
4.6 Behaviorismus
Edward Lee Thorndike
Auch drüben in Amerika tat sich etwas. Edward Lee Thorndike, zwar technisch ein Funktionalist, bereitete die Bühne für eine amerikanische Version des russischen Behaviorismus. Thorndike (1874-1949) machte 1895 seinen Bachelor an der Wesleyan University in Connecticut und seinen Master 1897 in Harvard. Dort besuchte er ein Seminar bei William James und die beiden wurden Freunde. Er erhielt ein Fellowship von der Columbia Universität und machte 1898 seinen Doktor. Er unterrichtete an der Columbia bis er sich 1940 zur Ruhe setzte.
Man wird sich seiner immer wegen seiner Katzen und der schlecht gebauten “Puzzleboxen” erinnern. Diese Boxen hatten Fluchtvorrichtungen verschiedener Kompexität, die den Katzen abverlangten, mehrere Verhaltensweisen in bestimmter Abfolge zu vollführen. Auf der Grundlage seiner Forschungen kam er zu der Einsicht, dass es zwei Lerngesetze gebe:
1. Das Gesetz der Übung ( law of exercise ), im Grunde ähnlich wie Aristoteles Gesetz der Häufigkeit. Je öfter eine Assoziation (oder neutrale Verbindung) genutzt wird, desto stärker ist die Verbindung. Je weniger sie genutzt wird, desto schwächer ist die Verbindung. Diese beiden Aussagen bezeichnete man als Gesetz der Anwendung und Nichtanwendung ( law of use and disuse ).
2. Das Gesetz der Auswirkung ( law of effect ). Wenn einer Assoziation ein “befriedigender Zustand” folgt, wird die Verbindung gestärkt. Und ebenso, wenn einer Assoziation ein unbefriedigender Zustand folgt, wird sie geschwächt. Abgesehen von der mentalistischen Ausdrucksweise (“befriedigend” ist nicht behavioristisch!), ist es dasselbe wie bei Skinners operanter Konditionierung.
1929 führte ihn seine Forschung dazu, alle obigen Gesetze hinter sich zu lassen, bis auf das, was wir heute Verstärkung ( reinforcement ) nennen würden – also die erste Hälfte des zweiten Gesetzes.
Er ist außerdem bekannt für seine Untersuchung von Übungstransfer ( transfer of training ). Damals glaubte man (auch heute geht man noch oft davon aus), es sei besonders gut, schwierige Dinge zu lernen, weil das den Geist “stärke”, ähnlich wie Sport die Muskeln stärkt. Damit rechtfertigte man seinerzeit, dass Kinder Latein lernen mussten, ähnlich wie man heute Kinder dazu bringt, bestimmte Rechenarten zu lernen. Doch er fand heraus, dass nur die Ähnlichkeit des zweiten Themas zum ersten Thema dazu führt, dass man das zweite Thema besser lernt. Also mag Latein helfen, Italienisch zu lernen, oder Algebra mag andere Rechenarten begreifen helfen, aber Latein wird nicht helfen, Rechnen zu lernen oder umgekehrt.
John Broadus Watson
John Watson ist am 9. Januar 1878 in einer Kleinstadt außerhalb von Greenville, South Carolina, geboren. Er wuchs auf einer Farm auf, und als er zwölf Jahre alt war, zog die Familie nach Greenville, doch ein Jahr darauf verließ der Vater die Familie. John wurde ein schwieriger Junge und schaffte die Schule nur mit Mühe.
Mit 16 besuchte er die Furman University in Greenville und machte mit 22 seinen Masterabschluss. Danach ging er zur University of Chicago, um bei John Dewey zu studieren. Er fand Dewey “unverständlich” und wechselte sein Interessengebiet von Philosophie zu Psychologie und Neurophysiologie. Bitterarm wie er war, musste er sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen, indem er kellnerte, das Psycho-Labor putzte und die Laborratten fütterte.
1902 erlitt er einen “Nervenzusammenbruch”, der sich schon lange angekündigt hatte. Seit seiner Kindheit litt er an heftiger Anst im Dunkeln wohl wegen der Geschichten vom Teufel und seinen Machenschaften in der Finsternis, die man ihm als Kind erzählt hatte und dies brach sich nun in einer Depression Bahnen.
Nachdem er sich etwas Ruhe gegönnt hatte, brachte er im darauf folgenden Jahr seinen Doktor zuende, bekam eine Assistentenstelle bei seinem Professor, dem angesehenen Funktionalisten James Angell, und heiratete eine Studentin des Labors, Mary Ickes. Sie sollten bald eine Familie gründen (die Schauspielerin Mariette Hartley ist seine Enkelin).
Im Jahr darauf, erhielt er eine gehobene Position im Labor. Er entwickelte ein gut organisiertes Tierlabor, wo er mit Ratten, Affen und Seeschwalben arbeitete. Johns Hopkins bot ihm 1908 eine volle Professur mit Labor, da man den vormaligen Professor in einem Bordell erwischt hatte.
1917 wurde er zur Armee eingezogen, wo er bis 1919 seinen Dienst tat. In jenem Jahr brachte er das Buch Psychology from the Standpoint of a Behaviorist heraus im Grunde eine ausführliche Darstellung seines Aufsatzes.
1913 schrieb er einen Aufsatz mit dem Titel “Psychology as a Behaviorist Views It“ für die Psychological Review. Dort stellte er das behavioristische Programm dar. Ein Jahr später folgte das Buch Behaviorism: An Introduction to Comparative Psychology. In diesem Buch warb er für die Beobachtung von Ratten als nützliches Modell menschlichen Verhaltens. Bis dahin nämlich galt die Erforschung von Ratten noch nicht als bedeutsamer Beitrag zum Verständnis menschlichen Verhaltens. Und im Jahre 1915 hatte er die Arbeiten von Pavlov und Bechterev über bedingte Reflexe studiert und fügte dies seinem behavioristischen Konzept hinzu.
Zu jener Zeit dehnte er seine Laborarbeit auf die Arbeit mit Kleinkindern aus. Sein bekanntestes Experiment wurde 1920 mit Hilfe seiner Assistentin Rosalie Rayner durchgeführt. “Little Albert“, ein neunmonatiges Kind, wurde konditioniert, sich vor einer weißen Ratte zu fürchten, indem man das Erscheinen der Ratte sieben Mal mit dem lauten Geräusch eines Hammers, der auf Stahl schlägt, zusammenbrachte. Die Furcht des Kindes ließ sich schnell auf einen Hasen ausdehnen, auf eine Felljacke, eine Nikolausmaske und sogar auf Baumwolle. Albert wurde nie “ent-konditioniert”, weil seine Mutter mit ihm wegzog. Doch es war klar, dass die Konditionierung recht bald verschwinden würde, wir können also davon ausgehen, dass Albert bald über seine Furcht hinweg gekommen sein wird. Damit kann man festhalten, dass eine konditionierte Angst nicht dasselbe ist wie eine Phobie. Später wurde ein anderes Kind, der dreijährige Peter, konditioniert und anschließend “ent-konditioniert”, indem man den gefürchteten Hasen allmählich mit Milch und Cookies sowie anderen positiven Dingen gleichsetzte.
In dem Jahr geriet seine Affäre mit der Laborassistentin an die Öffentlichkeit und seine Frau reichte die Scheidung ein. Die Universität Johns Hopkins erwartete seinen Rücktritt. Er heiratete gleich nach der Scheidung Rosalie Rayner und sah sich nach Möglichkeiten um, Geschäfte zu machen.
Bald fand er sich als Mitarbeiter der V. Walter Thompson Werbeagentur wieder. Innerhalb der Firma besetzte er eine Vielzahl von Positionen, 1924 wurde er Vizepräsident. Nach den Standards der damaligen Zeit war er ein sehr erfolgreicher Mann und sogar ziemlich wohlhabend! Mit seiner Hilfe stiegen die Verkaufszahlen von Artikeln wie Ponds cold cream, Maxwell House coffee und Johnsons baby powder, man sagt, er habe den Slogan “LSMFT – Lucky Strikes Means Fine Tobacco” erfunden.
1925 veröffentlichte er sein Buch Behaviorism und brachte 1930 eine überarbeitete Ausgabe heraus. Das war die endgültige Darstellung seiner Perspektive.
In Watsons Augen ist Psychologie im wesentlichen die Wissenschaft von Reizen und Reaktion. Wir fangen mit Reflexen an, und durch Konditionierung erhalten wir erlernte Reaktionen. Vorgänge im Gehirn sind bedeutungslos (er nannte das Gehirn die “Mystery Box”). Gefühle sind körperliche Reaktionen auf Reize. Das Denken ist unausgesprochenes Sprechen. Das Bewusstsein bedeutet überhaupt nichts.
Am wichtigsten ist, dass er die Existenz jeglicher Instinkte, ererbter Fähigkeiten oder Talente sowie des Temperaments leugnete. Diesen radikalen Environmentalismus spiegelt sein vielleicht berühmtestes Zitat wider:
«Give me a dozen healthy infants, well-formed, and my own specified world to bring them up in and Ill guarantee to take any one at random and train him to become any type of specialist I might select – doctor, lawyer, artist, merchant-chief and, yes, even beggar-man and thief, regardless of his talents, penchants, tendencies, abilities, vocations, and race of his ancestors.» (in: Behaviorism, 1930)
[Geben Sie mir ein Dutzend gesunder Babies, wohlgebildet, und meine eigene Welt, um sie aufzuziehen, und ich kann garantieren, dass ich jeden von ihnen zufällig auswählen und zu der Art von Spezialist machen kann, wie es mir beliebt Arzt, Rechtsanwalt, Künstler, Kaufmann und, ja, sogar Bettler und Dieb, ungeachtet seiner Talente, Schwächen, Neigungen, Fähigkeiten, Berufungen und der Rasse seiner Vorfahren.]
Neben populären Beiträgen für McCalls, Harpers, Colliers und andere Zeitschriften veröffentlichte er 1928 Psychological Care of the Infant and Child. Unter anderem hielt er es für wahrscheinlich, dass Eltern die gesunde Entwicklung ihres Kindes ruinierten, er wandte sich insbesondere gegen zu viele Umarmungen und andere Formen, Zuneigung zu zeigen!
1936 warb man ihn als Vizepräsidenten einer anderen Agentur, der William Esty and Company. Er widmete sich dem Geschäftlichen bis er zehn Jahre später in Rente ging. Er starb am 25. September 1958 in New York City.
William McDougall
William McDougall gehört nicht wirklich in dieses Kapitel. Doch seine Abneigung gegen Watsons Form des Behaviorismus und seine eigenen Gegenbemühungen machen ihn hier unerlässlich.
Er ist am 22. Juni 1871 in Lancashire, England, geboren. Mit 15 ging er zur Universität Manchester und machte 1897 seinen Doktor der Medizin am St. Thomas’s Hospital in London. Er bezeichnete sich selbst gewöhnlich als Anthropologen, insbesondere nachdem er ein Jahr an einer Expedition der Universität Cambridge teilgenommen und die Stämme Zentralborneos besucht hatte.
Seit 1898 war McDougall Dozent in Cambridge und Oxford. Mit der Veröffentlichung einiger Texte, unter anderem Introduction to Social Psychology (1908) und Body and Mind (1911) entwickelte sich seine Reputation in England. Im Jahre 1912 wurde er Fellow der Royal Society.
Während des Ersten Weltkrieges diente er als Militärarzt, wo er Soldaten behandelte, die am sogenannten “shell shock” litten, heute bezeichnen wir dies als posttraumatisches Stresssyndrom. Nach dem Krieg ging er selbst bei Carl Gustav Jung in Therapie!
Harvard bot ihm 1920 einen Lehrstuhl für Psychologie. Er betrachtete sich als Schüler von William James, daher verstand er dies als große Ehre. Im selben Jahr veröffentlichte er The Group Mind, gefolgt von Outline of Psychology im Jahre 1923.
1924 beteiligte er sich an The Battle of Behaviorism (veröffentlicht 1929). Hierbei handelt es sich um eine Debatte mit John Watson beim Treffen des Psychology Club in Washington D.C. in jenem Jahr. Das Publikum wählte McDougall knapp als Gewinner, doch Watson sollte die Gunst der amerikanischen Psychologie noch jahrelang behalten!
1926 trat McDougall von seinem Lehrstuhl für Psychologie in Harvard zurück und begann 1927 an der Duke Universität zu unterrichten. Man darf nicht unerwähnt lassen, dass ihn eine besonders starke Beziehung zu seiner Frau verband, 1927 widmete er ihr sein Buch Character and the Conduct of Life mit diesen Worten: “To my wife, to whose intuitive insight I owe whatever understanding of human nature I have acquired.” Er starb im Jahre 1938.
Bis zum Schluss war McDougall ein Verfechter der Psychologie, die auf Instinkten basiert. Er selbst nannte seine Position evolutionäre Psychologie. Des weiteren war er der führende Kritiker des Behaviorismus seiner Zeit. Er verabscheute insbesondere Watsons simplistischen Materialismus.
Studenten und Kollegen mochten McDougall nicht sonderlich. Die amerikanische Presse (namentlich die New York Times) war ihm gegenüber besonders antagonistisch. Die Gründen lagen auf der Hand: McDougall nahm seine Position ein, während Watsons Theorie die amerikanische Psychologie und die öffentliche Meinung dominierte. Er bezeichnete sich selbst als “demokratischen Elitisten”, und die intellektuelle Aristokratie einer Nation galt ihm als Kostbarkeit, die beschützt werden sollte. Des weiteren glaubte er an die ererbte Natur von Gruppenunterschieden, sowohl nationaler als auch rassenbezogener, und schlug die Einrichtung eugenischer Programme vor. Zu seiner Verteidigung jedoch, er war kein Sympatisant des Nazismus und dessen Version der Eugenik!
McDougall ist in Vergessenheit geraten bis kürzlich die genetische und evolutionstheoretische Psychologie ein Revival erlebten.
Für McDougall bestanden Instinkte aus drei Komponenten:
- Wahrnehmung wir achten auf Reize, die für unsere instinktgeleiteten Zwecke bedeutsam sind
- Verhalten wir nehmen Handlungen vor, die unsere instinktgeleiteten Zwecke befriedigen
- Gefühl Instinkten sind negative und positive Gefühle beigeordnet
Man beachte, dass Instinkte zweckgerichtet, also zielgerichtet sind! Hier handelt es sich nicht um Reiz-Reaktions-Behaviorismus!
Eine Liste der Instinkte und ihrer beigeordneten Emotionen:
- Flucht Furcht
- Kampf Wut
- Abstoßung Abscheu
- elterlich (beschützend) Liebe, Zärtlichkeit
- hilfesuchendes Verhalten Kummer
- Paarung Lust
- Neugierde Gefühl des Rätselhaften
- Unterordnung Unterlegenheit
- Behauptung Überlegenheit
- Geselligkeit Einsamkeit
- Nahrungssuche Appetit
- Horten Gier
- Bauen Produktivität
- Lachen Amüsement
Zitation
4.5 Alfred Adler « | » 4.7 Die Gestaltpsychologie
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