3.5 Philosophen der Romantik

Der Empirismus sollte sich bis zum heutigen Tag fortsetzen. In der französischen Philosophie sollte er sogar zunehmend materialistisch werden und im Reduktionismus des Auguste Comte (1798-1857) gipfeln, dort ist alle menschliche Erfahrung auf Biologie, Chemie und letztlich die Physik reduziert. Auch der Rationalismus setzt sich bis zum heutigen Tag fort, der Höhepunkt wird mit Georg Hegels (1770-1831) Idealismus des Absoluten erreicht. Hegel vertrat die Auffassung, dass alle menschliche Aktivität nicht mehr als die Aktivität des Universums sei, das sich langsam und unausweichlich der endgültigen Gottheit nähert.

Sowohl im Empirismus als auch im Rationalismus (und Materialismus und Idealismus) geht der Mensch, insbesondere das Individuum, verloren – entweder im ewigen Zusammenstoß der Atome oder im großen Schema Gottes. Unsere Gedanken und Gefühle sind in beiden Fällen nie von Belang! Wir sind nur Karbonmoleküle oder das Zucken der Ewigkeit.

Einige Philosophen waren von dieser Tendenz überrascht, sowohl vor als auch nach Comte und Hegel. Sie meinten, für Menschen sei das tägliche Leben Zentrum unserer Suche nach Wahrheit. Vernunft und die Beweise durch unsere Sinne waren zweifellos wichtig, doch sie bedeuteten uns nichts, wenn nicht unsere Bedürfnisse, Gefühle oder Empfindungen davon berührt waren. Nur dann erlangen sie eine Bedeutung. Diese “Bedeutung” steht im Zentrum der romantischen Bewegung.

Ich werde mich auf einige Philosophen konzentrieren, die ich für die Psychologie als die einflussreichsten erachte. Zunächst Jean-Jacques Rousseau, den man oft für den Vater der Romantik hält. Zum Abschluss Friedrich Nietzsche, der oft für den größten Romantiker gehalten wird. Abschließend werden wir uns die Gemeinsamkeiten dieser Philosophen ansehen und die romantische Bewegung diskutieren.

Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778)

Ohne einen Blick auf Jean-Jacques Rousseau ist keine Geschichte der Psychologie vollständig. Er hat die Erziehung bis zum heutigen Tag beeinflusst, er beeinflusste die Philosophie (Kant, Schopenhauer…), politische Theorie (die Französische Revolution, Karl Marx…), und erhat die romantische Bewegung in der Philosophie beeinflusst, die wiederum alle vorgenannten Felder und die Psychologie beeinflusst hat.

Außerdem ist er einer der schillerndsten Charaktere, die wir haben, und als besonderen Bonus hat er mit den Bekenntnissen eine besonders vielsagende Autobiographie hinterlassen.

Er ist 1712 in Genf in der Schweiz geboren als Sohn des Uhrmachers Isaac Rousseau und dessen Frau Suzanne Bernard Rousseau. Die Mutter starb eine Woche nach Jean-Jacques Geburt, er wuchs bei Onkel und Tante auf. Sie schickten ihn in ein Internat auf dem Land, wo er, wie er sagte, “all den unbedeutenden Müll” lernte, “der den Namen Erziehung erlangt habe”. Diese Erfahrung brachte ihm zumindest die Liebe zum Landleben ein. Im Alter von zwölf Jahren kehrte er zu Tante und Onkel zurück.

Er wurde Uhrmacherlehrling und entwickelte zwei weitere persönliche Qualitäten: die ständigen Schläge vom Meister (sowie auch in der Schule) führten bei ihm zum Lügen und Faulheit; die Adoleszenz ließ ihn eine eher bizarre romantische Ader entwickeln: er verliebte sich ständig. Im Alter von sechzehn Jahren lief er ohne Geld oder Besitz von daheim fort. Ein Priester führte ihn zur Baronin Madame de Warens, eine 29jährige Schönheit, die offenbar ein Herz für Verlierer und potentiell Bekehrte hatte. Ihr Einfluss brachte ihn dazu, zum Katholizismus überzutreten, obwohl er seinen Exhibitionismus und sein Bedürfnis nach lieblichen Damen nicht so recht aufzugeben gedachte. 1729 trat er ins Seminar ein, wurde aber sofort hinausgeworfen. Dann entwickelte er eine gelegentliche körperliche Beziehung zu der lieblichen Madame Warens.

Jean-Jacques RousseauIn der Zwischenzeit wanderte er durch die Lande, oftmals über weite Strecken. Er liebte die Wälder, die Berge und die Natur an sich. Er arbeitete als Gelegenheitslehrer und Musiklehrer, verbrachte aber viel Zeit damit, Autoren der Aufklärung zu lesen. Voltaires Werke führten ihn zu einer einzigartigen Verehrung der Natur. 1742, als er 30 Jahre alt war, ging er nach Paris. Schnell freundete er sich mit dem politischen Schriftsteller Diderot an, der ihm einen Job als Sekretär bei der französischen Botschaft in Venedig verschaffte. Er wurde wegen seiner Überheblichkeit entlassen. 1746 traf er Therese Levasseur und verliebte sich in die einfältige Wäscherin und Näherin. Sie hatten vier Kinder miteinander, alle wurden in Waisenhäuser gegeben. Man muss sich vor Augen halten, dass dies zur damaligen Zeit die übliche Vorgehensweise armer Leute war (d.h. in der Zeit zwischen dem Niedergang Roms und dem Zweiten Weltkrieg!). Später bedauerte er das sehr, gab aber zu, dass er einen lausigen Vater abgegeben hätte. Niemand würde ihm da widersprechen.

Er arbeitete als Sekretär für verschiedene Aristokraten und verbrachte ziemlich viel Zeit mit dem Komponieren. Er schrieb sogar eine Operette von Voltaire um. Er wurde auf einen literarischen Wettbewerb mit Geldpreis aufmerksam und 1750 gewann er diesen mit Discours sur les arts et les sciences – einer mächtigen Attacke gegen die Zivilisation.

Hier finden sich erstmals seine Gedanken zur natürlichen Güte des Menschen. Und obgleich wir ihn als Denker der Aufklärung kennen, war dieses Papier im Grunde anti-aufklärerisch, anti-philosophisch, anti-Vernunft, anti-Voltair und sogar anti-Presse. Er sagte, das gute Leben sei das einfache Leben der Landbevölkerung. Diese Konzeption des “zurück zur Natur” schloss natürlich eine romantische Vorstellung der Natur mit ein und steht in krassem Gegensatz zu der Natur der Urwälder und Wüsten!

1752 war wieder ein aktives Jahr. Er schrieb seine Komödie Narcisse. Seine Operette Le devin du village wurde mit Erfolg dem König vorgetragen. Aufgrund einer Erkrankung – einer Vielzahl schmerzhafter und peinlicher Blasenprobleme – konnte er den König nicht persönlich treffen, damit verscherzte er sich eine Rente.

1753 wurde ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben. Rousseau reichte Discourse sur l’origine et les fondements de l’inegalite parmi les hommes ein, gewann und das Werk wurde zwei Jahre darauf veröffentlicht. In diesem Text akzeptierte er biologische Ungleichheiten, sprach sich aber dafür aus, dass es davon abgesehen keine natürliche Grundlage für andere Ungleichheiten gebe – ökonomisch, politisch, gesellschaftlich oder moralisch! Diese Ungleichheiten gingen im Grunde darauf zurück, dass es private Armut gebe und daher die Notwendigkeit, sie mit Macht zu verteidigen. Er argumentierte, der Mensch sei gut, doch die Gesellschaft, die wenig mehr als die Verdinglichung der Gier darstellt, korrumpiere uns alle. Er gestand ein, dass es uns nicht mehr möglich ist, die zivilisierte Gesellschaft zu verlassen. Sie ist tatsächlich ein Teil unserer Natur geworden! Wir können bestenfalls ein einfacheres Leben führen mit weniger Luxus und mit der einfachen Moral des Evangeliums zur inneren Leitung.

In seinem Artikel über die Wirtschaft, den er für die Enzyklopädie schrieb, schlägt er eine abgestufte Einkommenssteuer vor, eine Luxussteuer (und keine Steuer auf notwendige Dinge) sowie freie nationale Bildung. 1756 zog er mit Therese und ihrer alten Mutter in das “the Hermitage” ein Cottage, das Mme d‘Épinay ihm zur Verfügung stellte. Dort schrieb er einen Roman (oder eine “Romanze”) mit dem Titel Julie, ou la nouvelle Heloise, bezogen auf die Heloise, die als Heloise und Abelard Ruhm erlangt hatte. Es wurde der vielleicht berühmteste Roman des 18. Jahrhunderts. Andererseits verhielt er sich seinen Freunden gegenüber in unangenehmen Briefen und mit seiner Grobheit gegenüber seiner Gönnerin Madadme D’Epinay befremdlich. Selbst sein ältester Freund, Diderot, nannte ihn verrückt. Eingeschnappt verließ er das Hermitage.

1762 veröffentlichte Rousseau sowohl Émile als auch The Social Contract. Die erste Zeile des The Social Contract ist die bekannteste: “Der Mensch ist frei und würd’ in Ketten er geboren.” Der Zweck des Buches war es, eine Gesellschaft zu beschreiben, die diese Freiheit erhalten sollte. “Der Gesellschaftsvertrag” ist ein zugegebenermaßen mythologischer Vertrag zwischen Individuen, die einige Freiheiten aufgeben, um eine Gemeinschaft zu sichern, die das Individuum respektiert und somit so viel Freiheit wie möglich sicher stellt. Dieser Gedanke kombiniert mit Lockes Gedanken zur Regierung sollten die Gründerväter der neuen Vereinigten Staaten inspirieren. Man muss jedoch darauf hinweisen, dass Rousseau am Ende des Buches den Tod als Strafe für jeden vorschreibt, der in Handlungen zeigt, dass er sich nicht an die gemeinsamen Werte der Gemeinschaft hält! Die Französische Revolution sollte deutlicher werden lassen als bei der Amerikanischen Revolution, welches zweischneidige Schwert eine Philosophie wie die Rousseaus sein kann!

Émile war wesentlich ruhiger. Es ist ein Traktat zur Kindererziehung und dies von dem Mann, der seine vier Kinder in Waisenhäuser gegeben hatte! Dennoch stellt sich heraus, dass er ein paar ziemlich gute Ratschläge zu geben hat.

Er verurteilte alle Erziehungsformen, die Gewalt anwenden. Stattdessen sprach er sich für Erziehung aus, die das natürliche Enfalten der kindlichen Potentiale fördert. Und dies zu einer Zeit, als man Kinder zu verwöhnen glaubte, wenn man sie nicht regelmäßig mit einem Stock züchtigte! Und er sagte, die Natur solle der vorrangige Lehrer des Kindes sein, gekoppelt mit der Freiheit, diese Hauptunterrichtsweise zu erkunden.

Grundsätzlich, sagt er, lernt das Kind durch graduelle Anpassung an Notwendigkeiten und durch Nachahmung der Menschen in seinem Umfeld. Bis zum Alter von zwölf Jahren sollte die Erziehung hauptsächlich moralischer Natur sein, dann beginnt die intellektuelle Erziehung. Religiöse Erziehung sollte erst beginnen, wenn das Kind 18 Jahre alt ist. Auf diese Weise kann das Kind vernünftige religiöse Glaubenshaltungen entwickeln, statt der nicht-denkenden Akzeptanz von Mythologie und Wunderglauben. Das Buch ist wunderschön geschrieben, doch viele würden sagen, es sei auf fast naive Weise idealistisch. Es sollte in Europa und später in den USA von großem Einfluss sein. Maria Montessori in Italien legt beispielsweise vielen ihrer Gedanken Rousseau zugrunde, ebenso ging John Dewey in den USA vor. Was wir heute progressive Erziehung und learning by doing nennen, stammt im Grunde von Émile!

Die großen Philosophen seiner Zeit lachten ihn aus – doch die Geistlichen waren außer sich! Seine Freunde warnten Rousseau und rieten ihm zur Flucht. 1762 verfügte das französische Parlament, alle Kopien von Emile zu konfiszieren und zu verbrennen. Rousseau floh in die Schweiz, dort wurden seine beiden Bücher im calvinistischen Genf verbrannt. Er bat Friedrich den Großen um Asyl in Neuchâtel. Dort lebte er dann noch exzentrischer als je zuvor. Und dennoch war er für alle Frauen ein Vorbild, und seine Verleger verlangten nach weiteren Texten. Er gab ihnen Nachschub und zwar vornehmlich in Form von Essays oder Briefen an seine Kritiker.

Doch auch die Geistlichen vor Ort waren über seine Schriften außer sich, eine Predigt zog einen Angriff auf Rousseaus Haus nach sich. Er und Therese zogen wieder um, diesmal in ein abgelegenes Cottage auf einer winzigen Insel in einem Schweizer See. Wieder wurde er aufgefordert, zu gehen, er ging erst nach Straßburg, dann auf eine Einladung von David Hume hin zog er 1766 nach England.

In London stand er zunächst im Zentrum des öffentlichen Interesses, jeder wollte ihn kennen lernen. Bald schon hatte er genug und bat Hume, einen Platz auf dem Land für ihn zu finden. Dort überstrapazierten er, Therese und ihr Hund Sultan die Gastfreundschaft ihres Gastgebers weiterhin.

Rousseau begann kritische Artikel in der britischen Presse zu lesen. Bereits ziemlich paranoid antwortete er auf diese Artikel, als seien sie Ausdruck einer Konspiration gegen ihn, er beschuldigte sogar Hume, Teil der Konspiration zu sein. Zusammen mit Therese “entkam” er aus England und ging zurück nach Frankreich. Obwohl er technisch nach wie vor in Gefahr war, in Frankreich festgenommen zu werden, genoss er den Empfang, den ihm seine Fans dort boten. Er fürchtete jedoch um sein Leben und floh aufs Land, wo er sich anonym aufhielt. Im Jahre 1768 heiratete er seine Therese endlich. Sie bat ihn, zurück nach Paris zu gehen, und das taten sie auch (unter Verwendung von Pseudonymen). Er verdiente seinen Lebensunterhalt, indem er Musik abschrieb, und 1770 vollendete er schließlich seine Autobiographie.

Er schrieb bis 1778 weiterhin, sogar einige seiner schönsten Werke sowie die paranoidesten. Er war in ein Cottage umgezogen, dass der Marquis de Girardin ihm zur Verfügung gestellt hatte, dort studierte er glücklich die heimische Flora, als er einen Gehirnschlag erlitt. Therese versuchte ihn in sein Bett zu tragen, doch er fiel und schlug sich den Kopf an. Als der Marquis zur Hilfe kam, war er tot.

Er wurde auf dem Anwesen beigesetzt, sein Grab wurde zur Pilgerstätte. Später wurden seine sterblichen Überreste ins Pariser Pantheon verbracht, wo er ausgerechnet unweit von Voltaire bestattet ist.

Zitation

Boeree, C. George (10. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 3.5 Philosophen der Romantik, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/3.5

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