3.8 Wilhelm Wundt und William James

Wilhelm Wundt und William James werden gewöhnlich als Väter der Psychologie und auch als Begründer der ersten beiden großen “Schulen” der Psychologie bezeichnet.

Obgleich sie sehr unterschiedliche Männer waren, gibt es einige Parallelen: Ihre Leben überschneiden sich, Wilhelm Wundt wurde beispielsweise 1832 geboren und starb 1920, während William James zehn Jahre später geboren wurde und zehn Jahre früher starb. Beide können für sich beanspruchen, 1875 das erste psychologische Labor begründet zu haben. Keiner von beiden gab seiner Schule einen Namen.

Wie wir noch sehen werden, gibt es noch weitere Ähnlichkeiten, sowohl persönlicher als auch philosophischer Natur. Ich finde, wir haben seither keine solchen Denker mehr in der Psychologie gehabt.

Quellen:

  • Blumenthal, Arthur L. (2001) A Wundt Primer: The Operating Characteristics of Consciousness. Chapter Four in Reiber, Robert W. and Robinson, David K. Wilhelm Wundt in History: The Making of a Scientific Psychology. Kluwer Academic Publishing.
  • William James (1890): The Principles of Psychology_. As presented in _Classics in the History of Psychology, an internet resource developed by Christopher D. Green of York University, Toronto, Ontario.
  • Calkins, Mary W.: Autobiography of Mary Whiton Calkins, in Murchison, Carl. (Ed.) (1930). History of Psychology in Autobiography (Vol. 1, pp. 31-61). Worcester, MA: Clark University Press. [quoting James, Principles of Psychology, Vol. I, pp. 225 ff.]
Wilhelm Wundt (1832 – 1920)

Wilhelm Wundt ist in dem Dorf Neckerau in Baden am 16. August 1832 als Sohn eines lutheranischen Pastors geboren, er war ein einzelgängerischer und gelehriger Junge. Er teilte sich mit seinem Tutor, dem Assistenten des Vaters und Vikar der Kirche, ein Zimmer. Im Alter von dreizehn Jahren wurde er zum Internat geschickt, mit 19 nahm er sein Hochschulstudium auf. Er studierte in Tübingen, Heidelberg und Berlin Medizin, obwohl er sich mehr für die naturwissenschaftlichen Aspekte als für eine medizinische Karriere interessierte. 1857 wurde er Dozent in Heidelberg, wo er Vorlesungen zur Physiologie hielt. Von 1858 bis 1864 arbeitete er außerdem als Assistent des berühmten Physiologen Helmholtz und studierte die neurologische und chemische Stimulation der Muskeln.

1864 wurde er Assistenzprofessor in Heidelberg. Drei Jahre darauf begann er ein Seminar mit dem Titel physiologische Psychologie, darin ging es um die Grenze zwischen Physiologie und Psychologie, d.h. um die Sinnesreaktionen – ein Interesse, das von den Werken Webers und Fechners angeregt worden war.

Wilhelm WundtSeine Vortragsnotizen sollten letztlich sein Hauptwerk ausmachen: Grundzüge der physiologischen Psychologie, 1873 und 1874 veröffentlicht. Wie Fechner und viele andere zu jener Zeit, akzeptierte Wundt Spinozas Gedanken des psychophysischen Parallelismus: jedes physikalische Ereignis hat einen geistigen Gegenpart, und jedes geistige Ereignis hat einen physikalischen Gegenpart. Wundt glaubte genau wie Fechner, dass das Vorhandensein messbarer Reize (und Reaktionen) die psychologischen Ereignisse für etwas wie experimentelle Methodologie offen machen könnten, und zwar in einer Weise, die frühe Philosophen wie Kant für unmöglich gehalten hatten.

Die Methode, die Wundt entwickelte, ist eine Art experimenteller Introspektion: Der Forscher sollte ein einfaches Ereignis sorgfältig beobachten – ein Ereignis, das sich in Qualität, Intensität oder Dauer messen ließ – und seine Reaktionen auf Variationen dieses Ereignisses aufzeichnen.

(Hinweis: In der deutschen Philosophie seiner Zeit wurden Gefühle für psychologische Ereignisse gehalten, deshalb lagen sie “innerhalb” des Geistes, obgleich sich das Gefühl auf etwas bezieht, das “außerhalb” des Geistes liegt. Folglich nennt Wundt das, was wir Beobachtung nennen würden, Introspektion!)

Und seine Geschichte geht weiter: Wundt wurde 1874 Leiter der “induktiven Philosophie” in Zürich, dann 1875 Philosophieprofessor in Leipzig. Dort sollte er für die nächsten 45 Jahre leben und arbeiten! 1875 wurde für Wundt ein Raum reserviert, wo er vorführen konnte, was wir heute Gefühl und Wahrnehmung nennen. In eben diesem Jahr richtete William James in Harvard ein ähnliches Labor ein. Wir können jenes Jahr also als die Gründung der experimentellen Psychologie feiern!

1879 assistierte Wundt seinem ersten Absolventen bei echter psychologischer Forschung – ein weiterer Meilenstein. 1881 gründete er seine Zeitschrift Philosophische Studien. 1883 begann er seinen ersten Kurs mit dem Titel “experimentelle Psychologie”. Und im Jahre 1894 wurden seine Mühen belohnt, als das “Institut für experimentelle Psychologie” in Leipzig eingerichtet wurde – das erste in der Welt.

Wundt war allen als stiller, hart arbeitender und sehr methodischer Forscher bekannt, ebenso wie als sehr guter Dozent. Dieser letzte Kommentar geschieht vor dem Hintergrund der Standards seiner Zeit, die sich erheblich von den heutigen unterscheiden:

Er sprach einige Stunden lang mit leiser Stimme, ohne Notizen oder audiovisuelle Hilfsmittel und ohne eine Pause für Zwischenfragen einzulegen. Seine Studierenden liebten ihn, doch wir würden ihn zweifelsohne dafür kritisieren, dass er nicht sonderlich unterhaltsam war! Es ist erstaunlich, dass Wundt während dieser sehr geschäftigen Zeit auch noch vier Philosophiebücher veröffentlichte! Man muss sich vor Augen halten, dass die Psychologie zu seiner Zeit noch nicht von der Philosophie abgetrennt war. Tatsächlich lehnte Wundt diese Vorstellung sogar ab, wenn man ihm diesen Gedanken unterbreitete!

Die Untersuchungen, die Wundt und seine zahlreichen Studenten durchführten, drehten sich zumeist um Gefühl und Wahrnehmung, die meisten von ihnen drehten sich um visuelle Wahrnehmung. Zusätzlich gab es Studien zur Reaktionszeit, Aufmerksamkeit und Assoziationen. Insgesamt betreute er 186 Dissertationen, die meisten davon in Psychologie.

Zu seinen bekanntesten Studenten gehörten Oswald Külpe und Hugo Munsterberg (den James einlud, in Harvard zu lehren), auch amerikanische Studenten wie Hall (“Vater” der Entwicklungspsychologie in Amerika), James McKeen Cattell, Lightner Witmer (Begründer der ersten psychologischen Klinik in den USA an der Penn Universität) und Wundts Dolmetscher für die englischsprachige Welt, E. B. Titchener. Titchener ist insbesondere dafür verantwortlich, dass Wundt so schlecht übersetzt wurde!

In seiner späteren Karriere interessierte sich Wundt für Sozial- oder Kulturpsychologie. Anders als viele meinen, glaubte Wundt nicht, dass die experimentelle Untersuchung der Gefühle das Ende der Psychologie sei! Vielmehr war er der Auffassung, dies sei nur die Oberfläche, und außerdem werde der Großteil der Psychologie experimentellen Methoden nicht zugänglich sein. Statt dessen meinte er, man müsse sich der Kulturpsychologie durch ihre Produkte nähern – zum Beispiel Mythologie, Kultpraktiken und Rituale, Literatur und Kunst …

Er schrieb eine zehnbändige Völkerpsychologie, die zwischen 1900 und 1920 veröffentlicht wurde, darin findet sich auch der Gedanken stufenweiser kultureller Entwicklung von primitiven Stadien zum Totemismus, durch das Zeitalter der Helden und Götter bis hin zum Zeitalter des modernen Menschen.

1920 schrieb er Erlebtes and Erkanntes, seine Autobiographie. Kurze Zeit später, am 31. August 1920 starb er.

Zitation

Boeree, C. George (10. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 3.8 Wilhelm Wundt und William James, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/3.8

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