Antisthenes ist der Begründer des Zynismus. “Zynisch” stammt vom griechischen Wort für Hund ab, da Antisthenes ursprünglich am Cynosarges Gymnasium unterrichtet hatte, das für die weniger wohlhabenden Athener eingerichtet worden war.

Bei den Kynikern geht es darum, ein einfaches Leben zu führen, damit die Seele befreit werden kann. Es ist eine “zurück zur Natur” Philosophie, ähnlich der des Heiligen Franz von Assisi oder der Hindu Asketen. Indem man die eigenen Bedürfnisse und Besitztümer eliminiert, kann man sich besser auf das Leben der Philosophie konzentrieren. Die Kyniker erheben die Tugend zum einzig Guten, zum einzig wahren Glück.

Die Welt und das Auf und Ab des Lebens kann man nicht beherrschen, also beherrsche man sich selbst! Hemme deine Begierde! Werde unabhängig von der Welt! “Lieber würde ich verrückt werden, als Freude zu empfinden!” sagte Antisthenes. Da sie die Zivilisation ablehnten, neigten die Kyniker dazu, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen, sie lebten sogar in der Wüste. Damit könnten sie die frühen jüdischen und christlichen Mönche beeinflusst haben.

Die Lehre der Kyniker war (aus der heutigen Wertesicht) nicht durchweg negativ: Sie setzten sich stark für den Individualismus ein, glaubten, alle Menschen seien Brüder, sie waren gegen die Sklaverei und glaubten an die freie Meinungsäußerung. Außerdem glaubten sie an die Legitimität der Selbsttötung und, seltsamer Weise, an die freie Liebe!

Der berühmteste Zyniker war Diogenes (412-323), ein Schüler des Antisthenes. Er betrachtete sich selbst als Weltbürger (ein “Kosmopolit”), doch er lebte einige Zeit lang in einer alten Tonne. Es gibt die bekannte Geschichte, dass Alexander der Große ihn dort aufsuchte und sah, wie er in der Sonne schlief. Alexander rief “Ich bin Alexander der große König!” Diogenes entgegnete “Ich bin Diogenes der Hund!” Alexander fragte ihn daraufhin, ob er etwas für ihn tun könne. Diogenes erwiderte nur, der König solle ihm aus der Sonne gehen.

Zitation

Boeree, C. George (11. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 1.5 Epikuräer und Stoiker, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/1.5

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