4.5 Alfred Adler

Alfred Adler ist im Vorstadtbezirk Wiens am 7. Februar 1870 geboren, das dritte Kind und der zweite Sohn eines jüdischen Kaufmanns und seiner Ehefrau. Als Kind litt Alfred unter Rachitis, weshalb er erst mit vier Jahren laufen lernte. Im Alter von fünf Jahren starb er fast an Lungenentzündung. Und in diesem Alter entschied er sich bereits, Arzt zu werden.

Alfred war ein durchschnittlicher Schüler, der lieber draußen im Freien spielte, statt in der Schule eingesperrt zu sein. Er war eher aufgeschlossen, beliebt und aktiv, bekannt für sein Bemühen, seinen älteren Bruder Sigmund in allem zu übertreffen.

1895 erhielt er den Doktortitel von der Universität Wien. Während seiner Zeit an der Universität schloss er sich einer Gruppe sozialistischer Studenten an, darunter befand sich auch seine zukünftige Frau Raissa Timofeyewna Epstein. Sie war eine Intellektuelle und soziale Aktivistin, die aus Russland gekommen war, um in Wien zu studieren. 1897 heirateten sie und hatten vier Kinder, von denen zweit Psychiater wurden.

Er begann seine medizinische Karriere als Ophthamologe, wandte sich dann aber bald der Allgemeinmedizin zu und richtete seine Praxis gegenüber des Prater in Wien ein. Später dann wandte er sich der Psychiatrie zu und wurde 1907 eingeladen, an Freuds Diskussionsgruppe teil zu nehmen. Zunächst verfasste er wissenschaftliche Aufsätze zur Organminderwertigkeit, die mit Freuds Ansichten kompatibel waren, dann aber schrieb er erst einen Artikel zum Aggressionstrieb, den Freud nicht guthieß und anschließend einen Aufsatz über das Unterlegenheitsempfinden bei Kindern, in denen er vorschlägt, Freuds Gedanken zur Sexualität mehr metaphorisch als wörtlich zu nehmen.

Adler, AlfredObgleich Freud ihn zum Präsidenten der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft und Co-Editor des Rundbriefs der Organisation machte, unterließ Adler seine Kritik nicht. Es wurde daher eine Debatte zwischen denen, die Adlers Ideen unterstützten und den Freudanhängern abgehalten, doch das Ergebnis fiel für Adler positiv aus, denn neun andere Mitglieder der Organisation wandten sich von der Gesellschaft ab und bildeten stattdessen 1911 die Gesellschaft Freier Psychoanalyse. Diese Organisation wurde ein Jahr später die Gesellschaft für Individualpsychologie.

Während des ersten Weltkrieges arbeitete Adler als Arzt für die österreichische Armee, zunächst an der russischen Front, später dann in einem Kinderkrankenhaus. Dort sah er aus erster Hand all die Schäden, die der Krieg anrichtet und seine Gedanken drehten sich vermehrt um das Konzept des sozialen Interesses. Er kam zu der Überzeugung, dass die Menschheit sich ändern müsse, um überleben zu können!

Nach Kriegsende arbeitete er in verschiedenen Projekten mit, in Kliniken, die an staatliche Schulen angebunden waren, sowie im Unterrichten der Lehrer. 1926 begab er sich in die Vereinigten Staaten, um dort Vorlesungen abzuhalten und nahm eine Stelle am Long Island College of Medicine an. 1934 verließen er und seine Familie Wien für immer. Am 28 Mai 1937 starb er während einer Vorlesungsreihe an der Aberdeen University an einem Herzinfarkt.

Trieblehre

Alfred Adler postuliert einen einzigen “Trieb”, der als Antriebskraft hinter all unserem Verhalten und unserer Erfahrung steht. Als seine Theorie voll ausgereift war, bezeichnete er diese Kraft das Streben nach Perfektion.

Es handelt sich um eine Sehnsucht, die wir alle in uns tragen, die Sehnsucht, unsere Potentiale voll auszuschöpfen, uns unserem Ideal immer mehr zu nähern. Wie viele jetzt bereits bemerkt haben werden, ist dieser Gedanke der verbreiteten Vorstellung der Selbstverwirklichung sehr ähnlich.

“Perfektion” und “Ideal” sind allerdings sehr schwierige Begriffe. Einerseits sind es sehr positive Ziele. Sollten wir nicht alle nach einem Ideal streben? Und dennoch, in der Psychologie haben diese Begriffe oft eine negative Konnotation. Per definitionem sind Perfektion und Ideale Dinge, die man nicht erreichen kann. Tatsächlich nämlich haben viele Menschen ein sehr trauriges und schmerzliches Leben, weil sie versuchen, perfekt zu sein! Wir werden noch sehen, dass auch andere Theoretiker wie Karen Horney und Carl Rogers diese Problematik betonen. Auch Adler beschäftigt sich damit, doch aus seiner Sicht ist die negative Ausprägung des Idealismus eine Perversion des positiven Verständnisses. Wir kommen später noch darauf zurück.

Das Streben nach Perfektion war keinesfalls der ursprüngliche Ausdruck für diese einzige Antriebskraft in Adlers Theorie. Sein frühester Ausdruck war der Aggressionstrieb, bezogen auf die Reaktion, wie wir zeigen, wenn andere Triebe, wie das Bedürfnis zu essen, sexuell befriedigt zu werden, etwas zu erledigen oder geliebt zu werden, frustriert werden. Vielleicht nennt man dies besser den “assertiveness drive” (Trieb der Bestimmtheit), da wir mit dem Begriff Aggression physische Einwirkung im negativen Sinne verbinden. Doch eben diese Theorie des Aggressionstriebes war es, die die ersten Spannungen zwischen Adler und Freud hervorrief. Freud war nämlich besorgt, dass diese Vorstellung von der zentralen Position des Sexualtriebes in der psychoanalytischen Theorie ablenken könnte. Obwohl Freud die Vorstellung nicht gefiel, erstellte er selbst später eine sehr ähnliche Theorie: den Todestrieb.

Ein weiterer Begriff, den Adler im Bezug auf grundsätzliche Motivation verwendet hat, ist die Kompensation. Da wir alle Schwierigkeiten, Unzulänglichkeiten, Minderwertigkeitsgefühle der einen oder anderen Art haben, kam Adler in seinen frühen Schriften zu der Überzeugung, unsere Persönlichkeit sei für unsere Fähigkeit verantwortlich, diese Schwierigkeiten zu bewältigen oder auch nicht. Wie wir sehen werden, spielt dieser Gedanke nach wie vor eine wichtige Rolle in seiner Theorie, doch er wollte dies nicht als grundlegende Motivation ansehen, weil es sonst den Anschein machte, als machten uns unsere Schwierigkeiten erst zu dem, was wir sind.

Eine von Adlers frühesten Feststellungen war der maskuline Protest. Er stieß auf eine sehr offensichtliche Gegebenheit in seiner Kultur (und auch unserer eigenen): Jungen wurden höher geschätzt als Mädchen. Jungs wollten oftmals nahezu verzweifelt für stark, aggressive, machtvoll gehalten werden – also als “maskulin” – und keinesfalls als schwach, passiv oder abhängig angesehen werden – also als “feminin”. Dem liegt natürlich die Einschätzung zugrunde, dass Männer irgendwie besser sind als Frauen. Und letztlich haben die Männer ja auch die Macht, die Bildung und offenbar das Talent und die Motivation, “große Dinge” zu vollbringen, und Frauen eben nicht.

Das spiegelt sich nach wie vor in den Kommentaren wider, die ältere Menschen über kleine Jungs und Mädchen abgeben: Wenn ein kleiner Junge aufmüpfig ist oder seinen Willen durchsetzen will (maskuliner Protest!), sagen sie, das sei eben so bei Jungs; wenn ein kleines Mädchen ruhig und zurückhaltend ist, wird sie für ihre Weiblichkeit gelobt. Wenn aber ein kleiner Junge still und zurückhaltend ist, machen sie sich Sorgen, ob er wohl ein Weichei werden wird; ist ein Mädchen bestimmt und setzt ihren Willen durch, nennt man sie einen Wildfang und hoffen, dass sie dieses Verhalten später einstellt!

Doch Adler betrachtete die Bestimmtheit der Männer und ihren Erfolg in der Welt nicht als Ausdruck einer angeborenen Überlegenheit. In seinen Augen war dies der Ausdruck der Erziehung, die Jungen dazu ermutig, mit Bestimmtheit vorzugehen, während Mädchen dazu nicht ermutigt werden. Doch letztlich beginnen sowohl Jungs als auch Mädchen ihr Leben mit der Kapazität für “Protest”! Weil aber viele Menschen seine Darstellung missverstanden haben, als seien Männer von Geburt an bestimmter, hat Adler diese Ausdrucksweise weniger häufig verwendet.

Bevor er das Streben nach Perfektion als Ausdruck einführte, hat er noch einen anderen Ausdruck verwendet, das Streben nach Überlegenheit. In diesem Begriff spiegelt sich eine der philosophischen Wurzeln seiner Theorien wider: Friederich Nietzsche hatte eine Philosophie entwickelt, die die Willenskraft als grundlegendes Motiv menschlichen Lebens darstellte. Zwar bezieht sich das Streben nach Überlegenheit auf den Wunsch, besser zu sein, es enthält aber auch den Gedanken, dass wir besser sein möchten, als andere, statt nur einfach besser als wir selbst. Später verwendete Adler das Streben nach Überlegenheit mehr im Zusammenhang mit krankhaftem oder neurotischem Streben.

Zitation

Boeree, C. George (09. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 4.5 Alfred Adler, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/4.5

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