
3.9 Der freie Wille
Das Konzept des freien Willens hat kürzlich harte Zeiten erlebt. Der offensichtliche Siegeszug der Naturwissenschaft und die materialistischen, deterministischen, reduktionistischen Annahmen, die gewöhnlich damit einhergehen, ließen den freien Willen altmodisch aussehen, er wurde eher mit scholastischen Theologen als mit modernen Männern und Frauen assoziiert. Doch ich halte es für unmöglich, das Konzept zu ignorieren, geschweige denn, es vom Tisch zu fegen.
Wir wollen zunächst festlegen, was freier Wille ist und was nicht. Freier Wille ist nicht dasselbe wie Handlungsfreiheit. Handlungsfreiheit bezieht sich auf Dinge, die es verhindern, dass eine willentliche Handlung wahrgenommen wird. Wenn man beispielsweise im Gefängnis sitzt, steht es einem nicht frei, die Stadt rot anzumalen. Wenn man eine Zwangsjacke trägt, ist man nicht frei, Hallo zu winken. Gelähmt zu sein bedeutet, nicht in der Lage zu sein, sich zu bewegen. Das sind keine Angelegenheiten des freien Willens. Freier Wille bedeutet, man ist frei, einen Fluchtversuch zu unternehmen (oder nicht), zu winken zu versuchen (oder nicht), zu versuchen, sich zu bewegen (oder nicht).
Ebenso wenig ist freier Wille das selbe wie politische oder gesellschaftliche Freiheit ( liberty ). Dass man exekutiert werden wird, weil man sich als der örtliche Diktator ausgegeben hat, bedeutet nicht, dass man nicht frei gewesen wäre, es zu versuchen, oder sogar eigentlich frei, es tatsächlich zu tun. Man muss eben für die Befriedigung bezahlen. Andererseits muss ich darauf verweisen, dass Determinismus nicht das selbe ist wie Fatalismus, Schicksal oder Vorbestimmung. Determinismus bedeutet, dass die Lage der Dinge im Augenblick die notwendige Folge der vorherigen Lage der Dinge ist. Es bedeutet, dass jeder Effekt eine Ursache hat und nichts, nicht einmal der Wille, davon ausgenommen ist. Es heißt nicht, dass die Zukunft bereits feststeht.
Es ist hilfreich, den Willen zu definieren. Wie ich es verstehe, ist es eine Frage der Absicht: Die wahrnehmungsbezogenen, kognitiven und emotionalen Prozesse, die bei uns ablaufen, wenn wir mit dem Ergebnis einer Wahl konfrontiert sind, mit der Absicht, bestimmte Handlungen oder Nicht-Handlungen vorzunehmen. Vor mir liegen ein Stück Käseplunder und ein Mohnmuffin. Ich sehe sie mir an, schnuppere, bedenke vergangene Erfahrungen, mir gefallen beide Aussichten, und dann entscheide ich mich. Ich beabsichtige, das Käseplunderstück (oder den Muffin, oder keines von beiden, oder beide) zu essen. Ob ich frei bin, sie tatsächlich zu essen, oder ob ich harte Strafen zu erwarten habe, wenn ich es tue, ist irrelevant. Ich habe mich entschieden!
Wir wollen einige Argumente des freien Willens durchgehen, gefolgt von den Antworten des Determinismus. Weil derjenige, der den freien Willen vertritt, einen Anspruch erhebt und zudem noch einen außergewöhnlichen Anspruch, liegt die Beweislast bei ihr oder ihm.
Zuerst gibt es das Erfahrungsargument. Ich erfahre etwas in mir, das ich so empfinde, dass ich eine Wahl treffe, und ich gehe davon aus, dass diese Wahl von nichts und niemandem außer mir selbst bestimmt wird.
Der Determinist wird erwidern, dass Sie sich der Ursachen Ihrer Entscheidung nur nicht bewusst sind, diese Unkenntnis bezeichnen Sie dann als “freien Willen”. Zweifelsohne gab es ein Neuronenfeuer und Chemikalien bewegten sich entlang der Synapsen und so weiter, alles resultiert sehr deterministisch darin, dass ich mich für das Plunderstück entscheide.
Der Vertreter des freien Willens könnte sagen, der Glaube sei ein zentraler Teil des freien Willens. Wenn man mir das Plunderstück und den Muffin vorsetzt, dabei aber weiß, dass ich dazu neige, Plunderstücke zu wählen, könnte man sehr wohl behaupten, das Endresultat sei determiniert gewesen. Doch hätte ich gewusst, dass Sie nur Ihren Punkt beweisen wollen, würde ich einfach stattdessen den Muffin wählen oder keines von beiden.
Der Determinist würde einfach sagen, dieses extra Stückchen Wissen – dass ich versuche, Sie zu veräppeln – habe Ihre gewohnten ursächlichen Faktoren ersetzt. Stattdessen reagieren Sie recht mechanisch auf eine Bedrohung Ihrer Annahmen.
Das mag sein, sagt der Vertreter des freien Willens. Doch man muss zugeben, dass ich manchmal wahllos reagiere. Ich kann urplötzlich von meinem Stuhl aufspringen und lauthals schreien “Tippecanoe and Tyler, too”. Jetzt will ich sehen, wie Sie so etwas vorherbestimmen wollen!
Der Determinist wird entgegnen, dass Indeterminismus weit entfernt ist von freiem Willen. Wenn das schon ein Ausdruck freien Willens sein soll, dann ist ein Rouletterad besser als Sie.
Aber ich bin unvorherbestimmbar, sagt der Vertreter des freien Willens.
Der Determinist würde darauf verweisen, dass dies bloß ein praktisches Problem darstellt, kein philosophisches. Nur weil ich Ort und Geschwindigkeit der Partikel im Universum nicht präzise bestimmen kann, bedeutet das noch nicht, dass ich von ihnen nicht bestimmt werde. Denn selbst wenn das theoretisch unmöglich wäre (wie aus der Heisenbergschen Unschärferelation hervorgeht), bedeutet das nur, dass ich es nicht vorherbestimmen kann, und nicht, dass ich freien Willen habe!
Der Vertreter des freien Willens könnte darauf hinweisen, dass Moral ohne freien Willen keine Bedeutung hat. Die besten Eigenschaften des Menschen – Großzügigkeit, Tapferkeit, Mitgefühl – sind bedeutungslos. Wenn wir so determiniert sind wie ein herabfallender Ziegelstein, kann man Adolf Hitler seine teuflischen Taten ebenso wenig vorwerfen, wie man Mutter Theresa für ihre guten Taten loben kann. Was wäre dann mit der Welt los?
Einfach, sagt der Determinist: Wir müssen eben ohne Moral leben. Viele Menschen sind bereits moralische Relativisten oder sogar moralische Nihilisten. Unsere Gesellschaften kommen mit Gesetzen und juristischen Prozessen und Gefängnissen ganz gut zurecht, sie verwenden nichts als Tradition, das Eigeninteresse der Mehrheit, Reziprozität und die Regel des rette-deinen-Arsch. Vielleicht ist das schon alles, was Moral je war!
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