4.2 Vorläufer der Psychoanalyse

Studierende sind oft überrascht, dass die Psychiatrie – also die medizinische Behandlung des Gehirns – nicht von Sigmund Freud erfunden wurde. Die Psychoanalyse – eine spezielle (und sehr bedeutsame) Form der Psychiatrie – war sein Baby. Psychiater gab es schon vor Freud und heute sind die meisten Psychiater keine Freudianer.

Den Begriff Psychiatrie prägte der deutsche Arzt Johann Reil im Jahre 1808, der Begriff sollte den älteren Begriff “alienist” nur langsam ersetzen. Die neue Bezeichnung signalisierte eine neue Betrachtungsweise, welche sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus beträchtlichen Verbesserungen bei der Behandlung geistig Kranker ergeben hatte.

Es gibt drei Personen, denen ich als wichtigen Vorgängern der Psychoanalyse Respekt zollen möchte: Franz Anton Mesmer, der die Hypnose entdeckte; Philippe Pinel, der die Art veränderte, wie wir von geistig Kranken denken und wie wir sie behandeln; und Jean-Martin Charcot, der oft als Vater der Neurologie bezeichnet wird.

Franz Anton Mesmer

Franz Anton Mesmer ist am 23. Mai 1734 in Iznang, nahe dem Konstanzer See, in Deutschland geboren. 1766 erhielt er an der Universität Wien den medizinischen Doktorgrad. In seiner Doktorarbeit ging es um die Vorstellung, dass Planeten unsere Gesundheit beeinflussen. Er ging davon aus, dass ihre Gravitationskräfte die Verteilung unserer animalischen Geister beeinflussten. Später änderte er seine Theorie ab, indem er statt der Gravitation den Magnetismus betonte – daher der Begriff “Animalischen Magnetismus“. Doch schon bald sollte das Phänomen als Mesmerismus bekannt werden.

Franz Anton MesmerEr war tatsächlich in der Lage, Menschen in Trancezustände zu versetzen, sogar in Zuckungen, indem er magnetische Stäbe über ihnen bewegte. Seine imposanten Darbietungen waren eine Zeit lang ziemlich populär, doch er glaubte, jeder Mensch könne dieselben Ergebnisse erzielen. Und in der Tat wurden einige seiner Patienten von ihren Symptomen geheilt – ein Punkt, der später noch von anderen untersucht werden würde.

Als andere Wiener Ärzte ihn des Betrugs bezichtigten, ging er nach Paris. 1784 berief der König von Frankreich, Louis XVI, eine Kommission, der auch Benjamin Franklin angehörte, damit sie Mesmer und seine Praktiken überprüften. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass seine Ergebnisse schlicht auf Suggestion zurück zu führen seien.

Obzwar der Mesmerismus von vielen aus der gebildeten Elite verachtet wurde, war er in den europäischen Salons ein ziemlicher Bringer. Um auch den vielen armen Menschen helfen zu können, die ihn um Hilfe baten, entwickelte Mesmer eine Art Badewanne, in welcher sie sitzen und die magnetischen Stäbe selbst halten konnten. Schließlich gründete er eine Organisation, die Mesmeristen ausbilden sollte.

Mesmer starb am 5. März 1815 in Meersburg, ebenfalls nahe dem Konstanzer See.

Ein englischer Arzt, James Braid (1795-1860), ein wesentlich sorgfältigerer Erforscher des Mesmerismus, nannte das Verfahren Hypnose. Unabhängig von Mesmer sollte die Hypnose im zwanzigsten Jahrhundert eine lange, wenn auch kontroverse, Geschichte erleben.

Philippe Pinel

Philippe Pinel ist am 20. April 1745 in der Kleinstadt Saint André geboren. Sein Vater war Barbier und Chirurg, eine damals gewöhnliche Kombination, da beide Berufe eine ruhige Hand erforderten. Seine Mutter entstammte einer Arztfamilie.

Philippe war zu Beginn seines Studiums mehr an Literatur interessiert – insbesondere an Jean-Jacques Rousseau – als an Medizin. Doch nachdem er einige Jahre lang Theologie studiert hatte, nahm er ein Medizinstudium auf und erhielt 1773 seinen Doktortitel von der Universität Toulouse.

Pinel zog 1774 nach Montpellier, wo er reiche Studenten in Anatomie und Mathematik unterrichtete. Nachdem er zwei Aufsätze zur Verwendung der Mathematik in anatomischen Untersuchungen eingereicht hatte, wurde er zur Montpellier Société Royale des Sciences zugelassen. Er zog 1778 nach Paris, wo er mit einer Reihe berühmter Naturwissenschaftler und Philosophen seiner Zeit in Kontakt kam (u.a. Ben Franklin), so wurde er auch mit den radikalen neuen Ideen von John Locke und den französischen Sensationalists vertraut. Obwohl er in Paris nicht praktizieren durfte, wurde er ein respektierter Autor medizinischer Fachliteratur, er ist insbesondere bekannt für seine sorgfältigen und umfassenden Fallstudien.

1785 gab es einen Wendepunkt in Pinels Leben, als ein Freund an einer geistigen Krankheit starb. Er widmete sich fortan der Untersuchung geistiger Krankheiten und wurde 1792 zum Leiter der Pariser Irrenanstalt für Männer, Bicêtre. In jenem Jahr heiratete er Jeanne Vincent, mit der er drei Söhne hatte.

Philippe PinelIn der Bicêtre fand er seinen Platz in der Geschichte: bevor er nach Bicêtre kam, wurden die Männer angekettet, abscheulich behandelt und täglich als Kuriositäten öffentlich ausgestellt. 1793 richtete Pinel ein neues Betreuungsprogramm ein, das er als moralische Therapie bezeichnete. Den Männern wurden saubere, angemessene Unterkünfte zugeteilt und sie wurden mit einfacher aber produktiver Arbeit vertraut gemacht.

1795 wurde er leitender Arzt des weltbekannten Krankenhauses Salpêtrière. Auch hier ließ er den Geisteskranken seine aufgeklärte Behandlung zukommen. Im selben Jahr wurde er in Paris Professor für Pathologie. 1801 stellte Phillipe Pinel der Welt sein erstes Lehrbuch zur moralischen Therapie vor.

Pinel ist auch dafür bekannt, die These, Geisteskranke seien von Dämonen besessen, verworfen zu haben, außerdem hat er Behandlungsmethoden wie den Aderlass aus seinem Krankenhaus verbannt. Er führte andere Neuheiten ein wie etwa Impfungen und den Gebrauch des Stethoskops. Er war Napoleons Arzt und wurde 1804 zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen. Er starb am 25 Oktober 1826 in Paris.

Pinels Innovationen wurden bald in anderen Ländern nachgeahmt, etwa von solchen Menschen wie William Tuke in England, Vincenzo Chiarugi in Florenz und Dorothea Dix in den USA.

Jean-Martin Charcot

Jean-Martin Charcot ist am 29. November 1825 in Paris geboren. Seinen medizinischen Doktorgrad erhielt er 1853 an der Universität Paris. 1860 wurde er Professor an seiner Alma Mater. Zwei Jahre darauf begann auch er an der Salpêtrière zu arbeiten. Im Jahre 1882 eröffnete er eine neurologische Klinik an der Salpêtrière. Er und die Salpêtrière wurden in ganz Europa bekannt, Studierende kamen von überall her, um das neue Fachgebiet zu studieren. Zu ihnen zählen auch Alfred Binet und der junge Sigmund Freud.

Charcot ist in Medizinerkreisen bekannt für seine neurologische Untersuchung motorischer Krankheiten, resultierenden Erkrankungen, Aneurismen und für die Lokalisierung der Gehirnfunktionen. Er gilt als der Vater der modernen Neurologie und ebenso als dieerste Person, die Multiple Sklerose diagnostiziert hat.

Jean-Martin CharcotIm Bereich der Psychologie ist er am bekanntesten für seine Anwendung der Hypnose, mit der er erfolgreich Frauen behandelte, die an einer psychischen Krankheit litten, die zur damaligen Zeit als Hysterie bekannt war; heute als Konversionsneurose bezeichnet. Hysterie bedeutete den Verlust einiger physiologischer Funktionen wie den Verlust der Sehkraft, der Sprache, des Tastsinns, der Bewegungsfähigkeit etc., wobei dies nicht auf tatsächliche neurologische Schäden zurückzuführen war.

Charcot ging davon aus, dass die Hysterie auf ein schwaches Nervensystem kombiniert mit den Auswirkungen einer traumatischen Erfahrung zurückzuführen sei. Indem er die Patienten hypnotisierte, entstand ein Zustand, der der Hysterie ähnelte. Er fand heraus, dass die Symptome in einigen Fällen nach der Hypnose nachließen – obgleich er sich nur für die Erforschung der Hysterie interessierte, nicht für die Heilungsmethoden! Andere würden die Hypnose später als Teil einer Behandlungsmethode verwenden.

Charcot starb am 16. August 1893 in Morvan, Frankreich.

Zitation

Boeree, C. George (09. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 4.2 Vorläufer der Psychoanalyse, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/4.2

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