3.1 Medizin und Physiologie

Obwohl die Psychologie immer ein Teil der Philosophie ist, hat sie auch enge Verbindungen zur Biologie, insbesondere zu menschlicher Physiologie und Medizin. Solange der Geist in gewisser Weise mit dem Körper verbunden ist, bleibt dieser Zusammenhang unerlässlich.

Doch wie wir wissen, musste der Geist erst aus religiöser Verbindung mit der unsterblichen Seele gelöst werden, bevor diese enge Verbindung überhaupt erkannt werden konnte!

Antike

Der erste “Arzt” zumindest was die antiken Griechen betrifft, war Äskulap. Er gründete eine teilweise mystische Gesellschaft oder Ärztegilde, die viele Jahrhunderte hindurch einflussreich bleiben sollte. Während dieser Zeit erlangte er einen gottähnlichen Status. Sogar Sokrates trug seinem Schüler Crito auf, Äskulap einen Hahn zu opfern, während er an seiner Überdosis Schierling starb, vermutlich um sich für den sanften Tod zu bedanken.

Historisch eindeutiger ist Acmaeon von Kroton (435 vor Christus) in Süditalien. Der Philosophie nach ein Pythagoreer wurde er für seine anatomischen Studien bekannt. Unseren geschichtlichen Quellen nach ist er der erste, der das Auge seziert und den Sehnerv entdeckt hat. Seine Theorie des Geistes beinhaltet, dass das Gehirn der Sitz der Wahrnehmung und des Denkens ist und alle Sinnesorgane eine Verbindung zum Gehirn haben. Er glaubte Pneuma, also der Atem oder Tiergeister, liefe wie Nervensignale durch den Körper.

Nach seiner Theorie entstehen Krankheiten zumindest teilweise aus einem Balanceverlust im Körper. Er postulierte einige Gegensätze, welche wir brauchen, um die Gesundheit zu erhalten, indem so unsere Körpertemperatur, Nährstoffversorgung und so weiter kontrolliert werden: heiß und kalt, nass und trocken, bitter und süß.

Hippokrates (460 vor Christus) geboren auf Kos in Kleinasien, ist noch besser bekannt. Er war Mitglied in Äskulaps medizinischer Gilde, und er ist der Urheber des hippokratischen Eides (Hinweis: Anders als gemeinhin angenommen müssen wenn überhaupt nur wenige Ärzte diesen oder einen anderen Eid schwören!). Trotz dieses Hintergrundes vermied Hippokrates mystische Interpretationen lieber und hielt sich vielmehr an empirische Beweise. In einer Abhandlung mit dem Titel On the Sacred Disease (gemeint ist Epilepsie) verwarf er beispielsweise die gewohnte Theorie, jemand sei von einem Dämonen besessen und ging statt dessen davon aus, es handele sich um eine vererbte Erkrankung des Gehirns.

Er ist auch für seine Temperamentenlehre bekannt. Gemäß der griechischen Tradition gibt es vier Grundsubstanzen: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Zu jeder dieser Substanzen gibt es ein korrespondierendes “Temperament” oder biologische Körpersäfte: schwarze Galle, Schleim, Blut und gelbe Galle in dieser Reihenfolge.
Diese Temperamente variieren genau wie die vier Grundsubstanzen entlang zweier Dimensionen: heiß oder kalt, nass oder trocken, ……

nass trocken
heiß Luft / Blut Feuer / gelbe Galle
kalt  Wasser / Schleim Erde / schwarze Galle

Wie schon Alcmaeon gesagt hatte, ist es Aufgabe des Arztes, die Balance wieder herzustellen, wenn die relativen Proportionen dieser Temperamente aus dem Gleichgewicht geraten sind. Hippokrates führte auch einige emotionale Verbindungen zu diesen Temperamenten an. Trotz der eigenartigen Temperamenttheorie sollte man beachten, dass Hippokrates, und mit ihm Plato, die Bedeutung des Gehirns richtig erkannt haben. Etwas später, um 280 vor Christus, sezierte Erasistratus von Chios das Gehirn und unterschied die einzelnen Bestandteile.

In diesen und noch folgenden Jahrhunderten bestand die Medizin zum größten Teil natürlich aus einer Mischung von Maßnahmen zur ersten Hilfe – Knochen richten zum Beispiel – sowie in Kräuterheilmitteln plus einer ziemlichen Menge an Gebeten an die Götter, damit diese Wunder wirken sollten!

[ eine kurze Geschichte der Psychopharmakologie von der Antike bis heute ]

Im römischen Reich erzielte ein anderer Arzt Ruhm, der noch bis ins Mittelalter reichen sollte: Galen ist 130 vor Christus in Pergamon in Kleinasien geboren – zu dieser Zeit ein großes Zentrum der Gelehrten. Er ging nach Alexandrien – DEM Gelehrtenzentrum – um Anatomie zu studieren. Im römischen Reich war es untersagt, Menschen zu sezieren – der Hintergrund war natürlich die abergläubische Furcht vor Rache, nicht aber ein Gefühl für menschliche Würde! Deshalb studierte Galen stattdessen die großen Affen. Im Alter von 28 Jahren kehrte er für eine Weile nach Hause zurück, um als Chirurg für die Gladiatoren zu arbeiten. Sein Ruhm breitete sich aus und so ging er nach Rom.

Zusätzlich zu recht ordentlichen konkreten medizinischen Ratschlägen stellte er die Theorie auf, dass alles Leben auf Pneuma oder Geist basiert. Pflanzen hatten einen natürlichen Geist, der das Wachstum erzeugte. Tiere hatten Lebensgeist, der für die Bewegung verantwortlich ist. Und Menschen haben Tiergeist – das Wort Anima bedeutet Seele – der für das Denken verantwortlich ist.

Er glaubte, Rückenmarkflüssigkeit sei der Tiergeist und wies darauf hin, dass diese Flüssigkeit in den zerebralen Vesikeln des Gehirns ebenso wie im Rückenmark zu finden sei. Er ging davon aus, dass sie durch die Nerven zu den Muskeln sowie von den Sinnesorganen ausgehend zirkuliere. Nicht schlecht.

Galen war derjenige, welcher zu Hippokrates vier Temperamenten die Vorstellung von vier entsprechenden Gefühlslagen hinzufügte:

Blut sanguin, fröhlich
Phlegma phlegmatisch, träge
gelbe Galle cholerisch, wütend
schwarze Galle melancholisch, traurig

Man sieht, wie sich die Begriffe eingebürgert haben. Auch wir verwenden Ausdrucksweisen wie “er ist ein Hitzkopf” (die kalt-warm Dimension). Galen glaubte, Ungleichgewichte zwischen diesen psychologischen Zuständen seien eine weitere Krankheitsursache. Damit haben wir hier die erste bekannte Persönlichkeitstypologie! Diese Vorstellung beeinflusste ganz unterschiedliche Menschen wie etwa Alfred Adler, Ivan Pawlow und Hans Eysenck.

Zitation

Boeree, C. George (10. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 3.1 Medizin und Physiologie, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/3.1

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