2.8 Epistemologie

Epistemologie [Erkenntnistheorie] ist der Bereich der Philosophie, welcher fragt “was können wir wissen?”, “was ist gewiss?”, “wie gelangen wir von der bloßen Meinung zu wirklichem Wissen?”

Traditioneller Weise gibt es zwei Zugangsformen der Epistemologie:
Der Rationalismus besagt, wir erlangen Wissen durch logisches Denken, und der Empirismus besagt, wir erlangen Wissen durch sensorische Erfahrung.

Zwar gibt es ein paar extrem orientierte Philosophen, doch die meisten stimmen darin überein, dass es beider Zugangsweisen bedarf, dass sich beide gegenseitig unterstützen und korrigieren. Dazu gleich mehr.

Rationalismus

Die Rationalisten konzentrieren sich auf die so genannte notwendige Wahrheit. Damit meinen sie, dass gewisse Dinge notwendig wahr sind, immer, universell. Ein anderer Ausdruck dafür ist a priori Wahrheit. A priori ist der lateinische Ausdruck für “von vornherein”, also ist eine a priori Wahrheit etwas, von dem man weiß, dass es wahr ist, bevor man sich überhaupt der Welt zuwendet, die unsere Sinne uns darbieten.

Die grundlegendste Form der notwendigen Wahrheit ist die offenkundige Wahrheit ( self-evident truth ). Das bedeutet, man braucht nicht wirklich darüber nachdenken, es muss einfach wahr sein. Die Wahrheiten der Mathematik gelten als offenkundig. Eins plus eins ergibt zwei. Man braucht nicht überall auf der Welt umher zu laufen und Dinge zu zählen, um es zu beweisen. Im Grunde ist eins plus eins ergibt zwei etwas, das man glauben muss, bevor man überhaupt zu zählen beginnen kann!

(Ein Kritikpunkt, den die Empiristen vorbringen würden, wäre “eins plus eins ergibt zwei” sei trivial. Es ist tautologisch, was bedeutet, es ist wahr, sicher doch, allerdings nicht, weil es offenkundig ist. Es ist wahr, weil wir es wahr gemacht haben. Eins plus eins ist die Definition von zwei, das gilt für die ganze Mathematik. Wir haben die Mathematik so gemacht, dass sie konsistent funktioniert!)

Andere offenkundige Wahrheiten sind beispielsweise “du kannst nicht an zwei Orten zugleich sein”, “etwas ist oder ist nicht”, “alles existiert”. Das sind doch wohl ziemlich gute Kandidaten, nicht? Doch oft ist eine Sache für den einen offenkundig und für den anderen nicht. “Gott existiert” ist vielleicht am deutlichsten – manche Menschen bestreiten das ganz entschieden. Oder “das Universum muss einen Anfang gehabt haben” – manche Menschen glauben, es habe immer existiert. Ein vertrautes Beispiel des Ausdrucks “offenkundig” ist Thomas Jeffersons Unabhängigkeitserklärung: «We hold these truths to be self-evident: That all men are created equal …!» Doch den meisten Menschen ist ziemlich klar, dass es nicht so wirklich wahr ist. Vielmehr handelt es sich um ein rhetorisches Mittel, es klingt ganz gut, es so auszudrücken!

Um denkend zu komplexerem Wissen zu gelangen, müssen wir die Deduktion (auch analytische Wahrheit ) ins Spiel bringen. Es ist genau das, woran wir meist denken, wenn wir denken: Mit den Regeln der Logik können wir entdecken, welche Wahrheiten aus anderen Wahrheiten folgen. Die Grundform ist der Syllogismus, ein Muster, das Aristoteles erfunden hat und das seither zur Basis der Logik gehört.

Das traditionelle Beispiel ist modus ponens: “Der Mensch ist sterblich. Sokrates ist ein Mensch. Deshalb ist Sokrates sterblich.” Wenn x, dann y (wenn Sie ein Mensch sind, sind Sie sterblich). X (sie sind ein Mensch). Deshalb, y (sidn Sie sterblich). Dieses Ergebnis wird immer wahr sein, wenn die ersten beiden Aussagen wahr sind. Somit können wir ganze Wissenssysteme entwickeln, indem wir immer mehr solcher logischen Schlussfolgerungen ziehen!

Ein anderer Syllogismus, der immer funktioniert ist “wenn x, dann y. Nicht y. Daher nicht x.” Wenn Sie ein Mensch sind, sind Sie sterblich. Sie sind nicht sterblich. Daher sind Sie kein Mensch. Wenn die beiden ersten Aussagen wahr sind, ist die letzte Aussage notwendig wahr. Dies bezeichnet man als modus tollens.

Andererseits gibt es zwei Beispiele, die nicht funktionieren, obwohl sie sehr nach den beiden obigen klingen: Wenn x, dann y. Nicht x. Daher nicht y. “Wenn Sie ein Mensch sind, sind Sie sterblich. Sie sind kein Mensch. Daher sind Sie nicht sterblich.” Das wäre für alle Tiere natürlich eine große Überraschung! Oder nehmen wir dieses Beispiel: “Wenn Gott sich mir zeigte, würde das die Wahrheit der Religion beweisen. Doch er hat sich nicht gezeigt. Daher ist die Religion nicht wahr.” Es klingt nach einem vernünftigen Gedanken, ist es aber nicht. (Dies wird als denial of the antecedent bezeichnet.)

Ein anderes Beispiel geht so: Wenn x, dann y. Y. Daher x. “Wenn Sie ein Mensch sind, sind Sie sterblich. Sie sind sterblich. Daher sind Sie ein Mensch.” Oder nehmen wir dieses hier: “Wenn Gott das Universum geschaffen hätte, fänden wir Ordnung in der Natur. Wir finden Ordnung im Universum – die Naturgesetze! Daher hat Gott das Universum geschaffen.” Klingt zwar gut, ist aber alles andere als logisch: Die Ordnung des Universums könnte einen anderen Grund haben. (Dies wird als affirmation of the consequent bezeichnet.)

Es gibt viele Arten des Rationalismus, die gewöhnlich nach Denkern benannt sind. Am bekanntesten ist natürlich Platons (und Sokrates) Rationalismus. Aristoteles hat zwar die moderne Logik erfunden, ist aber kein vollkommener Rationalist – er interessierte sich nämlich auch für die Wahrheiten sinnlicher Erfahrung. Das hervorragendste Beispiel für Rationalismus stammt von Spinoza. In seinem Buch Ethik begann er mit einer offenkundigen Wahrheit: Gott existiert. Mit Gott meinte er das gesamte Universum, sowohl physisch als geistig, damit scheint seine Wahrheit recht offenkundig: alles, was ist, ist! Doch ausgehend von dieser Wahrheit geht er schrittweise argumentierend über in ein sehr gelehrtes System von Metaphysik, Ethik und Psychologie.

Zitation

Boeree, C. George (10. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 2.8 Epistemologie, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/2.8

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