2.6 Ethik

Ethik ist die philosophische Untersuchung von Gut und Böse, Richtig und Falsch. Oft wird der Begriff der Moral als Synonym verwendet. Ethik unterscheidet sich von anderen Aspekten der Philosophie darin, dass sie sich mehr damit auseinandersetzt, was sein sollte, statt was tatsächlich ist. Damit ist das Gebiet auch wesentlich unsicherer!

Theologische Theorien

Es gibt drei breite Kategorien ethischer Philosophien. Die erste Kategorie sind die theologischen Theorien. Wie der Name schon sagt, sind dies moralische Philosophien, die den Gedanken von Richtig und Falsch von Gott oder einer anderen höheren Macht ableiten.

Die einfachste theologische Theorie ist die divine command theory. Diese Theorie besagt, dass Gott seinen Willen in Form von Geboten enthüllt hat, die uns durch mündliche Überlieferung, die Heilige Schrift oder die Kirchengesetze zugänglich sind. Wir brauchen diesen Geboten nur zu folgen. Diese Ansicht vertraten meisten Kirchenväter, wie auch die meisten religiösen Menschen der heutigen Zeit. Der große Vorteil der Theorie besteht in ihrer Einfachheit und Solidität.

Eine komplexere theologische Theorie ist das sittliche Naturgesetz ( natural law ). Sie geht auf den Heiligen Thomas von Aquin zurück und ist Bestandteil der traditionellen katholischen Philosophie. Thomas vertrat die Auffassung, Gott würde uns keine Gebote durch die Schrift und die Kirche gegeben haben, damit sie von unserer Erfahrung und der Vernunft widersprüchlich wirkten. Die Natur als Gottes Schöpfung stimmt vollkommen mit seinen moralischen Geboten überein. Menschen, die an die Naturgesetze glauben, würden sagen, dass es Menschen anderer Kulturen gibt, die nicht unseren Moraltraditionen ausgesetzt gewesen sind und dennoch mittels der Vernunft zu eben denselben Schlussfolgerungen über Richtig und Falsch gelangt sind!

Die Schwierigkeiten des Naturgesetzes liegen auf der Hand: Gelegentlich bringen die Naturwissenschaften Theorien hervor, die der Schrift absolut widersprechen, und die Kirche bringt gelegentlich Ereignisse hervor (wie etwa die Religionskriege und die Verbrennung der Häretiker), die unserem gesunden Menschenverstand und der daraus hervorgehenden Moralvorstellung absolut widersprechen.

Die Schwierigkeiten mit divine command theory und Naturgesetz liegen darin, dass die Gesellschaft pluralistischer geworden ist und wir zunehmend mit einer immer größeren Vielfalt religiöser Traditionen in Kontakt gekommen sind, mit ihren jeweils eigenen heiligen Schriften, und nicht alle stimmen kontinuierlich miteinander überein. Die Mehrzahl der Gläubigen sind gutherzige Seelen, die nicht so recht glauben wollen, dass Gott ganze Nationen verdammen würde, nur weil sie nicht die richtige Botschaft hören durften! Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man Erfahrungen mit sehr anständigen Menschen macht, die einer ganz anderen Religion oder sogar gar keiner Religion angehören. So lange wir großzügig und demütig bleiben, gibt es kein wirkliches Problem.

Doch manche Menschen ziehen sich auf etwas zurück, das für einige als die defensive Position des Absolutismus zu gelten hat. Absolutismus entspricht der divine command theory, jedoch ohne deren großmütigen und demütigen Sinn. Anders ausgedrückt, entweder geht es nach meinen Vorstellungen, oder gar nicht. In der Geschichte gibt es zahlreiche Beispiele für den Absolutismus, und auch heute noch finden wir Beispiele.

Moralischer Relativismus

Den theologischen Theorien diametral gegenüber stehen verschiedene Formen des moralischen Relativismus. Der moralische Relativismus besagt, dass es keine universellen moralischen Prinzipien gibt. Moral ist eine Frage der Gewohnheiten, Meinungen, Gepflogenheiten oder Gefühle. Hier gibt es eine ganze Bandbreite von Meinungen: Relativismus steht zum Beispiel auch für eine Art moralischen Skeptizismus, welcher besagt, dass wir nie wirklich wissen, was Gut und Böse ist. Andere sehen darin einen moralischen Nihilismus, der besagt, dass es etwas wie Gut und Böse einfach nicht gibt, dass diese Worte nur irreführende Label für andere, einfachere Dinge sind.

Eine Sorte des Relativismus wird Konventionalismus bezeichnet. Dieser besagt, was wir Moral nennen, ist tatsächlich eine Frage unserer kulturellen oder gesellschaftlichen Normen. Was unsere Traditionen für gut und böse halten (aus welchen Gründen auch immer), ist gut und böse. Hinzu kommt oft die Vorstellungen, dass Kulturen und Gesellschaften sich nicht miteinander austauschen sollten, das sei nicht notwendig.

Eine andere Ausprägung wird Preskriptivismus (oder Imperativismus) genannt, dieser betrachtet Moral mehr im Sinne von Macht innerhalb einer Gesellschaft. Was wir richtig und falsch nennen, sind essentiell Vorschriften darüber, welches Verhalten wir von anderen verlangen, das wir dann wiederum mit der uns zur Verfügung stehenden Macht durchsetzen. Also definieren wir Diebstahl als “böse”, damit wir eine Rechtfertigung haben, diejenigen ins Gefängnis zu stecken, die unseren Besitz stehlen!

Es ist natürlich unvermeidlich, dass wir anderen Gesellschaften begegnen, die meinen, was sie wollen, sei ihr “Recht”, ganz ungeachtet dessen, was wir wollen. Oder wir gelangen in Situationen, in denen die moralischen Überzeugungen zweier Subkulturen oder gesellschaftlicher Gruppen in Konflikt geraten. Eine Schwierigkeit des Konventionalismus besteht darin, zu definieren, was eine Gesellschaft oder Kultur ausmacht und was die Interaktionsregeln zwischen ihnen sind, falls es diese überhaupt gibt.

Eine “Lösung” ist, Kultur oder Gesellschaft auf die Kultur oder Gesellschaft des Einzelnen – also des Individuums – zu reduzieren. Das wird als Subjektivismus bezeichnet. Hier hat dann jede Person ihre oder seine eigene Moral. Es mag zwar eine Frage individueller Glaubenshaltung sein, oder eine Frage der Gewohnheiten, doch jede Person trifft ihre eigenen Entscheidungen. Damit ist die Frage, was eine Kultur ausmacht, erledigt, doch die Schwierigkeit der Interaktionsregeln wird damit noch schlimmer!

Eine andere Form des Relativismus geht sogar noch weiter: Der Emotivismus besagt, dass Gut und Böse nur Label für bestimmte emotionale Reaktionen auf bestimmte Handlungen sind. Wenn Sie die Vorstellung, Hundebabys zu essen, schrecklich finden, nennen Sie es böse. Wenn Ihnen bei dem Gedanken das Wasser im Mund zusammenläuft, nennen Sie es gut. Wenn es Sie glücklich macht, Sex mit Teenagern zu haben, nennen Sie es Gut. Wenn Sie der Gedanke verärgert, nennen Sie es böse.

Studienanfänger bringen meiner Beobachtung nach oft die religiösen Glaubensvorstellungen ihrer Heimatstadt mit. Ihnen gefällt die divine command theory, gut gewürzt mit einigen Absolutismen. Doch wenn sie Juniors geworden sind, sind die meisten von ihnen zu Relativisten geworden. In ihrer Heimatstadt wird diese Entwicklung oft ihren Professoren angelastet, doch tatsächlich ist es eine Konsequenz dessen, dass die Studierenden der pluralistischen Minigesellschaft des College ausgesetzt sind.

Studienanfänger sehen, dass viele Menschen nicht mit dem einen oder anderen Detail des Moralkodex ihrer Kindheit übereinstimmen, dennoch aber scheinen es achtsame Leute zu sein, oder sie sind doch zumindest nicht gleich vom Blitz erschlagen worden. Und weil die Studienanfänger selbst anständige Leute sind, fangen sie an, die Toleranz für die Bandbreite der Moralen zu betonen, die sie umgeben; und der Relativismus scheint das beste Format für diese Toleranz zu sein. Wenn Sie beispielsweise dazu erzogen worden sind zu glauben, dass Homosexualität falsch ist, Sie dennoch aber viele Leute treffen, die es okay finden (und manche, für die es die einzig richtige Wahl ist), entwickeln Sie vielleicht eine leben-und-leben-lassen-Einstellung, die Ihnen sagt, “jedem das Seine”.

Doch nicht alles ist so harmlos wie sexuelle Präferenzen. Es gibt Menschen, deren moralischer Kodex besagt, dass wir den Göttern Hühner opfern müssen, oder Ungläubige bekehren, oder Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrennen, oder die Ungläubigen zerstören … Was ist dann mit unserer netten Toleranz? Lass sie machen, weil “jedem das Seine”? Was, wenn wir Adolf Hitler so gegenüber getreten wären, als er am Ruder war? Oder was, wenn Jeffrey Daumers Nachbarn beschlossen hätten, dass es eben seine Angelegenheit sei, wenn er seine Liebhaber töten und aufessen will?

Ein gelehrter Relativist würde jedenfalls erwidern, dass diese Art von Toleranz keinen Platz in einer relativistischen Moraltheorie hat – dass Toleranz selbst einen moralischen Wert darstellt, an den man sich halten kann oder nicht! Wenn es also Hitlers Moralkodex entspricht, unschuldige Menschen zu vernichten und Nachbarstaaten anzugreifen, dann entspricht es unserem Moralkodex, ihn zu stoppen! Hier gibt es keine logischen Schwierigkeiten.

Dennoch wird deutlich, dass der Relativismus ein Risiko eingeht. Relativismus kann sich in moralischen Nihilismus verwandeln, genau wie sich divine command in Absolutismus verwandeln kann. Dennoch ist der Relativismus diejenige Theorie, die von den meisten Naturwissenschaftlern vertreten wird, eingeschlossen die mehr experimentelle physiologische Seite der Psychologie.

Moralischer Realismus

Die dritte Hauptkategorie der Moraltheorie ist der moralische Realismus.

Moralischer Realismus besagt, dass Gut und Böse, Richtig und Falsch in irgendeiner Form in dieser Welt existieren und von Dingen wie gesellschaftlichen Gewohnheiten, Anschauungen oder Meinungen unabhängig sind.

Andererseits schlägt der moralische Realismus keine einfache Liste der Gebote vor, die direkt von Gott gegeben worden wären! Moralischer Realismus ist der Mittelweg zwischen theologischen Theorien und moralischem Relativismus; und es ist der Zugang, den die Philosophen gewöhnlich wählen.

Doch wie so häufig beim Mittelweg der Fall, ist es keine einfache Position. Die große Frage, die moralische Realisten zu beantworten haben, ist “Wie erkennen wir gut und böse?” Weil die Frage so schwierig ist, gibt es ziemlich zahlreiche Formen moralischen Realismus.

Zitation

Boeree, C. George (10. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 2.6 Ethik, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/2.6

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