
1.9 Sunniten und Shiiten
Die Hauptspaltung innerhalb des Islam besteht zwischen der Mehrheit der Sunniten und der Minderheit der Shiiten. Diese Spaltung geht auf Ereignisse im 7. Jahrhundert zurück:
Nach Mohammeds Tod ging die Leitung der islamischen Religionsgemeinschaft auf Abu Bakr, einen der engsten Gefährten Mohemmeds, über. Einige Gläubige empfanden diese Nachfolgerschaft als illegitim, ihrer Auffassung nach stand der Titel Kaliph vielmehr Ali zu. Alis Anspruch stützte sich auf die Tatsache, dass er Mohammeds Cousin war, sein Adoptivsohn, sein erster Jünger (im Alter von sieben Jahren), zudem war er mit Mohammeds Tochter Fatima verheiratet.
Beide Seiten glaubten, Mohammed habe ihren Mann als Nachfolger ausgezeichnet: Die Verfechter Abus wurden zu den Sunniten, die Verfechter Alis zu Shiiten.
Das Kaliphenamt ging von Abu Bakr auf Umar und von Umar auf Ulthman über. Erst Ulthman gab die Fackel an Ali weiter. Als Ali im Jahre 661 ermordet wurde, ging das Amt auf Muawiya über, der das berühmte Umayyid Kaliphat gründete. Ali wurde in Najaf im heutigen Irak bestattet, dieser Ort ist bis heute ein Hauptheiligtum der Shiiten.
“Sunnit” bezieht sich auf die Sunnas, die mündlichen Traditionen und Interpretationen des Korans –- eins Werkes, das dem jüdischen Talmud ähnelt. Die Sunniten glauben, das Kaliphenamt sollte eine Position sein, in welche man von den religiösen Führern der islamischen Gemeinschaft gewählt wird; die Position sollte jedoch nicht von der direkten Abstammung von Mohemmeds Linie abhängen.
“Shiit” wurzelt in dem Wort “shia”, es bedeutet “die Partei (Alis)”. Sie leben hauptsächlich im Iran und im Irak sowie unter den Palästinensern. Sie halten gewisse direkte Nachfahren Alis — die Immane -– für unfehlbar, sie gelten ihnen als die wahren Erben Mohammeds. Ali war der erste Immam, sein Sohn Hassan der zweite Immam. Alis Söhne wurden im Konflikt mit dem Kaliphen Muawiya getötet. Allerdings endete ihre Erbfolge mit dem 12. Immam, der 940 verschwand. Die meisten Shiiten glauben, der 12. Immam werde eines Tages als Mahdi oder Messias wieder erscheinen und seine Führungsrolle in der islamischen Welt wiedererlangen. In der Zwischenzeit werden Ayatollas als Hüter des Glaubens gewählt.
Die Sunniten sind etwas liberaler (wenn auch nicht im Sinne westlicher Standards) und halten ihre Religion schlichter als die Shiiten. Die Shiiten hingegen beharren mehr auf ihrer Religion und etablieren eine Tradition, die das Märtyrertum, wie es in den frühen Phasen des Konfliktes mit den Sunniten erfahren wurde, hochhält.
Beide Sekten spalten sich in verschiedene Splittergruppen auf. Die heute vielleicht bekannteste ist die “Wahabi” Sekte (eine Sunnitische Splittergruppe), der vermutlich auch Osama bin Laden angehört. Charakteristisch für diese Gruppe ist der radikale Fundamentalismus: Der Koran wird nicht interpretiert, sondern wörtlich aufgefasst. Man betet nicht zu Propheten, Heiligen oder einer anderen Größe als Gott allein. Es gibt keine Bilder von oder Monumente für irgendwelche islamischen Führer, nicht einmal besondere Grabstätten für berühmte Moslems. Und der Koran gilt als die alleinige Quelle weltlicher sowie religiöser Gesetze.
Eine weitere bekannte Gruppe ist die “Sufi”-Bewegung, der sowohl Sunniten als auch Shiiten angehören können. Sufis sind Mystiker, die glauben, Gottes Liebe leuchte aus allen Dingen, sogar aus Hässlichkeit oder aus dem Bösen. Indem man eine bestimmte Geisteshaltung erreicht, kann man dies unmittelbar erfahren. In dieser Hinsicht ähneln sie dem Zen-Buddhismus. Der Sufismus ist für seine mehrdeutigen Geschichten bekannt, die den Parabeln ähneln, die Jesus zugeschrieben werden. Eine Untergruppe der Sufis sind die “wirbelnden Derwische”, deren mystische Glaubenshandlungen religiöse Tänze beeinhalten.
Zitation
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