2.1 Das Mittelalter

Irgendwann nach dem Niedergang Roms gelangen wir zum Mittelalter. Europa war dezentralisiert, ländlich, provinziell. Das Leben war auf die “Gesetze der Natur” reduziert: Die Mächtigen herrschten, während die Schwächeren sich nur um das Überleben sorgten. Es gab keinen Sinn für Geschichte oder Fortschritt. Aberglaube und Fatalismus waren vorherrschend. In jedem Jahrhundert glaubte man an das bevorstehende Ende der Welt. Man erhält eine annähernde Vorstellung von Europa im Mittelalter, wenn man sich einige Entwicklungsländer ansieht und alle Zeichen technischer Entwicklung aus den vergangenen tausend Jahren wegdenkt!

Alkuin (735-804) – erster Gelehrter Karls des Großen – ist einer der wenigen Namen, die uns aus dieser Periode interessieren. Ein Schimmer seiner Sicht der Realität geht aus diesem Zitat hervor: “Was ist der Mensch? Der Sklave des Todes, ein vorbeigehender Wanderer. Wie steht der Mensch? Wie eine Laterne im Wind.”

Doch Karl der Große (768-814) sorgte für politische Einheit, und der Papst für religiöse Einheit, und langsam begann eine neue Ära.

Die Kirche übernahm Europa und der Papst ersetzte den Herrscher als die wichtigste Figur. 1200 besaß die Kirche ein Drittel des Landes in Europa! Die Macht der Kirche und der allgemein verbreitete Glaube brachten einen enormen Zwang zur Konformität mit sich, gestützt von Angst vor übernatürlicher Strafe. Positiv betrachtet trug das Papsttum dazu bei, Stabilität und letztlich Reichtum zu etablieren.

Wir widmen uns jetzt der Periode, die als Mittelalter gilt, also einer Zeitspanne von ungefähr 1000 bis 1400 AD.

Die Universitäten

Universitäten entwickelten sich aus Kloster und Kirchenschulen – im Grunde würden wir das heute als Grundschulen bezeichnen, doch die Schüler waren Heranwachsende, die von Mönchen und Priestern unterrichtet wurden. Die erste Universität entstand in Bologna im Jahre 1088 (vgl. Karte).

UniversitätenIn diesen Schulen und Universitäten begannen die Studierenden (immer im Umfeld der Prügelstrafe!) mit dem Trivium – Grammatik (die Kunst des Lesens und Schreibens, mit Fokus auf den Psalmen, anderen Bibeltexten und den lateinischen Klassikern), Rhetorik (Redetechnik) und Logik. Trivium ist auch heute noch ein Begriff für den Stoff, mit dem Anfänger beginnen!

Daneben studierten sie das Quadrivium: Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie. Alle Fächer zusammen genommen stellen die sieben freien Künste dar. Frei bezieht sich auf den freien Menschen, der einigen Besitz vorzuweisen hatte, und freie Künste standen damit im Gegensatz zu den praktischen Künsten der arbeitenden armen Bevölkerung.

Der Universalienstreit

Das wichtigste philosophische Thema der Zeit war die Natur der Universalien. Das bezieht sich auf die Bedeutung eines Wortes. Auf was in der wirklichen Welt nimmt ein Wort Bezug?

Bei Substantiven ist das nicht sehr schwierig: George zum Beispiel bezieht sich auf diese Person hier, auf mich selbst. Doch wie ist das mit anderen, allgemeineren Worten? Worauf bezieht sich Katze? Das war keineswegs ein neues Thema, doch die Gelehrten des Mittelalters begannen der Frage nachzugehen, ohne griechische Quellen zur Verfügung zu haben!

St. Anselm von Canterbury (1033-1109) war Neoplatoniker, er ist am bekanntesten für sein Bemühen um einen logischen Beweis der Gottesexistenz – der berühmte ontologische Beweis:

Es kann nichts Größeres als Gott gedacht werden, also ist Gott vollkommen. Bestandteil der Vollkommenheit ist die Existenz, also muss Gott existieren.

In der Frage der Universalien war er ein Befürworter des Realismus. Realismus war Platons Perspektive: Es gibt (irgendwo) ein wirkliches Universal oder Ideal, auf das sich ein Wort bezieht. Gewöhnlich passt das sehr gut zum Christentum. Wenn die Menschheit wirklich ist jenseits der bloßen Sammlung individueller Menschen, können wir über eine menschliche Natur sprechen, eingeschlossen beispielsweise der Vorstellung der Erbsünde. Gäbe es die Menschheit nicht, wenn also jeder Mensch sich selbst das Gesetz wäre, dann könnte man die Sünden von Adam und Eva niemandem sonst in Rechnung stellen!

Ebenso gilt, dass wenn Gott ein wirkliches Universal ist, dann gibt es keine logische Inkongruenz wenn man sagt, er sei Vater, Sohn und Heiliger Geist zugleich.

Allerdings ist diese Argumentation nicht problemlos. Beispielsweise wäre dann das ultimative Universal – Alles – logisch größer als Gott, weil Alles auch Gott und die Schöpfung umfassen muss! Doch das Christentum sagt, Gott und die Schöpfung seien separat und grundlegend voneinander verschieden.

Anselms Motto war das des Augustinus “Ich glaube, damit ich verstehe” (credo ut intelligam): Der Glaube ist eine absolute Voraussetzung, und es ist der Standard allen Denkens. Die Wahrheit wird von Gott enthüllt, also muss man sich der Kirche unterordnen.

Nominalismus

Roscellin von Amorica in Britannien (1050-1121) war der Begründer des Nominalismus, einer weiteren Herangehensweise an die Universalien.

Eine Universalie, sagte er, ist nur ein flatus vocis (ein stimmliches Geräusch – d.h. ein Wort). Nur Individuen existieren tatsächlich. Worte und die Gedanken, welche sie darstellen, beziehen sich in Wirklichkeit auf nichts. Dies passt zum Materialismus, jedoch nicht so recht zum Christentum.

Auch hier gibt es Schwierigkeiten: Wenn Worte nichts als Luft sind, dann sind Verstand (und Philosophie), also die Manipulation dieser Worte, nichts als heiße Luft (wie viele Studierende im Grunde glauben). Dies umfasst dann natürlich auch das logische Denken, das erst zu der nominalistischen Schlussfolgerung führte!

Im Bezug zur Kirche bedeutet Nominalismus, dass die Kirche nichts ist als die Menschen, aus denen sie besteht, und Religion ist nur das, was Individuen denken. Und wenn Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist, dann sind wir keine Monotheisten mehr.

Zitation

Boeree, C. George (11. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 2.1 Das Mittelalter, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/2.1

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