
4.6 Behaviorismus
Behaviorismus ist die philosophische Position, welche besagt, dass sich die Psychologie auf das konzentrieren muss, was sich beobachten lässt, um überhaupt eine Wissenschaft zu sein. Es geht also um die Umgebung und das Verhalten, statt um das, was nur dem Individuum zugänglich ist Wahrnehmungen, Gedanken, Bilder, Gefühle … Letztere sind subjektive Faktoren, die sich der Messung entziehen, daher könne soetwas nie zu einer objektiven Wissenschft werden.
Die ersten Behavioristen waren russischer Herkunft. Der aller erste war Ivan M. Sechenov (1829 bis 1905). Er war ein Physiologe, der an der Universität Berlin mit anderen berühmten Männern wie Müller, DuBois-Reymond und Helmholtz studierte. Aus seiner Hingabe an eine rigorose Mischung aus Associationism und Materialismus kam er zu dem Schluss, alles Verhalten sei durch Stimulation verursacht.
1863 schrieb er Reflexes of the Brain. In diesem Meilenstein führte er die Idee an, dass es im zentralen Nervensystem nicht nur auslösende sondern auch hemmende Prozesse gebe.
Vladimir M. Bechterew (1857 bis 1927) ist ein weiterer früher russischer Behaviorist. 1878 graduierte er an der Military Medical Academy in St. Petersburg, ein Jahr bevor Pavlov dort seine Studien begann. Er erhielt seinen Doktorgrad im Jahre 1881 im zarten Alter von 24 Jahren und begab sich anschließend wie DuBois-Reymond und Wundt zu weiteren Studien nach Berlin, und schließlich wie Charcot nach Frankreich.
An der Universität von Kazan richtete Bechterew 1885 das erste psychologische Labor ein, kehrte dann 1893 an die Military Medical Academy zurück. 1904 veröffentlichte er eine Schrift mit dem Titel Objective Psychology, welche er später auf drei Bände ausarbeitete.
Er bezeichnete sein Forschungsfeld als Reflexologie und definierte es als die objektive Untersuchung der Reiz-Reaktions-Verbindungen. Nur Umgebung und Verhalten wurden diskutiert! Dabei entdeckte er etwas, das er den Assoziationsreflex nannte Pavlov würde es später als den bedingten Reflex bezeichnen.
Ivan Pavlov
Damit sind wir beim berühmtesten russischen Forscher angelangt, Ivan Petrovich Pavlov (1849-1936). Nachdem er sich wie sein Vater auf das Priesteramt vorbereitet hatte, wechselte er das Fach und studierte ab 1870 Medizin an der Military Medical Academy in Sankt Petersburg. Man sollte noch anmerken, dass er von zuhause in Ryazan bei Moskau Hunderte Kilometer nach Sankt Petersburg zu Fuss zurücklegte!
Im Jahre 1879 machte er seinen Abschluss in Naturwissenschaften, danach erhielt er 1883 seinen Doktortitel in Medizin. Er ging nach Leipzig, um dort zu studieren. 1890 wurde ihm an seiner Alma Mater, der Military Medical Academy, die Position eines Professors für Physiologie angeboten, dort verbrachte er den Rest seines Lebens. Seit 1900 begann er, die Reflexe zu erforschen, insbesondere den Speichelreflex.
1904 erhielt Pavlov den Nobelpreis für Physiologie für seine Arbeiten über die Verdauung, im Jahre 1921 verlieh ihm Lenin höchstpersönlich den Preis Held der Revolution.
Die Pavlovsche (oder klassische ) Konditionierung baut auf Reflexen auf: Wir beginnen mit einem unbedingten Reiz und einer unbedingten Reaktion ein Reflex! Dann assoziieren wir einen neutralen Reiz mit dem Reflex, indem wir ihn zusammen mit dem unbedingten Reiz darbieten. Nach einer Reihe von Wiederholungen wird der neutrale Reiz selbst die Reaktion hervorrufen! Zu diesem Zeitpunkt benennt man den neutralen Reiz um und bezeichnet ihn nun als bedingten Reiz, die Reaktion wird nun die bedingte Reaktion genannt.
Oder, um es so darzustellen, wie Pavlov es bei seinen Hunden beobachtet hat, etwas Fleisch auf der Zunge bringt den Hund zum Speicheln. Läutet man dabei eine Klingel und wiederholt die Prozedur, wird der Hund Speichelfluss zeigen, wenn er nur die Klingel hört – ohne Fleisch erhalten zu haben!
Wird die Klingel oft verwendet, ohne dass Fleisch gegeben wird, hört der Hund irgendwann auf zu speicheln, wenn er die Klingel hört. Doch gibt man dem Tier sofort ein wenig Fleisch, ist es, als sei der Verhaltensmechanismus nie gelöscht worden: Sogleich wird er wieder Speichelfluss zeigen, sobald die Klingel zu hören ist. Diese spontane Erholung legt nahe, dass die Gewohnheit die ganze Zeit vorhanden war. Der Hund hatte schlicht gelernt, die Reaktion zu hemmen.
Natürlich konnte Pavlov nicht nur Erregung, sondern auch Hemmung konditionieren. Man kann einem Hund ebenso leicht beibringen, dass er KEIN Fleisch bekommt, wie man ihm beibringen kann, dass er Fleisch bekommt. Ein Klingeln könnte Abendessen bedeuten, eine andere Klingel könnte dafür stehen, dass das Abendessen vorbei ist. Wären die Klingeln allerdings zu ähnlich oder wären sie gleichzeitig zu hören, würden viele Hunde eine Art Nervenzusammenbruch erleiden, eine Reaktion, die Pavlov als experimentelle Neurose bezeichnet hat.
Pavlov hat seine Hunde gemäß den alten Griechen in vier verschiedene Persönlichkeiten eingeteilt: Hunde, die wütend wurden, waren cholerisch, Hunde, die einschliefen, waren phlegmatisch, jene, die winselten, waren melancholisch und die wenigen, die bei guter Laune waren, waren sanguin! Die Erklärung dafür war die relative Fähigkeit der Hunde, ihr Nervensystem zu erregen und wieder zu hemmen ( excitation and inhibition ). Später würde Hans Eysenck diese Erklärungen dazu verwenden, den Unterschied zwischen Introvertierten und Extrovertierten zu ergründen!
Weitere Begriffe, die Pavlov geprägt hat: das erste und zweite Signalsystem. Das erste Signalsystem ist, wenn der bedingte Reiz (eine Klingel) als “Signal” dafür fungiert, dass ein wichtiges Ereignis bevorsteht also der unbedingte Reiz (das Fleisch). Das zweite Signalsystem besteht darin, dass zufällige Symbole für bestimmte Reize stehen, nämlich so, wie es sich mit unserer Sprache verhält.
Zitation
4.5 Alfred Adler « | » 4.7 Die Gestaltpsychologie
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