
1.6 Römisches Reich
Die Philosophien und Religionen des römischen Reiches
Rom wurde etwa 500 vor Christus gegründet. Im Jahre 200 vor Christus regierte es fast ganz Italien, und 150 vor Christus eroberten die Römer Karthago, die größte Macht des westlichen Mittelmeerraumes zu dieser Zeit. Im Jahre 150 vor Christus gab es nur drei Städte mit mehr als 100000 Einwohnern: Antiochia, Alexandria und Rom. Im Jahre 44 vor Christus sollten die Römer alle drei Städte beherrschen.
Als Julius Cäsar im Jahre 44 vor Christus einem Attentat zum Opfer gefallen war (in etwa so wie Shakespeare es beschrieben hat!) endete damit die mächtige römische Republik. Sein adoptierter Erbe, der sich Augustus Cäsar nannte, wurde erster Herrscher. Das römische Reich sollte seine größte Ausdehnung im Jahre 116 unter dem Herrscher Trajan erreichen. Wie man sich vorstellen kann, konzentrierten sich die besten Köpfe Roms auf Politik, Krieg und Wirtschaft. Nur wenige genossen den Luxus abstrakten Philosophierens. Überdies hatten die Griechen dies bereits getan, und weit hatte es sie nicht gebracht: ziemlich viele griechische Philosophen waren römische Sklaven geworden, wo sie nun den aristokratischen Nachwuchs der Römer zu unterrichten hatten!
In dieser Atmosphäre finden wir einen kraftvolles neues Interesse an Religion, sowohl unter den Wohlhabenden als auch unter den Armen.
Die alte römische Religion war nur noch ein Lippenbekenntnis. Die meisten hielten die Göttermythen für bloße Geschichten, mit denen man ungezogene Kinder erschrecken konnte (außer wenn die Geschichten auch die Erwachsenen in Angst versetzten!). Sie suchten in ungewissen Zeiten nach Trost und befanden die Philosophie als zu trocken.
Viele verschiedene Kulte — die Große Mutter, Dionysius, Isis aus Ägypten, Mithra aus Persien, Baal aus Syrien, Yahweh aus Palästina — erlangten Bekanntheit. Schließlich sollte die jüdische Sekte, die wir heute Christentum nennen, vorherrschend werden.
Warum spricht man in einem Buch über die Geschichte der Psychologie über Religionen und religiöse Philosophien?
Es gibt eine Reihe von Gründen. Erstens haben Religion, Philosophie, Naturwissenschaft und Psychologie alle dieselben menschlichen Wurzeln: Wir haben ein starkes Bedürfnis, das Universum, unseren Platz in diesem Universum und die Bedeutung unseres Lebens zu verstehen. In der Religion gibt es Antworten, die sowohl psychologisch befriedigend als auch gesellschaftlich und politisch einflussreich waren. In der griechischen und römischen Ära begann sich die Philosophie von der Religion zu trennen, und doch hielt sich die Mehrzahl weiterhin an die Antworten der Religion. Während der Renaissance und der Aufklärung trennte sich die Naturwissenschaft sowohl von der Religion als auch von der Philosophie, und auch hier blieb die Mehrheit dem religiösen Dogma treu.
Die Geschichte zeigt, dass Religionen eine streng antiphilosophische und antinaturwissenschaftliche Position einnahmen. Die Psychologie erbt einige dieser Themen, selbst in der modernen Zeit. Jeder, der sich mit der Geschichte der Philosophie, Naturwissenschaft und Psychologie beschäftigt, muss die Wurzeln religiöser Glaubenshaltungen und deren Einfluss verstehen lernen.
Römisches Reich 116 nach Christus
Zeitleiste 1 – 400 nach Christus
Zitation
1.5 Epikuräer und Stoiker « | » 1.7 Geschichte des Judentums
© dt. 2006-2008: d.wieser für social-psychology.de. All rights reserved.

