
3.6 Erste Ansätze der Psychologie
Psychologie, wie wir sie kennen, ist nicht urplötzlich auf der intellektuellen Bühne erschienen. Es ist unmöglich festzulegen, wann sie ihren Ausgang nahm oder wer dafür verantwortlich ist.
Stattdessen können wir nur auf einige Strömungen hinweisen, die uns von der Philosophie und den Naturwissenschaften zu etwas deutlich Psychologischem führen.
Dieses Kapitel befasst sich mit zweien dieser “ursprünglichen” Strömungen – Assoziationspsychologie als Ursprung einer Kognitionstheorie und der Einführung von Quantifikation in Psychophysik und Intelligenztests.
Assoziationspsychologie
Assoziationspsychologie ist die Theorie, dass das Denken aus Elementen zusammengesetzt ist – gewöhnlich als Empfindungen und Ideen bezeichnet –, welche mittels verschiedener Assoziationen geordnet sind. Obgleich sich der Ursprungsgedanke bei Plato findet, schreibt man Aristoteles das Verdienst zu, den Gedanken ausgearbeitet zu haben. Aristoteles zählte vier Gesetze der Assoziation auf, als er den Prozess des Erinnerns untersuchte:
1. Das Gesetz der unmittelbaren Nähe ( law of contiguity ). Dinge, die sich in zeitlicher oder räumlicher Nähe ereignen, werden tendenziell im Denken miteinander verbunden. Wenn man an eine Tasse denkt, denkt man an eine Untertasse, wenn man ans Kaffeekochen denkt, denkt man daran, den Kaffee zu trinken.
2. Das Gesetz der Häufigkeit ( law of frequency ). Je öfter zwei Dinge oder Ereignisse miteinander verbunden sind, desto mächtiger wird diese Assoziation sein. Wenn man jeden Tag ein Eclair zum Kaffee isst und das schon die letzten zwanzig Jahre hindurch tut, wird die Assoziation wirklich stark sein – und man wird ziemlich fett sein.
3. Das Gesetz der Ähnlichkeit ( law of similarity ). Wenn zwei Dinge ähnlich sind, wird der Gedanke an das eine den Gedanken an das andere auslösen. Wenn man an einen Zwilling denkt, fällt es schwer, nicht auch an den anderen Zwilling zu denken. Wenn man sich an einen Geburtstag erinnert, stellt man fest, dass man auch an andere Geburtstage denkt.
4. Das Gesetz des Kontrastes ( law of contrast ). Andererseits kann das Denken oder Erinnern einer Sache auch die Erinnerung an etwas vollkommen Gegensätzliches auslösen. Wenn man an die größte Person denkt, die man kennt, erinnert man sich vielleicht auch plötzlich an die kleinste Person. Wenn man sich an Geburtstage erinnert, wird vermutlich der Geburtstag auftauchen, der sich von allen übrigen völlig unterscheidet.
Assoziation, so Aristoteles, findet im “gesunden Menschenverstand“ statt. Im gesunden Menschenverstand trafen beispielsweise auch das Aussehen, der Geschmack und der Duft eines Apfels zusammen und formten den Gedanken an einen Apfel. 2000 Jahre lang hielt man diese vier Gesetze für wahr. Auch der Heilige Thomas nahm die Dinge so hin. Doch niemand interessierte sich so richtig für die Assoziation. Man hielt sie für eine schlichte Beschreibung einer ganz gewöhnlichen Angelegenheit. Man betrachtete sie als Aktivität passiven Verstands, während die Abstraktion von Prinzipien oder Essenzen – weit bedeutender für die Philosophen – zur Domäne des aktiven Verstandes gezählt wurden.
Während der Aufklärung interessierten sich die Philosophen wieder für den Gedanken, und zwar als Bestandteil ihrer Studien der Epistemologie. Hobbes verstand komplexe Erfahrung als Assoziationen einfacher Erfahrungen, die wiederum Assoziationen von Sinneserfahrungen waren. Nach Hobbes war die Grundbedeutung der Assoziation Kohärenz (unmittelbare Nähe), und der grundlegende Kraftfaktor war Wiederholung (Häufigkeit).
John Locke lehnte die Möglichkeit angeborener Ideen ab und machte sein gesamtes System abhängig von der Assoziation von Sinnesempfindungen und einfachen Gedanken. Dennoch unterschied er zwischen Gedanken der Sinnesempfindung und Gedanken der Reflexion, damit war der aktive Verstand gemeint. Nur indem wir einfache Gedanken der Reflexion zu einfachen Gedanken der Sinnesempfindung hinzufügen, könnten wir komplexe Gedanken erhalten. Er ging auch davon aus, dass komplexe Emotionen, die aus Schmerz und Freude (einfache Gedanken) gewonnen wurden, mit anderen Gedanken assoziierten.
Es war David Hume, der sich tatsächlich in die Materie vertiefte. Wir erinnern uns, dass er davon ausging, keine Erfahrung beinhalte substantielle Wirklichkeit. Damit ist jegliche Kohärenz, die die Welt (oder das Selbst) zu haben scheint, eine Frage der schlichten Anwendung dieser Naturgesetze der Assoziation. Er listet drei auf:
- Das Gesetz der Ähnlichkeit ( law of resemblance )
- Das Gesetz der unmittelbaren Nähe ( law of contiguity )
- Das Gesetz von Ursache und Wirkung ( law of cause and effect ) – im Grunde unmittelbare Nähe auf die Zeit bezogen.
David Hartley (1705-1757) ist der englische Arzt, der dafür verantwortlich war, dass der Gedanke der Assoziation beliebt wurde, insbesondere infolge eines Buches mit dem Titel Observations of Man. Sein Schwerpunkt lag auf dem Gesetz der unmittelbaren Nähe (in Zeit und Raum) und dem Gesetz der Häufigkeit. Doch er fügte einen Gedanken hinzu, den er von dem berühmten Isaac Newton übernommen hatte: Diese Assoziation war eine Frage der gestimmten “Vibrationen“ innerhalb der Nerven! Seine Gedanken ähneln denen des D. O. Hebb im zwanzigsten Jahrhundert.
James Mill (1773-1836) befasste sich ebenfalls mit Humes Assoziationsgesetzen. Später betrachtete Mill den Verstand als etwas, das passiv mittels des Gesetzes der unmittelbaren Nähe funktionierte, wobei das Gesetz der Häufigkeit und ein Gesetz der Lebendigkeit die Assoziation “einstempelten”. Sein Schwerpunkt lag auf dem Gesetz der Häufigkeit als Schlüssel des Lernens, wodurch seine Zugangsweise dem Zugang der Behavioristen im zwanzigsten Jahrhundert sehr nahe kommt. Doch Mill ist am berühmtesten als Vater von… John Stuart Mill.
Zitation
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