
4.12 Psychologie Heute und Morgen
Vom logischen Positivismus zur Postmoderne
Die Philosophie, welche die psychologische Forschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierte, wurde als logischer Positivismus bezeichnet. Diese Philosophie nahm ihren Ausgang mit dem Treffen von Philosophen und Ärzten in Wien und Berlin in den 20ern. Die am häufigsten genannten Namen im Zusammenhang mit logischem Positivismus sind Moritz Schlick (der Gründer) und Rudolph Carnap.
Die Grundidee des logischen Positivismus lautet, alles Wissen basiert auf empirischer Beobachtung, begleitet von der rigorosen Anwendung von Logik und Mathematik. Die ideale Methode ist die Naturwissenschaft, anders ausgedrückt, Hypothesen. Somit ist jegliche theoretische Aussage nur dann von Belang, wenn sie sich empirisch überprüfen lässt. Dies bezeichnet man als Prinzip der Verifikation.
Das bedeutet letztlich, dass alle metaphysischen (und, selbstverständlich, theologischen) Aussagen bedeutungslos sind. Der Philosophie bleibt nur noch ein Zweck – so die logischen Positivisten, nämlich die Untersuchung, ob naturwissenschaftliche Aussagen bedeutsam sind. Mit der Zeit dominierte der logische Positivismus das Denken der meisten Physiker und Chemiker sowie zahlreicher Biologen und Psychologen. Es waren die Behavioristen, die sich dem neuen Gedanken mit Begeisterung anschließen konnten.
Doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, entstand eine neue Philosophie, die Postmoderne, mit ihrer mächtigen Kritik am logischen Positivismus sowie der ganzen modernen Philosophie. Hier sind die geläufigsten Namen Michel Foucault und Jacques Derrida.
Die Postmoderne begann in der Architektur, als einige junge Architekten des späten 19. Jahrhunderts gegen das rebellierten, was ihre Lehrer ihnen über die “richtige” und “falsche” Weise, Gebäude zu entwerfen, bei brachten. Damals waren die Lehrer meist Modernisten, die klare Linien und reine geometrische Formen liebten, so, wie wir sie in vielen modernen Hochhäusern finden. Also nannten sich die Rebellen postmodern. Zuvor lag die Betonung darauf, eine architektonische Philosophie beizubehalten, einen Stil beizubehalten.
Die Postmodernen hingegen sagten: Vergiss die Regeln! Spiel mit dem Raum! Setze dich über die Schwerkraft hinweg, wenn’s dir passt!
In der Philosophie bezieht sich die Moderne auf die Philosophie der Aufklärung. Damals suchten die Philosophen eine einzige monolithische Wahrheit. Doch seit Humes Skeptizismus und Kants kritischer Philosophie wurden sich die Philosophen zusehends der Grenzen der Philosophie bewusst. Oft verborgen hinter der Popularität von etwa Hegels Absolutismus und Comtes Positivismus, setzte sich diese skeptische oder kritische Strömung des Denkens durch das ganze 19. Jahrhundert bis zu Nietzsches Perspektivismus und William James Pragmatismus hindurch fort.
Der fundamentale Punkt der Postmoderne ist, dass es keine objektive Realität gibt, keine ultimative Wahrheit, zu der wir alle Zugang haben. Wahrheit ist eine Frage der Perspektive oder des Betrachterstandpunktes. Jedes Individuum konstruiert ein eigenes Verständnis der Wirklichkeit, und niemand kann sich über ihre Perspektiven erheben.
Im Laufe der Geschichte, waren einige Konstruktionen der Wirklichkeit privilegiert, unterstützt von einer mächtigen Elite – wohlhabende europäische Männer, um ein schlichtes Beispiel zu nennen. Andere Konstruktionen wurden unterdrückt. Beispiele für unterdrückte Perspektiven sind die Sichtweise der Frauen, der Armen und der nordwestlichen Kulturen.
Alles wird durch “Linsen” betrachtet – gesellschaftlich, kulturell, sogar individuell. Sogar die Naturwissenschaft! Thomas Kuhn, ein Wissenschaftsphilosoph, wies darauf hin, dass die Wissenschaft eigentlich ein chaotisches Geschäft sei, voller persönlicher, kultureller und sogar politischer Einflüsse. “Wahrheit” ist das, was der jeweils mächtigste Wissenschaftler als Wahrheit bezeichnet – bis dieser Status quo von Widersprüchen überhäuft wird. Dann findet eine wissenschaftliche “Revolution” – ein Paradigmenwechsel – statt. Und dann beginnt alles von vorn.
Das wichtigste Werkzeug der Postmoderne ist die Dekonstruktion. Dekonstruktion bedeutet zu zeigen, dass ein bestimmtes Denksystem letztlich unvollständig oder gar irrational ist, und zwar unter Verwendung der jeweiligen Ideen und Argumentationen. Es ist eine Art Extended Version der “Reduktion auf Absurdität” – Kritik von innen heraus. Oder man kann es als die Ausdehnung des Nominalismus sehen: Namen bezeichnen Individuen, aber Worte, die sich auf etwas darüber Hinausgehendes beziehen (Universale, Ideen, Formen, Naturgesetze, Letzte Wahrheiten …) sind nichts als Schall und Rauch!
Indem die Postmoderne einige unserer traditionellen Philosophien, Historien, Literaturen und Wissenschaften dekonstruierte, führte er uns die Voreingenommenheiten klar vor Augen, die wir nicht so leicht erkennen können, weil uns solche Vorannahmen nahe liegend erscheinen, sie sind schon zu sehr Teil von uns geworden. Das war nun beispielsweise das erklärte Ziel des Feminismus.
Der Feminismus begann mit dem Aufruf, alle Frauen ernst zu nehmen. Nach Äonen, während derer das Leben der Frauen wenig mehr als eine Fußnote im Leben der Männer gewesen war, ist es höchste Zeit, die Aufmerksamkeit auf die Frauen zu richten, sowohl als ernsthafte Themen als auch als selbstständig Denkende!
Die Feministen sagen, dass Männer als Philosophen (oder als Historiker, als Wissenschaftler …) durch ihr Mannsein bereits unbewusst voreingenommen sind. Wenn wir unser Wissen von der Welt verbessern wollen, müssen wir die weibliche Perspektive mit einbeziehen. Das sind sehr gute Ansatzpunkte!
Eine andere postmoderne Strömung ist der Multikulturalismus. Man argumentiert, westliche Denker seien unbewusst voreingenommen wegen ihrer verbreiteten kulturellen Annahmen, der Sozialstruktur und der Geschichte. Beispielsweise gab es viele Jahre lang die Tendenz, die Europäer und ihre Nachfahren als irgendwie “normal” anzusehen, andere Völker und Zivilisationen wurden als irgendwie unterlegen oder abweichend betrachtet.
Heute achten die meisten Sozialwissenschaftler auf andere kulturelle Perspektiven und erforschen ihre eigenen Vorannahmen sehr sorgfältig. Insgesamt haben die Sozialwissenschaften die wachsenden Beiträge nicht-westlicher Wissenschaftler sehr willkommen geheißen.
Eine Vorannahme, die mich interessiert, ist das Klassendenken. Bis vor kurzem zählte die Mehrheit der Wissenschaftler und Gelehrten zur Upper Class mit wenig Verständnis für die Armen der Arbeiterklasse. Auch heute noch müssen wir uns fragen, für wen wir als Wissenschaftler eigentlich arbeiten? In den meisten Fällen arbeiten wir für Einrichtungen, akademisch oder in der freien Wirtschaft. Bewusst oder nicht, wir tun, was der Herr von uns will!
Unglücklicher Weise haben einige Feministen postuliert, die weibliche Perspektive sei natürlicher Weise besser als die männliche Perspektive. Dieser Betrachterstandpunkt ignoriert die Möglichkeit, dass Männer ihre Vorannahmen überwinden können und ebenso die Möglichkeit, dass auch Frauen voreingenommen sein können. Eine vergleichbare Tendenz finden wir bei den Advokaten anderer kritischer Philosophien. Es ist beispielsweise nicht notwendiger Weise zutreffend, dass eine eindeutig europäische Theorie falsch sein muss, oder dass eine nicht-westliche Theorie richtig ist. Und selbst jemand, der Forschungen für multinationale Konzerne betreibt, kann zu richtigen Ergebnissen gelangen! Okay, vermutlich nicht.
Des weiteren sind nicht alle Perspektiven gleich wertvoll. Astrologie und Phrenologie sind vielleicht Perspektiven zur Persönlichkeit, aber sie sind tatsächlich falsch! Die Erklärung menschlichen Verhaltens, wie sie sibirische Schamanen entwickeln, sind mit Sicherheit interessant, aber nicht wahrscheinlicher zutreffend als die Erklärungen früher europäischer Denker.
Dekonstruktion und postmoderne Philosophien sind generell eher negative Philosophien. Sie kritisieren, bieten aber selten Alternativen an. Ihrer Argumentation mangelt es oft an empirischem Material oder sogar an rationalem Denken: Erinnern wir uns, dass sie unsere Fähigkeit kritisieren, empirisch oder rational zu denken!
Zunächst waren die Traditionalisten beeindruckt und interessierten sich dafür, ihre eigenen Begrenzungen kennen zu lernen. Männer ebenso wie Frauen wurden Feministen; Westliche ebenso wie andere nahmen den Multikulturalismus auf. Den meisten war die Vielheit der Perspektiven sehr willkommen!
Doch bald fiel einigen auf: Wenn alle Wahrheit relativ ist (als wäre jede Moral relativ), dann sind Feminismus, Multikulturalismus etc. nicht intrinsisch wahrer oder wertvoller als “Maskulinismus” oder Eurozentrismus etc. Wenn wir nicht beurteilen können, was wahr ist oder nicht, wie können wir uns dann noch entwickeln? Wie können wir an uns und unserer Gesellschaft arbeiten, wenn “Fortschritt” ausschließlich im Auge des Betrachters liegt?
Wenn man glaubt, alle Perspektiven seien gleichwertig, dann ist das einzige, was eine Perspektive über eine andere erhaben macht, wie Nietzsche schon feststellte, die Macht. Wenn Philosophie und Wissenschaften auf Machtkämpfe zwischen “Autoritäten” reduziert sind, sind wir wieder genau dort, wo wir schätzungsweise am 17. Februar 1600 waren, als die Kirche Giordano Bruno auf den Scheiterhaufen hinrichten ließ.
Also, werden wir uns einmal unserer Begrenzungen und Voreingenommenheiten bewusst (und vergessen es nicht gleich wieder!), sogar noch der Begrenzungen des Empirismus und Rationalismus selbst bewusst, müssen wir nichts desto trotz zu Empirismus und Traditionalismus zurückkehren – es ist der einzige Weg, wie wir uns zumindest der Wahrheit annähern können, vielleicht der einzige Weg, wie wir als Spezies überleben können. Wir müssen unsere Lektion lernen und dann wieder an die Arbeit gehen!
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