
3.4 Soziobiologie
Seit Darwins Evolutionstheorie bekannt wurde, spekulieren die Leute – auch Darwin selbst – darüber, wie unser Sozialverhalten (und die Gefühle, Einstellungen und so weiter) ebenfalls von der Evolution beeinflusst sein könnten. Schließlich kann man mittels des Evolutionsgedankens besser verstehen, wie unser Körper ausschaut und wie biologische Lebewesen funktionieren, warum also nicht auch die Dinge, die wir mit dem Körper tun?
Der Entomologe E. O Wilson war der Erste, der die Vorstellung formalisiert hat, dass Sozialverhalten evolutionsbezogen erklärt werden könnte, er nannte seine Theorie Soziobiologie.
Zunächst fand die These nur unter Biologen Beachtung – selbst dort gab es heftige Kritik. Als Soziologen und Psychologen Wind von der Theorie bekamen, begann die Kontroverse erst wirklich. Zu dieser Zeit war die Soziologie vornehmlich strukturalistisch-funktionalistisch mit einigen Einschlägen von Marxismus und Feminismus.
Die Psychologie war noch von der Lerntheorie des Behaviorismus geprägt, mit einem humanistischen Einschlag. Keine dieser Theorien hat viel Spielraum für die Vorstellung, dass wir als menschliche Wesen so stark von der Evolutionsbiologie beeinflusst sein sollen! Mit der Zeit, fand Wilsons Soziobiologie immer mehr Unterstützung von Seiten der Biologen, Psychologen und sogar Anthropologen. Nur die Soziologie ist davon weitgehend unberührt geblieben.
Instinkt
Wir wollen zunächst mit einem Beispiel für instinktgeleitetes Verhalten bei Tieren beginnen: Der “three-spined stickleback” ist ein kleiner Stichling, der in den Flüssen und Seen Europas zuhause ist. Im Frühjahr ist Paarungszeit für diese Fische und zugleich auch eine gute Zeit, ihr instinktgeleitetes Verhalten zu beobachten.
Es finden nun einige Veränderungen in ihrem Aussehen statt: Das normalerweise schlicht gefärbte Männchen wird oberhalb der Mittellinie rot. Er grenzt sein Territorium ab und verjagt jedes andere Männchen, mit ähnlich roter Färbung, währenddessen baut er aus Schilf ein Nest in einer kleinen Höhle. Daraus fertigt er einen Tunnel, indem er immer wieder durch das Nest hindurchschwimmt. Dieses Verhalten ist angeboren. Auch Männchen, die abgesondert von Artgenossen aufwachsen, zeigen dieses Verhalten. Während der Paarungszeit verjagt das Männchen nicht nur rotgefärbte Artgenossen, sondern jeden roten Gegenstand, den er seinem Revier findet (er geht auch auf einen roten Spielzeuglaster los, der sich im Glas des Aquariums spiegelt).
Zeitgleich verändert sich auch das Weibchen: Normalerweise ist sie ebenso wenig gefärbt wie das Männchen außerhalb der Paarungszeit, doch nun schwillt ihr Körper durch die vielen Eier an, die sie in sich trägt. Zusätzlich entwickelt ihre Haut einen silbrigen Schimmer, der auf Männchen geradezu unwiderstehlich wirkt. Wenn ein Männchen auf ein solches Weibchen trifft, schwimmt er in Zickzack-Linien auf sie zu. Sie reagiert, indem sie mit hoch erhobenem Kopf auf ihn zuschwimmt. Daraufhin weist das Männchen auf sein Nest und besonders dessen Eingang hin. Sie schwimmt in sein Nest hinein, so dass ihr Kopf am einen und ihre Schwanzflosse am anderen Ende herausragt. Er stupst wiederholt gegen ihr Körperende und bewirkt damit, dass das Weibchen ihre Eier ausstößt und das Nest wieder verlässt. Das Männchen schwimmt nun in das Nest hinein und befruchtet die Eier. Anschließend verjagt er das Weibchen und hält nach einer neuen Partnerin Ausschau.
Was hier vorgeht, ist eine Serie von Zeichen-Reizen und festgelegtem Verhalten: Der Zickzack-Tanz des Männchens ist eine Reaktion auf das Äußere des Weibchens, wird zugleich zu einem Stimuli, das das Weibchen dazu verleitet, ihm in das Nest zu folgen und so weiter. Ist nicht das Balzverhalten des kleinen Fisches vergleichbar mit einigen menschlichen Flirtritualen?
Ethologen – Wissenschaftler, die das Verhalten von Tieren in ihrer natürlichen Umgebung erforschen – haben das Verhalten wie das der Fische schon mehr als ein Jahrhundert hindurch studiert. Zum einen hat Konrad Lorenz ein hydraulisches Model entwickelt, das zeigt, wie ein Instinkt funktioniert. Uns steht ein gewisses Maß an Energie für jede Art von Instinktsystem zur Verfügung, was im Model als Reservoir dargestellt wird. Es gibt einen vermutlich neurologischen Mechanismus, der es erlaubt, dass ein Anteil dieser Energie in Gegenwart eines angemessenen Stimulus abgegeben werden kann: Das Ventil, die Quelle, der Maßstab und das Gewicht. Daneben gibt es weitere Mechanismen – neurologische, motorische, hormonelle – die die Energie in spezifische festgelegte Handlungen übersetzen: das Tablett. Heute würden wir dem entgegensetzen, dass Energie eine unglückliche Metapher ist, und das gesamte System eher als Informationsverarbeitungsprozess verstehen – doch jedes Zeitalter hat seine eigenen Metaphern. Doch die ursprüngliche Beschreibung ist dennoch schlüssig.
Ist hiervon etwas auf das Flirt- und Sexualverhalten der Menschen übertragbar? Diese Frage zu beantworten, überlasse ich euch. Doch was ist mit anderen Beispielen? Nun, es gibt zwei Möglichkeiten:
- Bestimmte Verhaltensmuster finden sich bei den meisten, wenn nicht allen Tieren, zum Beispiel der Kampf um das eigene Überleben, die Suche nach Status und Macht, deren Inbegriff die Aggression ist. Wir werden dies als “assertive instinct“ bezeichnen.
- Bei einigen wenigen Spezies gibt es andere Verhaltensmuster, wie zum Beispiel die Sorge um andere, die in der Sorge der Mutter um ihren Nachwuchs zum Ausdruck kommt. Wir werden dies als den “nurtural instinct“ bezeichnen.
Zitation
3.3 Charles Robert Darwin (1809-1882) « | » 3.5 Philosophen der Romantik
© dt. 2006-2008: d.wieser für social-psychology.de. All rights reserved.

