
4.3 Sigmund Freud
Wie die meisten Geschichten beginnt auch Freuds Geschichte mit Geschichten anderer Menschen. Es handelt sich um seinen Mentor und Freund Dr. Joseph Breuer und Breuers Patientin mit dem Pseudonym Anna O.
Anna O. war zwischen 1880 und 1882 Joseph Breuers Patientin. Die Zwanzigjährige verbrachte die meiste Zeit damit, ihren kranken Vater zu pflegen. Sie litt an Husten, der keine physische Ursache hatte. Dann entwickelte sie Sprachschwierigkeiten, sie wurde stumm und sprach statt ihrer Muttersprache nur noch in Englisch.
Nachdem ihr Vater verstorben war, verweigerte sie das Essen und entwickelte eine ungewöhnliche Mischung von Symptomen. Sie verlor das Gespür in Händen und Fü?en, litt an Lähmungserscheinungen und Spasmen. Außerdem litt sie an Halluzinationen und Tunnelblick. Doch als man Spezialisten hinzu zog, konnte man keine physischen Ursachen für ihre Erkrankung ausmachen.
Als ob all das noch nicht genug wäre, bildete sie Märchenfantasien aus, litt an dramatischen Stimmungs- schwankungen und unternahm einige Suizidversuche. Breuers Diagnose lautete, sie sei an Hysterie erkrankt, wie man es damals nannte (heute bezeichnet man das Krankheitsbild als Konversionsneurose), das bedeutete, dass ihre Symptome nur physischen Ursprungs zu sein schienen, es in der Tat aber nicht waren.
Abends verfiel Anna in Zustände, die Breuer “spontane Hypnose” nannte, Anna selbst bezeichnete es als “clouds“ (Wolken). Breuer fand heraus, dass sie in diesem Zustand ihre Tagtraumfantasien und andere Erlebnisse erläutern konnte und dass sie sich anschließend besser fühlte. Anna nannte diese Episoden “chimney sweeping“ (Schornsteinfegen) und “the talking cure“ (Redekur).
Manchmal wurde während des “chimney sweeping“ ein emotionales Erlebnis erinnert, das einem bestimmten Symptom Sinn gab. Das erste Beispiel trug sich zu, nachdem sie sich zu trinken geweigert hatte: Sie erinnerte sich eine Frau dabei beobachtet zu haben, wie sie aus einem Glas trank, aus dem eben erst ein Hund getrunken hatte. Während des Erinnerns empfand sie heftigen Ekel und dann wollte sie ein Glas Wasser trinken! Anders gesagt, ihr Symptom die Vermeidung von Wasser verschwand, sobald sie das zugrunde liegende Erlebnis erinnert hatte. Da erst empfand sie die starke Emotion, die dem Erlebnis angemessen war. Breuer nannte dies die Katharsis, abgeleitet vom griechischen Ausdruck für Reinigung.
Elf Jahre darauf schrieben Breuer und sein Assistent Sigmund Freud ein Buch über Hysterie. Darin erläuterten sie ihre Theorie: Jeder Fall von Hysterie ist das Ergebnis eines traumatischen Erlebnisses, das nicht in das Weltverständnis einer Person integriert werden kann. Die mit dem Trauma natürlicherweise verbundenen Emotionen werden nicht direkt ausgedrückt, doch sie verpuffen nicht einfach: Sie drücken sich in Verhaltensweisen aus, die in abgeschwächter Form noch eine Reaktion auf das Trauma darstellen. Diese Symptome sind somit bedeutsam. Kann der Patient sich die Bedeutung seiner Symptome bewusst machen (durch Hypnose beispielsweise), werden die unterdrückten Emotionen frei und brauchen sich nicht länger in Symptomen zu äußern. Es ist, als würde man ein Geschwür aufstechen.
Auf diese Weise wurde Anna nach und nach ihre Symptome los. Man muss darauf hinweisen, dass sie Breuer dazu brauchte: Wenn sie sich in hypnotischen Zuständen befand, musste sie nach seiner Hand tasten, bevor sie erzählen konnte, um sicher zu sein, dass er da war. Und leider tauchten bald neue Probleme auf.
Freud zufolge fiel Breuer auf, dass sie sich in ihn verliebt hatte und er sich in sie zu verlieben begann. Außerdem erzählte sie jedem, sie erwarte ein Kind von ihm. Man könnte sagen, sie wünschte es sich so sehr, dass ihr Kopf ihrem Körper sagte, sie sei wirklich schwanger; sie entwickelte eine hysterische Schwangerschaft. Als verheirateter Mann in der viktorianischen Zeit brach Breuer ihre Sitzungen sofort ab und verlor jegliches Interesse an der Hysterie. Man sollte darauf verweisen, dass neuere Forschungen darauf schließen lassen, dass viele dieser Vorkommnisse, eingeschlossen der hysterischen Schwangerschaft und Breuers abrupter Abkehr, vermutlich Freuds “Einwirkungen” auf die Wirklichkeit waren!
Freud sollte der Theorie später hinzufügen, was Breuer nicht öffentlich zugeben wollte dass geheime sexuelle Wünsche die Wurzel all dieser hysterischen Neurosen waren.
Um Annas Geschichte zuende zu erzählen: sie verbrachte einige Zeit in einem Sanatorium. Später wurde sie eine respektierte und aktive Figur die erste Sozialarbeiterin Deutschlands und zwar unter ihrem echten Namen, Bertha Pappenheim. Sie starb 1936. Man wird sich an sie erinnern, nicht nur ihrer eigenen Errungenschaften wegen, sondern als Inspiration der einflussreichsten Persönlichkeitstheorie.
Biographie
Sigmund Freud ist am 6. Mai 1856 in einer kleinen Stadt Freiberg in Mähren geboren. Sein Vater war ein Wollkaufmann von scharfem Verstand und mit einer guten Portion Humor ausgestattet. Seine Mutter war eine lebhafte Frau, die zweite Ehefrau ihres Mannes, und gut zwanzig Jahre jünger. Sie war 21 Jahre alt, als sie ihren ersten Sohn zur Welt brachte, ihren Liebling, Sigmund. Sigmund hatte zwei ältere Halbbrüder und sechs jüngere Geschwister. Als er vier oder fünf Jahre alt war er ist sich da nicht sicher zog die Familie nach Wien, wo er die meiste Zeit seines Lebens blieb.
Er war ein intelligentes Kind, immer Klassenbester, dann besuchte er die medizinische Hochschule eine der wenigen Möglichkeiten für einen schlauen jüdischen Jungen im Wien seiner Zeit. Dort beteiligte er sich an Forschungen unter der Leitung eines Physiologieprofessors namens Erich Brücke. Brücke war Anhänger einer zur damaligen Zeit populären, wenn auch radikalen Theorie, die wir heute Reduktionismus nennen: “Innerhalb des Organismus sind ausschließlich die bekannten physiochemischen Kräfte am Werk.” Freud sollte Jahre damit zubringen, die Persönlichkeit auf Neurologie zu “reduzieren”, später gab er dieses Projekt allerdings auf.
Freud war sehr gut in seinen Forschungen, dabei konzentrierte er sich auf Neurophysiologie und erfand sogar eine spezielle Technik. Doch es waren nur wenige akademische Posten zu vergeben und andere waren vor ihm an der Reihe. Brücke verhalf ihm zu einer Art Stipendium, zunächst bei dem großen Psychiater Charcot in Paris, dann bei seinem Rivalen Bernheim in Nancy. Beide Herren erforschten die Anwendung von Hypnose bei Hysteriepatienten.
Er arbeitete einige Zeit als Direktor eines Kinderheims in Berlin, kehrte dann nach Wien zurück und heiratete seine geduldige Verlobte Martha Bernay; schließlich richtete er mit Breuers Hilfe eine neuropsychiatrische Praxis ein.
Freuds Schriften und Vorlesungen brachten ihm Ruhm und Ächtung seitens des Mainstream medizinischer Kreise ein. Er scharte eine Reihe sehr kluger Sympathisanten um sich, die den Kern der psychoanalytischen Bewegung darstellten. Leider wies Freud gern Menschen zurück, die nicht mit ihm übereinstimmten. Einige trennten sich auf freundschaftlicher Basis; andere nicht, und diese gingen dazu über, konkurrierende Schulen zu gründen.
Kurz vor dem zweiten Weltkrieg emigrierte Freud nach England, während Wien ein zusehends gefährlicheres Pflaster für jüdische Bürger wurde, insbesondere wenn man so berühmt war wie Freud. Bald darauf starb er an Krebs, woran er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens gelitten hatte.
Zitation
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