4.6 Behaviorismus

Behaviorismus ist die philosophische Position, welche besagt, dass sich die Psychologie auf das konzentrieren muss, was sich beobachten lässt, um überhaupt eine Wissenschaft zu sein. Es geht also um die Umgebung und das Verhalten, statt um das, was nur dem Individuum zugänglich ist – Wahrnehmungen, Gedanken, Bilder, Gefühle … Letztere sind subjektive Faktoren, die sich der Messung entziehen, daher könne soetwas nie zu einer objektiven Wissenschft werden.

Die ersten Behavioristen waren russischer Herkunft. Der aller erste war Ivan M. Sechenov (1829 bis 1905). Er war ein Physiologe, der an der Universität Berlin mit anderen berühmten Männern wie Müller, DuBois-Reymond und Helmholtz studierte. Aus seiner Hingabe an eine rigorose Mischung aus Associationism und Materialismus kam er zu dem Schluss, alles Verhalten sei durch Stimulation verursacht.

1863 schrieb er Reflexes of the Brain. In diesem Meilenstein führte er die Idee an, dass es im zentralen Nervensystem nicht nur auslösende sondern auch hemmende Prozesse gebe.

Vladimir M. Bechterew (1857 bis 1927) ist ein weiterer früher russischer Behaviorist. 1878 graduierte er an der Military Medical Academy in St. Petersburg, ein Jahr bevor Pavlov dort seine Studien begann. Er erhielt seinen Doktorgrad im Jahre 1881 im zarten Alter von 24 Jahren und begab sich anschließend wie DuBois-Reymond und Wundt zu weiteren Studien nach Berlin, und schließlich wie Charcot nach Frankreich.

An der Universität von Kazan richtete Bechterew 1885 das erste psychologische Labor ein, kehrte dann 1893 an die Military Medical Academy zurück. 1904 veröffentlichte er eine Schrift mit dem Titel Objective Psychology, welche er später auf drei Bände ausarbeitete.

Er bezeichnete sein Forschungsfeld als Reflexologie und definierte es als die objektive Untersuchung der Reiz-Reaktions-Verbindungen. Nur Umgebung und Verhalten wurden diskutiert! Dabei entdeckte er etwas, das er den Assoziationsreflex nannte – Pavlov würde es später als den bedingten Reflex bezeichnen.

Ivan Pavlov

Damit sind wir beim berühmtesten russischen Forscher angelangt, Ivan Petrovich Pavlov (1849-1936). Nachdem er sich wie sein Vater auf das Priesteramt vorbereitet hatte, wechselte er das Fach und studierte ab 1870 Medizin an der Military Medical Academy in Sankt Petersburg. Man sollte noch anmerken, dass er von zuhause in Ryazan bei Moskau Hunderte Kilometer nach Sankt Petersburg zu Fuss zurücklegte!

Im Jahre 1879 machte er seinen Abschluss in Naturwissenschaften, danach erhielt er 1883 seinen Doktortitel in Medizin. Er ging nach Leipzig, um dort zu studieren. 1890 wurde ihm an seiner Alma Mater, der Military Medical Academy, die Position eines Professors für Physiologie angeboten, dort verbrachte er den Rest seines Lebens. Seit 1900 begann er, die Reflexe zu erforschen, insbesondere den Speichelreflex.

1904 erhielt Pavlov den Nobelpreis für Physiologie für seine Arbeiten über die Verdauung, im Jahre 1921 verlieh ihm Lenin höchstpersönlich den Preis Held der Revolution.

Die Pavlovsche (oder klassische ) Konditionierung baut auf Reflexen auf: Wir beginnen mit einem unbedingten Reiz und einer unbedingten Reaktion – ein Reflex! Dann assoziieren wir einen neutralen Reiz mit dem Reflex, indem wir ihn zusammen mit dem unbedingten Reiz darbieten. Nach einer Reihe von Wiederholungen wird der neutrale Reiz selbst die Reaktion hervorrufen! Zu diesem Zeitpunkt benennt man den neutralen Reiz um und bezeichnet ihn nun als bedingten Reiz, die Reaktion wird nun die bedingte Reaktion genannt.

Oder, um es so darzustellen, wie Pavlov es bei seinen Hunden beobachtet hat, etwas Fleisch auf der Zunge bringt den Hund zum Speicheln. Läutet man dabei eine Klingel und wiederholt die Prozedur, wird der Hund Speichelfluss zeigen, wenn er nur die Klingel hört – ohne Fleisch erhalten zu haben!

Wird die Klingel oft verwendet, ohne dass Fleisch gegeben wird, hört der Hund irgendwann auf zu speicheln, wenn er die Klingel hört. Doch gibt man dem Tier sofort ein wenig Fleisch, ist es, als sei der Verhaltensmechanismus nie gelöscht worden: Sogleich wird er wieder Speichelfluss zeigen, sobald die Klingel zu hören ist. Diese spontane Erholung legt nahe, dass die Gewohnheit die ganze Zeit vorhanden war. Der Hund hatte schlicht gelernt, die Reaktion zu hemmen.

Ivan PavlovNatürlich konnte Pavlov nicht nur Erregung, sondern auch Hemmung konditionieren. Man kann einem Hund ebenso leicht beibringen, dass er KEIN Fleisch bekommt, wie man ihm beibringen kann, dass er Fleisch bekommt. Ein Klingeln könnte Abendessen bedeuten, eine andere Klingel könnte dafür stehen, dass das Abendessen vorbei ist. Wären die Klingeln allerdings zu ähnlich oder wären sie gleichzeitig zu hören, würden viele Hunde eine Art Nervenzusammenbruch erleiden, eine Reaktion, die Pavlov als experimentelle Neurose bezeichnet hat.

Pavlov hat seine Hunde gemäß den alten Griechen in vier verschiedene Persönlichkeiten eingeteilt: Hunde, die wütend wurden, waren cholerisch, Hunde, die einschliefen, waren phlegmatisch, jene, die winselten, waren melancholisch und die wenigen, die bei guter Laune waren, waren sanguin! Die Erklärung dafür war die relative Fähigkeit der Hunde, ihr Nervensystem zu erregen und wieder zu hemmen ( excitation and inhibition ). Später würde Hans Eysenck diese Erklärungen dazu verwenden, den Unterschied zwischen Introvertierten und Extrovertierten zu ergründen!

Weitere Begriffe, die Pavlov geprägt hat: das erste und zweite Signalsystem. Das erste Signalsystem ist, wenn der bedingte Reiz (eine Klingel) als “Signal” dafür fungiert, dass ein wichtiges Ereignis bevorsteht – also der unbedingte Reiz (das Fleisch). Das zweite Signalsystem besteht darin, dass zufällige Symbole für bestimmte Reize stehen, nämlich so, wie es sich mit unserer Sprache verhält.

Edward Lee Thorndike

Auch drüben in Amerika tat sich etwas. Edward Lee Thorndike, zwar technisch ein Funktionalist, bereitete die Bühne für eine amerikanische Version des russischen Behaviorismus. Thorndike (1874-1949) machte 1895 seinen Bachelor an der Wesleyan University in Connecticut und seinen Master 1897 in Harvard. Dort besuchte er ein Seminar bei William James und die beiden wurden Freunde. Er erhielt ein Fellowship von der Columbia Universität und machte 1898 seinen Doktor. Er unterrichtete an der Columbia bis er sich 1940 zur Ruhe setzte.

Edward Lee ThorndikeMan wird sich seiner immer wegen seiner Katzen und der schlecht gebauten “Puzzleboxen” erinnern. Diese Boxen hatten Fluchtvorrichtungen verschiedener Kompexität, die den Katzen abverlangten, mehrere Verhaltensweisen in bestimmter Abfolge zu vollführen. Auf der Grundlage seiner Forschungen kam er zu der Einsicht, dass es zwei Lerngesetze gebe:

1. Das Gesetz der Übung ( law of exercise ), im Grunde ähnlich wie Aristoteles Gesetz der Häufigkeit. Je öfter eine Assoziation (oder neutrale Verbindung) genutzt wird, desto stärker ist die Verbindung. Je weniger sie genutzt wird, desto schwächer ist die Verbindung. Diese beiden Aussagen bezeichnete man als Gesetz der Anwendung und Nichtanwendung ( law of use and disuse ).

2. Das Gesetz der Auswirkung ( law of effect ). Wenn einer Assoziation ein “befriedigender Zustand” folgt, wird die Verbindung gestärkt. Und ebenso, wenn einer Assoziation ein unbefriedigender Zustand folgt, wird sie geschwächt. Abgesehen von der mentalistischen Ausdrucksweise (“befriedigend” ist nicht behavioristisch!), ist es dasselbe wie bei Skinners operanter Konditionierung.

1929 führte ihn seine Forschung dazu, alle obigen Gesetze hinter sich zu lassen, bis auf das, was wir heute Verstärkung ( reinforcement ) nennen würden – also die erste Hälfte des zweiten Gesetzes.

Er ist außerdem bekannt für seine Untersuchung von Übungstransfer ( transfer of training ). Damals glaubte man (auch heute geht man noch oft davon aus), es sei besonders gut, schwierige Dinge zu lernen, weil das den Geist “stärke”, ähnlich wie Sport die Muskeln stärkt. Damit rechtfertigte man seinerzeit, dass Kinder Latein lernen mussten, ähnlich wie man heute Kinder dazu bringt, bestimmte Rechenarten zu lernen. Doch er fand heraus, dass nur die Ähnlichkeit des zweiten Themas zum ersten Thema dazu führt, dass man das zweite Thema besser lernt. Also mag Latein helfen, Italienisch zu lernen, oder Algebra mag andere Rechenarten begreifen helfen, aber Latein wird nicht helfen, Rechnen zu lernen oder umgekehrt.

John Broadus Watson

John Watson ist am 9. Januar 1878 in einer Kleinstadt außerhalb von Greenville, South Carolina, geboren. Er wuchs auf einer Farm auf, und als er zwölf Jahre alt war, zog die Familie nach Greenville, doch ein Jahr darauf verließ der Vater die Familie. John wurde ein schwieriger Junge und schaffte die Schule nur mit Mühe.

Mit 16 besuchte er die Furman University in Greenville und machte mit 22 seinen Masterabschluss. Danach ging er zur University of Chicago, um bei John Dewey zu studieren. Er fand Dewey “unverständlich” und wechselte sein Interessengebiet von Philosophie zu Psychologie und Neurophysiologie. Bitterarm wie er war, musste er sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen, indem er kellnerte, das Psycho-Labor putzte und die Laborratten fütterte.

1902 erlitt er einen “Nervenzusammenbruch”, der sich schon lange angekündigt hatte. Seit seiner Kindheit litt er an heftiger Anst im Dunkeln – wohl wegen der Geschichten vom Teufel und seinen Machenschaften in der Finsternis, die man ihm als Kind erzählt hatte – und dies brach sich nun in einer Depression Bahnen.

Nachdem er sich etwas Ruhe gegönnt hatte, brachte er im darauf folgenden Jahr seinen Doktor zuende, bekam eine Assistentenstelle bei seinem Professor, dem angesehenen Funktionalisten James Angell, und heiratete eine Studentin des Labors, Mary Ickes. Sie sollten bald eine Familie gründen (die Schauspielerin Mariette Hartley ist seine Enkelin).

Im Jahr darauf, erhielt er eine gehobene Position im Labor. Er entwickelte ein gut organisiertes Tierlabor, wo er mit Ratten, Affen und Seeschwalben arbeitete. Johns Hopkins bot ihm 1908 eine volle Professur mit Labor, da man den vormaligen Professor in einem Bordell erwischt hatte.

John Broadus Watson1917 wurde er zur Armee eingezogen, wo er bis 1919 seinen Dienst tat. In jenem Jahr brachte er das Buch Psychology from the Standpoint of a Behaviorist heraus – im Grunde eine ausführliche Darstellung seines Aufsatzes.

1913 schrieb er einen Aufsatz mit dem Titel “Psychology as a Behaviorist Views It“ für die Psychological Review. Dort stellte er das behavioristische Programm dar. Ein Jahr später folgte das Buch Behaviorism: An Introduction to Comparative Psychology. In diesem Buch warb er für die Beobachtung von Ratten als nützliches Modell menschlichen Verhaltens. Bis dahin nämlich galt die Erforschung von Ratten noch nicht als bedeutsamer Beitrag zum Verständnis menschlichen Verhaltens. Und im Jahre 1915 hatte er die Arbeiten von Pavlov und Bechterev über bedingte Reflexe studiert und fügte dies seinem behavioristischen Konzept hinzu.

Zu jener Zeit dehnte er seine Laborarbeit auf die Arbeit mit Kleinkindern aus. Sein bekanntestes Experiment wurde 1920 mit Hilfe seiner Assistentin Rosalie Rayner durchgeführt. “Little Albert“, ein neunmonatiges Kind, wurde konditioniert, sich vor einer weißen Ratte zu fürchten, indem man das Erscheinen der Ratte sieben Mal mit dem lauten Geräusch eines Hammers, der auf Stahl schlägt, zusammenbrachte. Die Furcht des Kindes ließ sich schnell auf einen Hasen ausdehnen, auf eine Felljacke, eine Nikolausmaske und sogar auf Baumwolle. Albert wurde nie “ent-konditioniert”, weil seine Mutter mit ihm wegzog. Doch es war klar, dass die Konditionierung recht bald verschwinden würde, wir können also davon ausgehen, dass Albert bald über seine Furcht hinweg gekommen sein wird. Damit kann man festhalten, dass eine konditionierte Angst nicht dasselbe ist wie eine Phobie. Später wurde ein anderes Kind, der dreijährige Peter, konditioniert und anschließend “ent-konditioniert”, indem man den gefürchteten Hasen allmählich mit Milch und Cookies sowie anderen positiven Dingen gleichsetzte.

In dem Jahr geriet seine Affäre mit der Laborassistentin an die Öffentlichkeit und seine Frau reichte die Scheidung ein. Die Universität Johns Hopkins erwartete seinen Rücktritt. Er heiratete gleich nach der Scheidung Rosalie Rayner und sah sich nach Möglichkeiten um, Geschäfte zu machen.

Bald fand er sich als Mitarbeiter der V. Walter Thompson Werbeagentur wieder. Innerhalb der Firma besetzte er eine Vielzahl von Positionen, 1924 wurde er Vizepräsident. Nach den Standards der damaligen Zeit war er ein sehr erfolgreicher Mann und sogar ziemlich wohlhabend! Mit seiner Hilfe stiegen die Verkaufszahlen von Artikeln wie Pond’s cold cream, Maxwell House coffee und Johnson’s baby powder, man sagt, er habe den Slogan “LSMFT – Lucky Strikes Means Fine Tobacco” erfunden.

1925 veröffentlichte er sein Buch Behaviorism und brachte 1930 eine überarbeitete Ausgabe heraus. Das war die endgültige Darstellung seiner Perspektive.

In Watsons Augen ist Psychologie im wesentlichen die Wissenschaft von Reizen und Reaktion. Wir fangen mit Reflexen an, und durch Konditionierung erhalten wir erlernte Reaktionen. Vorgänge im Gehirn sind bedeutungslos (er nannte das Gehirn die “Mystery Box”). Gefühle sind körperliche Reaktionen auf Reize. Das Denken ist unausgesprochenes Sprechen. Das Bewusstsein bedeutet überhaupt nichts.

Am wichtigsten ist, dass er die Existenz jeglicher Instinkte, ererbter Fähigkeiten oder Talente sowie des Temperaments leugnete. Diesen radikalen Environmentalismus spiegelt sein vielleicht berühmtestes Zitat wider:

«Give me a dozen healthy infants, well-formed, and my own specified world to bring them up in and I’ll guarantee to take any one at random and train him to become any type of specialist I might select – doctor, lawyer, artist, merchant-chief and, yes, even beggar-man and thief, regardless of his talents, penchants, tendencies, abilities, vocations, and race of his ancestors.» (in: Behaviorism, 1930)
[Geben Sie mir ein Dutzend gesunder Babies, wohlgebildet, und meine eigene Welt, um sie aufzuziehen, und ich kann garantieren, dass ich jeden von ihnen zufällig auswählen und zu der Art von Spezialist machen kann, wie es mir beliebt – Arzt, Rechtsanwalt, Künstler, Kaufmann und, ja, sogar Bettler und Dieb, ungeachtet seiner Talente, Schwächen, Neigungen, Fähigkeiten, Berufungen und der Rasse seiner Vorfahren.]

Neben populären Beiträgen für McCall’s, Harper’s, Collier’s und andere Zeitschriften veröffentlichte er 1928 Psychological Care of the Infant and Child. Unter anderem hielt er es für wahrscheinlich, dass Eltern die gesunde Entwicklung ihres Kindes ruinierten, er wandte sich insbesondere gegen zu viele Umarmungen und andere Formen, Zuneigung zu zeigen!

1936 warb man ihn als Vizepräsidenten einer anderen Agentur, der William Esty and Company. Er widmete sich dem Geschäftlichen bis er zehn Jahre später in Rente ging. Er starb am 25. September 1958 in New York City.

William McDougall

William McDougall gehört nicht wirklich in dieses Kapitel. Doch seine Abneigung gegen Watsons Form des Behaviorismus und seine eigenen Gegenbemühungen machen ihn hier unerlässlich.

Er ist am 22. Juni 1871 in Lancashire, England, geboren. Mit 15 ging er zur Universität Manchester und machte 1897 seinen Doktor der Medizin am St. Thomas’s Hospital in London. Er bezeichnete sich selbst gewöhnlich als Anthropologen, insbesondere nachdem er ein Jahr an einer Expedition der Universität Cambridge teilgenommen und die Stämme Zentralborneos besucht hatte.

Seit 1898 war McDougall Dozent in Cambridge und Oxford. Mit der Veröffentlichung einiger Texte, unter anderem Introduction to Social Psychology (1908) und Body and Mind (1911) entwickelte sich seine Reputation in England. Im Jahre 1912 wurde er Fellow der Royal Society.

Während des Ersten Weltkrieges diente er als Militärarzt, wo er Soldaten behandelte, die am sogenannten “shell shock” litten, heute bezeichnen wir dies als posttraumatisches Stresssyndrom. Nach dem Krieg ging er selbst bei Carl Gustav Jung in Therapie!

Harvard bot ihm 1920 einen Lehrstuhl für Psychologie. Er betrachtete sich als Schüler von William James, daher verstand er dies als große Ehre. Im selben Jahr veröffentlichte er The Group Mind, gefolgt von Outline of Psychology im Jahre 1923.

William McDougall1924 beteiligte er sich an The Battle of Behaviorism (veröffentlicht 1929). Hierbei handelt es sich um eine Debatte mit John Watson beim Treffen des Psychology Club in Washington D.C. in jenem Jahr. Das Publikum wählte McDougall knapp als Gewinner, doch Watson sollte die Gunst der amerikanischen Psychologie noch jahrelang behalten!

1926 trat McDougall von seinem Lehrstuhl für Psychologie in Harvard zurück und begann 1927 an der Duke Universität zu unterrichten. Man darf nicht unerwähnt lassen, dass ihn eine besonders starke Beziehung zu seiner Frau verband, 1927 widmete er ihr sein Buch Character and the Conduct of Life mit diesen Worten: “To my wife, to whose intuitive insight I owe whatever understanding of human nature I have acquired.” Er starb im Jahre 1938.

Bis zum Schluss war McDougall ein Verfechter der Psychologie, die auf Instinkten basiert. Er selbst nannte seine Position evolutionäre Psychologie. Des weiteren war er der führende Kritiker des Behaviorismus seiner Zeit. Er verabscheute insbesondere Watsons simplistischen Materialismus.

Studenten und Kollegen mochten McDougall nicht sonderlich. Die amerikanische Presse (namentlich die New York Times) war ihm gegenüber besonders antagonistisch. Die Gründen lagen auf der Hand: McDougall nahm seine Position ein, während Watsons Theorie die amerikanische Psychologie und die öffentliche Meinung dominierte. Er bezeichnete sich selbst als “demokratischen Elitisten”, und die intellektuelle Aristokratie einer Nation galt ihm als Kostbarkeit, die beschützt werden sollte. Des weiteren glaubte er an die ererbte Natur von Gruppenunterschieden, sowohl nationaler als auch rassenbezogener, und schlug die Einrichtung eugenischer Programme vor. Zu seiner Verteidigung jedoch, er war kein Sympatisant des Nazismus und dessen Version der Eugenik!

McDougall ist in Vergessenheit geraten – bis kürzlich die genetische und evolutionstheoretische Psychologie ein Revival erlebten.

Für McDougall bestanden Instinkte aus drei Komponenten:

  • Wahrnehmung – wir achten auf Reize, die für unsere instinktgeleiteten Zwecke bedeutsam sind
  • Verhalten – wir nehmen Handlungen vor, die unsere instinktgeleiteten Zwecke befriedigen
  • Gefühl – Instinkten sind negative und positive Gefühle beigeordnet

Man beachte, dass Instinkte zweckgerichtet, also zielgerichtet sind! Hier handelt es sich nicht um Reiz-Reaktions-Behaviorismus!

Eine Liste der Instinkte und ihrer beigeordneten Emotionen:

  • Flucht – Furcht
  • Kampf – Wut
  • Abstoßung – Abscheu
  • elterlich (beschützend) – Liebe, Zärtlichkeit
  • hilfesuchendes Verhalten – Kummer
  • Paarung – Lust
  • Neugierde – Gefühl des Rätselhaften
  • Unterordnung – Unterlegenheit
  • Behauptung – Überlegenheit
  • Geselligkeit – Einsamkeit
  • Nahrungssuche – Appetit
  • Horten – Gier
  • Bauen – Produktivität
  • Lachen – Amüsement

Clark Hull

Clark Leonard Hull ist am 24. Mai 1884 bei Akron, New York, als Kind einer armen Familie auf dem Lande geboren. Er besuchte eine Schule, die aus nur einem Raum bestand, dort unterrichtete er sogar für ein Jahr, als er 17 war. Als Student starb er beinahe an Typhus.

Er besuchte das Alma College in Michigan, wo er Bergbauwesen studierte. Er arbeitete seit zwei Monaten für eine Bergbaufirma, als er Polio bekam. Anschließend musste er sich nach einer körperlich weniger anstrengenden Arbeit umsehen. Zwei Jahre lang war er Schulleiter in jener Schule, die er selbst besucht hatte – inzwischen verfügte die Einrichtung über zwei Klassenzimmer! Hier las er William James und began zu sparen, um die University of Michigan besuchen zu können.

Clark HullNach seinem Abschluss unterrichtete er eine Weile, dann ging er zur Universität Wisconsin. Dort machte er 1918 seinen Doktor und unterrichtete bis 1929. In dieser Zeit entstanden seine Ideen zur behavioristischen Psychologie.

1929 wurde er Psychologieprofessor in Yale. 1936 wählte man ihn zum Präsidenten der APA. Er veröffentlichte sein Meisterwerk Principles of Behavior im Jahre 1943. 1948 erlitt er einen schweren Herzanfall. Dennoch gelang es ihm, im selben Jahr sein zweites Buch A Behavior System zu beenden. Er starb am 10. Mai 1952 an einem weiteren Herzinfarkt.

Hulls Theorie ist von einer strikten Operationalisierung der Variabeln und einer notorisch mathematischen Darstellung gekennzeichnet. Dies sind die Variabeln, die sich Hull ansah, während er Ratten konditionierte:

Unabhängige Variabeln:

  • S, der physische Reiz.
  • Zeit der Entbehrung oder die Zeitspanne und Intensität schmerzhafter Reize.
  • G, Größe und Qualität der Verstärkung.
  • Zeitverzögerung zwischen Reaktion und Verstärkung.
  • Zeit zwischen bedingtem und unbedingtem Reiz.
  • N, Anzahl der Versuche.
  • Zeitspanne, in der die Ratte aktiv war.

Vermittelnde Variabeln:

  • s, Reizspur.
  • V, Dynamismus der Reizintensität.
  • D, Trieb oder primäre Motivation oder Bedürfnis (abhängig von Entbehrung etc.).
  • K, Anreiz Motivation (abhängig von Größe oder Qualität der Verstärkung).
  • J, Anreiz basierend auf der Verzögerung der Verstärkung.
  • Shr, Stärke der Gewohnheit ( habit strength ), basierend auf N, G (oder K), J und der Zeit zwischen bedingtem und unbedingtem Reiz.
  • Ir, reaktive Hemmung ( reactive inhibition ) (z.B. Erschöpfung, wenn die Ratte schon eine Weile aktiv gewesen war).
  • sIr, bedingte Hemmung ( conditioned inhibition ) (wegen anderweitiger Übungen).
  • Slr, Reaktionsschwelle ( reaction threshold ) (minimale Verstärkung, die jedes Lernen erfordert).
  • sOr, vorübergehend pendelndes Verhalten ( momentary behavioral oscillation ) – d.h. Variabeln, die nicht anderweitig beschrieben sind.

Und die wichtigste vermittelnde Variable, sEr, das Erregungspotenzial ( excitatory potential ), also das Ergebnis all dessen, was oben genannt ist…

sEr = V x D x K x J x sHr – sIr – Ir – sOr – sLr

Die abhängigen Variabeln:

  • Latenz (Schnelligkeit der Reaktion).
  • Amplitude (Reaktionsstärke).
  • Resistance to extinction.
  • Häufigkeit (Wahrscheinlichkeit der Reaktion)

Allesamt sind Einheiten von R, der Reatkion, welche wiederum eine Funktion von sEr ist.

Wau!

Man kann die Essenz der Theorie so zusammenfassen: Die Reaktion ist eine Funktion aus der Stärke der Gewohnheit multipliziert mit der Stärke des Triebes. Aus diesem Grund wird Hulls Theorie oft als Triebtheorie ( drive theory ) bezeichnet.

Hull war der einflussreichste Behaviorist der 40er und 50er Jahre. Sein Student Kenneth W. Spence behielt diese Berühmtheit bis in die 60er hinein. Doch die Theorie, akzeptabel in ihrer verkürzten Form, war den anderen Behavioristen zu unhandlich, sie ließ sich nicht einfach verallgemeinern – von präzisen Experimenten mit Ratten auf die Komplexität des menschlichen Lebens. Heute ist die Theorie nur noch von historischem Interesse.

E.C. Tolman

E.C. TolmanBevor der Behaviorismus den Kognitivisten die Bühne abtrat, sollte noch eine ganz andere Theorie populär werden: Der kognitive Behaviorismus des Edward Chase.
E. C. Tolman wurde am 14 April 1886 in Newton, Massachusetts geboren. Sein Vater war Geschäftsmann, die Mutter Hausfrau und glühende Quäkerin. Er und sein älterer Bruder besuchten das MIT. Sein Bruder wurde ein berühmter Arzt.

E. C wurde stark von William James Schriften beeinflusst, deshalb ging er ab 1922 nach Harvard. Während des dortigen Studiums verbrachte er einen Sommer in Deutschland, wo er mit Kurt Koffka, dem Gestaltpsychologen, studierte. 1915 erhielt er seinen Doktortitel.

Dann ging er als Dozent an die Northwestern University. Doch er war ein zurückhaltender Dozent, während des Ersten Weltkrieges überzeugter Pazifist, 1918 entließ ihn die Universität. Er wurde Dozent an der University of California in Berkeley. Während des Zweiten Weltkrieges diente er auch in der OSS (Office of Strategic Services).

Die Universität California forderte die Professoren zu Treueschwüren auf. Tolman führte Proteste an und wurde suspendiert. Die Gerichte entschieden zu seinen Gunsten und er wurde rehabilitiert. 1959 setzte er sich zur Ruhe und erhielt den Ehrendoktor von eben jener University of California in Berkeley! Leider starb er im selben Jahr, am 19. November.

Obwohl er es befürwortete, dass der Behaviorismus die Psychologie zu einer wirklich objektiven Wissenschaft machte, war er der Auffassung, Watson und andere seien zu weit gegangen.

1. Watsons Behaviorismus war die Untersuchung von “Zuckungen” — Reiz-Reaktion ist eine zu molekulare Ebene. Wir sollten ganze, bedeutungsvolle Verhaltensweisen untersuchen: auf molarer Ebene.

2. Watson sah bei seinen Versuchstieren einfach nur Ursache und Wirkung. Tolman sah sinnvolles, zielgerichtetes Verhalten.

3. Watson sah seine Tiere als “dumme” Meschanismen. Tolman betrachtete sie als Wesen, die auf der Grundlage vorheriger Erfahrungen Hypothesen bildeten und testeten.

4. Watson hatte keine Verwendung für innere “mentalistische” Prozesse. Tolman zeigte, dass seine Ratten fähig waren, eine Vielfalt kognitiver Prozesse zu zeigen.

Wenn ein Tier seine Umgebung erkundet, entwickelt es eine kognitive Landkarte dieser Umgebung. Der Prozess heißt latentes Lernen, also ein Lernen in Abwesenheit von Belohnungen oder Strafen. Das Tier entwickelt Erwartungen (Hypothesen), die von weiteren Erfahrungen bestätigt werden oder nicht. Belohnungen (und Strafen) kommen nur als Motivation für weiteres erlerntes Verhalten ins Spiel, nicht aber als Ursachen des Lernens selbst.

Er erkannte an, dass sein Behaviorismus eher der Gestaltpsychologie ähnelte als Watsons Form des Behaviorismus. Aus unserer heutigen Perspektive kann er als einer der Vorläufer der kognitiven Bewegung gelten.

Burrhus Frederic Skinner

Burrhus Frederic Skinner ist am 20. März 1904, in Susquehanna, einer kleinen Stadt in Pennsylvania geboren. Sein Vater war Rechtsanwalt, und seine Mutter war eine starke intelligente Hausfrau. Seine Erziehung war eher altmodisch und arbeitsintensiv.

Skinner, B. F.Burrhus war ein aktiver aufgeschlossener Junge, der gerne draußen war, und Sachen zusammenbaute, und er liebte die Schule. Doch sein Leben verlief nicht ohne Tragödien. So starb zum Beispiel sein Bruder im Alter von sechzehn Jahren an einem zerebralen Aneurysma.

Burrhus erzielte einen BA in Englisch am Hamilton College in Upstate New York. Doch dort passte er nicht so recht hin, ihm gefielen die Parties der Bruderschaften ebenso wenig wie die Football Spiele. Viel lieber schrieb er für die Schulzeitung, auch Artikel, in denen er sich über die Schule, die Fakultät und sogar über Phi Beta Kappa kritisch äußerte! Zu allem Überfluss war Burrhus Atheist – und das in einer Schule, in der der tägliche Gottesdienstbesuch zum guten Ton gehörte.

Er wollte Schriftsteller werden und hat seine Gedichte und Kurzgeschichten an Verlage geschickt. Als er die Abschlussprüfung abgelegt hatte, zog er sich im Haus seiner Eltern in ein kleines Studierzimmer auf dem Dachboden zurück, um sich konzentrieren zu können, doch es lief nicht gut.

Letztlich beschränkte er sich darauf, Zeitungsartikel zu Arbeitsproblemen zu schreiben, und lebte eine Weile in Greenwich Village, New York City als “Bohemien”. Nachdem er einige Reisen unternommen hatte, beschloss er die Harvard School zu besuchen. Dort erhielt er 1930 den Master in Psychologie, 1931 den Doktortitel und blieb bis 1936 mit Forschungen beschäftigt.

Im selben Jahr zog er nach Minneapolis, um an der University of Minnesota zu unterrichten. Dort lernte er Yvonne Blue kennen und heiratete sie kurze Zeit später. Sie hatten zwei Töchter, von denen die zweite dafür Berühmtheit erlangte, dass sie in einer von Skinners Erfindungen aufwuchs, in der “air crib” (Luft-Gitterbett). Obwohl es sich dabei nur um eine Kombination von Gitterbett und Laufstall mit Glaswänden und Klimaanlage handelte, sah das Ganze zu sehr danach aus, als werde ein Baby in einem Aquarium gehalten, als dass es sich hätte durchsetzen können.

1945 wurde Skinner Vorsitzender des Psychology Department der Indiana University. 1948 lud man ihn ein, nach Harvard zu kommen, wo er den Rest seines Lebens blieb. Er war ein sehr aktiver Mann, der Forschungen betrieb, Hunderte Doktoranden betreute und zugleich auch zahlreiche Bücher verfasste. Zwar hatte er als Autor von Romanen und Gedichten keinen Erfolg gehabt, doch er wurde einer unserer besten Autoren psychologischer Bücher, eingeschlossen das Buch Walden II, einer fiktiven Darstellung einer Gesellschaft, die von seinen behavioristischen Prinzipien geleitet wird.

Am 18. August 1990 starb B. F. Skinner an Leukämie, er war der vielleicht gefeiertste Psychologe seit Sigmund Freud.

Theorie

B. F. Skinners gesamtes System basiert auf operanter Konditionierung. Der Organismus befindet sich im Prozess, auf die Umgebung einzuwirken, das heißt, er hüpft durch die Welt und tut, was er eben tut. Während dieses Einwirkens, trifft der Organismus auf einen spezifischen Reiz, der als verstärkender Reiz oder “Verstärker” bezeichnet wird.

Dieser spezielle Reiz wirkt sich so aus, dass das Verhalten vor dem Verstärker verstärkt wird. Das ist mit operanter Konditionierung gemeint:

«the behavior is followed by a consequence, and the nature of the consequence modifies the organisms tendency to repeat the behavior in the future.»
[auf das Verhalten folgt eine Konsequenz, und die Natur dieser Konsequenz verändert die Neigung des Organismus, dieses Verhalten in Zukunft zu wiederholen.]

Stellen wir uns eine Ratte in einem Käfig vor. Es handelt sich um einen besonderen Käfig (die so genannte “Skinnerbox”) mit einer Taste an einer Wand, und wenn diese Taste betätigt wird, bewirkt ein kleiner Mechanismus, dass eine Futterportion in den Käfig geschüttet wird. Die Ratte läuft durch den Käfig und tut, was Ratten eben so tun, und dann drückt sie zufällig die Taste und – hey! – die Futterportion wird in den Käfig geschüttet! “Operant” ist hier das Verhalten unmittelbar vor dem verstärkenden Reiz, also der Futterportion. In kürzester Zeit drückt die Ratte wie wild die Taste und hortet die Futterrationen in einer Ecke des Käfigs.

Ein Verhalten, das von einem verstärkenden Reiz gefolgt wird, resultiert darin, dass dieses Verhalten in Zukunft mit größerer Wahrscheinlichkeit auftritt. Was geschieht, wenn man der Ratte keine weitere Futterration mehr gibt? Natürlich ist die Ratte nicht doof, und nach einigen erfolglosen Versuchen hört sie auf, die Taste zu bedienen. Das wird als “Auslöschen des operanten Verhaltens” bezeichnet.

Ein Verhalten, das nicht mehr von dem verstärkenden Reiz gefolgt ist, wird in Zukunft weniger wahrscheinlich auftreten. Stellt man die Futtermaschine dann wieder an, so dass die Ratte beim Betätigen der Taste wieder ihre Portion Futter erhält, tritt das Verhalten gleich wieder auf – die Ratte betätigt die Taste nun wesentlich schneller, als zu Beginn des Experiments, da sie den Mechanismus bereits kennen gelernt hat. Das liegt daran, dass die Rückkehr des Verstärkers im Kontext einer Geschichte der Verstärkung steht, die bis zu dem Punkt zurückreicht, an dem die Ratte für das Betätigen der Taste belohnt wurde!

verstärkende Schemata

Skinner erzählt gerne davon, wie er “zufällig” – also “operant” zu seinen verschiedenen Entdeckungen gelangt ist. Zum Beispiel ging während einer Versuchsreihe das Futter für die Versuchstiere aus. Damals gab es noch kein Rattenfutter im Handel und Skinner musste die Futterkügelchen selbst herstellen, ein langsamer Prozess. Also entschied er sich, die Anzahl der Verstärkungen zu reduzieren, die er den Ratten für das jeweilige Verhalten, das er zu konditionieren versuchte, zumaß. Und siehe da, die Ratten hielten ihr operantes Verhalten aufrecht. So entdeckte Skinner die verstärkenden Schemata!

Das ursprüngliche Szenario ist kontinuierliche Verstärkung: Immer wenn die Ratte das jeweilige Verhalten zeigt (also zum Beispiel eine Taste betätigt), erhält sie einen Leckerbissen.

Das Schema mit festgelegtem Verhältnis (fixed ratio schedule) war das erste, das Skinner entdeckte:
Wenn die Ratte die Taste, sagen wir, drei mal betätigt, erhält sie einen Leckerbissen. Oder fünf mal. Oder zwanzig mal. Oder “x” mal. Dann gibt es eine festgelegte Relation von Verhalten und Verstärkungen: 3 zu 1, 5 zu 1, 20 zu 1, etc.

Das Schema mit festgelegten Zeitintervallen ( fixed interval schedule ) verwendet eine zeitliche Abstimmung. Betätigt die Ratte die Taste mindestens ein mal innerhalb einer spezifischen Zeitspanne (sagen wir von 20 Sekunden), erhält sie einen Leckerbissen. Tut sie es nicht, erhält sie nichts. Doch selbst wenn sie die Taste hundertmal innerhalb dieser 20 Sekunden betätigt, erhält sie trotzdem nur einen Leckerbissen! Etwas seltsames geschieht hier, denn die Ratte neigt dazu, sich auf einen Rhythmus einzuspielen: Sie verlangsamt die Häufigkeit ihres Verhaltens gemäß dem Verstärker, und wird wieder schneller, wenn die Zeit für den verstärkenden Impuls näher kommt.

Skinner untersuchte auch variable Schemata. Ein variables Verhältnis bedeutet, dass man das “x” verändert – erst erhält die Ratte einen Leckerbissen, nachdem sie die Taste drei mal gedrückt hat, dann nach 10 mal, dann nach einem mal, dann nach 7 mal und so fort. Ein variables Intervall bedeutet, dass der Versuchsleiter die Zeitspanne kontinuierlich ändert – erst 20 Sekunden, dann 5, dann 35, dann 10 und so weiter.

In beiden Fällen müssen die Ratten auf der Hut sein. Beim Schema mit variablen Intervallen können sie sich nicht mehr auf eine zeitliche Regelmäßigkeit einspielen, da sie keinen “Rhythmus” zwischen Verhalten und Belohnung mehr finden. Noch wichtiger ist, dass diese Schemata sich nur schwierig auslöschen lassen. Wenn man darüber nachdenkt, macht das auch Sinn. Wenn Sie eine Zeit lang keinen verstärkenden Impuls mehr erhalten haben, kann es einfach daran liegen, dass Sie sich gerade in einem besonders “schlechten” Intervall befinden! Nur noch einmal die Taste drücken und vielleicht kommt dann ja der Leckerbissen endlich!

Skinner zur Folge ist dies auch der Mechanismus des Glücksspiels. Sie gewinnen vielleicht nicht sehr oft, aber schließlich weiß man nie, ob und wann Sie wieder gewinnen werden. Es könnte gleich beim nächsten mal so weit sein, und wenn Sie jetzt nicht würfeln, oder jetzt nicht auf diese Zahl setzen, könnten Sie den Gewinn des Jahrhunderts verpassen!

Shaping

Skinner musste sich mit der Frage beschäftigen, wie er komplexere Verhaltensweisen hervorrufen und untersuchen konnte. Seine Strategie war das Shaping oder die Methode erfolgreicher Annäherungen ( method of successive approximations ).

Im Grunde geht es darum, zunächst ein Verhalten zu verstärken, das dem gewünschten Verhalten nur vage nahe kommt. Ist dies einmal geschafft, sucht man nach Variationen, die der eigentlich gewünschten Verhaltensweise näher kommen, und setzt dies so lange fort, bis das Tier ein Verhalten zeigt, das es in seinem gewöhnlichen Dasein nie zeigen würde. Skinner und seine Studenten waren ziemlich erfolgreich darin, Tieren einige recht ungewöhnliche Dinge beizubringen. Ich fand es am besten, wie sie Tauben bei brachten, zu bowlen!

Ich habe die Methode des “Shaping” einmal bei einer meiner Töchter angewendet. Sie war ungefähr drei Jahre alt und fürchtete sich davor, eine besondere Rutsche hinunter zu rutschen. Also nahm ich sie hoch und setzte sie an das untere Ende der Rutsche und fragte, ob sie sich wohl fühle und von hier herunter springen könne. Das hat sie natürlich gemacht und ich habe sie überschwänglich gelobt. Dann hab ich sie ein Stückchen weiter oben auf der Rutsche platziert, wieder gefragt, ob sie sich da wohl fühle und ob sie aus dieser Höhe herunter springen könne. So weit so gut. Ich habe die Prozedur dann fortgesetzt und sie jedes mal ein Stückchen weiter oben auf die Rutsche gesetzt, wenn sie sich fürchtete, haben wir weiter unten erneut begonnen. Schließlich konnte ich sie ganz oben auf die Rutsche setzen, und sie konnte bis ganz unten rutschen und herunter hüpfen. Leider konnte sie noch immer nicht die Leiter hoch steigen … ich war für eine gewisse Zeit ein sehr beschäftigter Vater.

Das entspricht auch der Methode, die in einer Therapie namens systematische Desensibilisierung (systematic Desensitisation) verwendet wird, die ein anderer Behaviorist namens Joseph Wolpe entwickelt hat.

Jemand mit einer Phobie – zum Beispiel einer Spinnenphobie – wird hier gebeten, zehn Szenarien zu entwerfen, in denen es um Spinnen und Panik in verschiedenen Abstufungen geht. Das erste Szenario wäre ein schwaches – zum Beispiel eine kleine Spinne von großer Entfernung draußen zu sehen. Das zweite Szenario wäre ein wenig stärker und so weiter, bis dann das zehnte Szenario eine Situation beschreibt, die absolut fürchterlich ist – z.B. eine Tarantel kriecht Ihnen übers Gesicht während Sie mit 160 Sachen über die Autobahn rauschen! Dann bringt Ihnen der Therapeut bei, wie Sie Ihre Muskeln entspannen können – was mit Angst inkompatibel ist. Nachdem Sie das einige Tage lang geübt haben, gehen Sie mit dem Therapeuten nochmals Schritt für Schritt Ihre Szenarien durch und achten darauf, entspannt zu bleiben. Und zwar so lange, bis Sie sich schließlich die Situation mit der Tarantel vorstellen können, und dabei absolut unverkrampft bleiben.

Die Technik ist mir persönlich sehr vertraut, weil ich nämlich selbst an einer Spinnenphobie litt und sie mit Hilfe dieser Therapie losgeworden bin. Es funktionierte so gut, dass ich nach einer Sitzung (nach der Sitzung, in der ich Szenarien aufschrieb und meine Muskeln zu entspannen übte) bereits in der Lage war, ein solches Spinnentier in die Hand zu nehmen. Cool.

Neben den recht simplen Beispielen ist das Shaping auch für die allerkomplexesten Verhaltensweisen verantwortlich. Zum Beispiel wird man auch nicht einfach so Hirnchirurg, indem man in einen Operationsraum hinein stolpert, jemandem die Schädeldecke öffnet, erfolgreich einen Tumor entfernt und anschließend mit Prestige und einem umwerfenden Gehalt belohnt wird, wie eine Ratte in der Skinner Box. Vielmehr ist es so, dass wir von unserer Umwelt sanft geformt werden, gewisse Dinge zu mögen, gut in der Schule zu sein, einen bestimmten Kurs zu belegen, vielleicht auch einen Film über einen Arzt zu sehen, positive Erfahrungen bei Krankenhausaufenthalten zu haben, dann ein Medizinstudium zu beginnen und ermutigt zu werden, sich auf Hirnchirurgie zu konzentrieren und so weiter. So oder ähnlich könnten Ihre Eltern Sie geformt haben, wie bei der Ratte im Käfig. Doch wahrscheinlich verlaufen diese Prozesse meist mehr oder weniger unbeabsichtigt.

aversive Reize

Ein aversiver Reiz ist das Gegenteil eines verstärkenden Reizes, etwas, das wir als unangenehm oder schmerzhaft empfinden.

«A behavior followed by an aversive stimulus results in a decreased probability of the behavior occurring in the future.»

Eine Verhaltensweise, die von einem aversiven Reiz gefolgt ist, wird in Zukunft weniger wahrscheinlich wiederholt werden. Dies wiederum beschreibt zum einen den aversiven Reiz selbst und zum anderen die Form der Konditionierung, die als Strafe bekannt ist. Versetzen Sie einer Ratte einen Schock für das Verhalten x, wird sie x sehr viel weniger häufig tun. Wenn Sie Johnny einen Klaps geben, weil er sein Spielzeug durch die Gegend wirft, wird er sein Spielzeug (vielleicht) immer seltener herum werfen .

Andererseits, wenn man einen bereits aktiven aversiven Reiz entfernt, nachdem die Ratte oder Johnny ein bestimmtes Verhalten zeigt, nennt man das *negative
Verstärkung*. Stellt man die Elektrizität ab, wenn sich die Ratte auf die Hinterbeine stellt, wird sie sehr viel häufiger auf den Hinterbeinen stehen. Hören Sie mit dem ewigen Gejammer auf, wenn ich endlich den Müll raus bringe, werde ich den Müll (vielleicht) sehr viel öfter raus bringen. Man könnte sagen, dass es sich “so gut anfühlt”, wenn der aversive Stimulus aufhört, dass dies allein als Verstärkung fungiert!

Verhalten, das von der Entfernung eines aversiven Reizes gefolgt ist, wird in Zukunft mit größerer Wahrscheinlichkeit auftreten.

«Behavior followed by the removal of an aversive stimulus results in an increased probability of that behavior occurring in the future.»

Es bleibt darauf hinzuweisen, wie schwierig es werden kann, einige Formen negativer Verstärkung von positiver Verstärkung zu unterscheiden: Wenn ich Sie hungern lasse, ist dann das Essen, das ich Ihnen dafür gebe, dass Sie tun, was ich will – i.e. ein verstärkender Impuls? Oder ist es der Entzug eines Negativums – i.e. der aversive Hungerreiz?

Im Widerspruch zu einigen Stereotypen, die es zur Berufsgruppe der Behavioristen gibt, heißt Skinner die Verwendung aversiver Reize nicht gut – und zwar nicht aus ethischen Gründen, sondern weil sie nicht besonders gut funktionieren! Vorhin habe ich angemerkt, dass Johnny möglicherweise aufhören würde, mit seinem Spielzeug herum zu werfen, und dass ich vielleicht den Müll raus bringen würde? Das liegt daran, dass was immer das unerwünschte Verhalten verstärkt hat, nicht entfernt worden ist, wie im Falle einer Auslöschung. Dieser verborgene verstärkende Impuls ist bloß von einem konflikthaften aversiven Reiz “verdeckt” worden.

Also, sicherlich, manchmal wird das Kind (oder ich) das gewünschte Verhalten zeigen – und doch fühlt es sich immer noch gut an, das Spielzeug herum zu werfen. Johnny muss nur warten, bis Sie aus dem Raum gehen, oder einen Weg finden, seinen Bruder für die verstreuten Spielzeuge verantwortlich zu machen oder aber sich den Konsequenzen seines Verhaltens entziehen, und schon ist alles wieder beim Alten. Tatsächlich ist es dann so, dass Johnny seinen verstärkenden Impuls gelegentlich schätzen lernt, er befindet sich also in einem variablen Schema der Verstärkung, und damit ist er noch widerstandsfähiger gegen dessen Auslöschung als je zuvor!

Verhaltensmodifikation

Verhaltensmodifikation – englisch oft auch als b-mod (für behavior modification ) bezeichnet – ist die Therapietechnik, die auf Skinners Arbeit aufbaut. Die Methode ist recht einleuchtend:

Löschen Sie ein unerwünschtes Verhalten aus (indem der verstärkende Impuls entfernt wird) und ersetzen Sie das unerwünschte Verhalten mittels Verstärkung durch erwünschtes Verhalten. Diese Technik wurde bei allen möglichen psychologischen Schwierigkeiten angewendet – Sucht, Neurosen, Autismus und sogar bei Schizophrenie – und sie funktioniert besonders bei Kindern gut. Es gibt Beispiele von “back-ward psychotics”, die seit Jahren nicht mit anderen Menschen kommuniziert haben, welche so konditioniert werden konnten, dass sie sich recht normal verhalten, also zum Beispiel dass sie mit Messer und Gabel essen, sich selbst um ihre Hygiene kümmern, sich selbst ankleiden und so weiter.

Es gibt einen Ableger der b-mod, die als Gutschein-Wirtschaft ( token economy ) bezeichnet wird. Sie wird vornehmlich in Institutionen wie etwa psychiatrischen Kliniken, Jugendzentren und Gefängnissen angewendet. In der jeweiligen Institution werden bestimmte Regeln aufgestellt, und wer sich an die Regeln hält, wird mit Gutscheinen belohnt – das sind zum Beispiel Poker Chips, Tickets, Spielgeld etc. Bestimmtes Fehlverhalten wird oft mit dem Entzug dieser Gutschriften bestraft. Zudem kann man die Gutscheine für gewisse Dinge eintauschen, zum Beispiel gegen Süßigkeiten, Zigaretten, Spiele, Filme, Freigänge und so weiter. Diese Methode hat sich als sehr effektiv zum Erhalt der Ordnung in diesen oftmals schwierigen Institutionen erwiesen.

Doch es gibt einen Nachteil der Gutschein-Wirtschaft: Wenn nämlich ein “Insasse” einer solchen Institution entlassen wird, kehrt er in eine Umgebung zurück, die genau die Verhaltensweisen verstärkt, welche die Insassen überhaupt erst in die jeweilige Institution gebracht haben. Die Familie des an einer Psychose erkrankten Menschen mag absolut dysfunktional sein. Der Jugendliche mag gleich wieder zu seiner Clique zurückkehren. Niemand gibt ihnen Gutscheine, wenn sie manierlich essen. Die einzige Verstärkung mag die Aufmerksamkeit sein, die sie ernten, wenn sie sich “austoben”, oder der Ruhm innerhalb der Gang, wenn sie ein Geschäft ausrauben. Mit anderen Worten, die Umgebung ist in dieser Technik nicht sonderlich hilfreich!

Walden II

Skinner begann seine Karriere als Magister der Englischen Literatur, er schrieb Gedichte und Kurzgeschichten. Natürlich hat er auch eine große Anzahl Fachaufsätze und Bücher zum Behaviorismus verfasst. Doch für sein Buch Walden II wird er wohl am ehesten in Erinnerung geblieben sein, darin beschreibt er eine Utopia-ähnliche Kommune, die auf den Prinzipien aufgebaut ist, die er in seiner wissenschaftlichen Arbeit zusammengestellt hat.

Die Menschen, insbesondere die religiös rechts gerichteten Menschen, haben sein Buch massiv kritisiert. Sie waren der Auffassung, seine Ideen nähmen uns unsere Freiheit und unsere Würde als menschliche Wesen. Auf die umfangreiche Kritik antwortete er mit einem weiteren Buch (einem seiner Besten), das er Beyond Freedom and Dignity nannte. Er fragte:
Was meinen wir, wenn wir sagen, dass wir frei sein wollen? Für gewöhnlich meinen wir damit, dass wir nicht in einer Gesellschaft leben wollen, die uns für das bestraft, was wir gerne tun möchten. Nun gut – aversive Stimuli funktionieren ohnehin nicht gut, also weg damit! Stattdessen werden wir nur verstärkende Impulse dazu nutzen, die Gesellschaft zu “kontrollieren”. Und wenn wir uns für die richtigen Impulse entscheiden, werden wir uns frei fühlen, weil wir dann das tun, was wir als unseren Wunsch empfinden.

Ähnliches gilt für die Würde. Wenn wir sagen “sie starb in Würde”, was meinen wir damit? Wir meinen, dass sie ihr “gutes” Verhalten aufrecht erhalten hat, ohne offensichtliche Hintergedanken. Im Grunde hat sie ihre Würde aufrecht erhalten, weil ihre Verstärkungs-Geschichte sie dahin geführt hat, das “würdevolle” Verhalten für bestärkender zu empfinden, als eine Szene zu machen.

Die Bösen tun Böses, weil das Böse belohnt wird. Die Guten tun Gutes, weil das Gute belohnt wird. Es gibt keine wahre Freiheit oder wahre Würde. Gerade jetzt sind unsere verstärkenden Impulse für gutes und schlechtes Verhalten chaotisch und außer Kontrolle geraten – entscheidend ist nur, ob man Glück oder Pech hat mit der eigenen “Wahl” der Eltern, Lehrer, Peers und anderen Einflüssen. Stattdessen könnten wir als Gesellschaft die Kontrolle übernehmen und unsere Kultur so erschaffen, dass das Gute belohnt und das Böse ausgelöscht wird! Mit der richtigen Verhaltenstechnologie können wir Kultur gestalten.

Sowohl Freiheit als auch Würde sind Beispiele für das, was Skinner als mentalistic constructs bezeichnet – sie sind nicht zu beobachten und damit nutzlos für die wissenschaftliche Psychologie. Weitere Beispiele sind Abwehrmechanismen, das Unbewusste, Archetypen, fiktionale Finalismen, Copingstrategien, Selbstverwirklichung, Bewusstsein, ja sogar Hunger und Durst. Das wichtigste Beispiel ist das, was Skinner als Homunculus – lateinisch für “der kleine Man” – bezeichnet, dieser wohnt in uns und wird dazu herangezogen, unser Verhalten zu erklären, die Vorstellung von der Seele, dem Geist, dem Ego, dem Willen und natürlich auch der Persönlichkeit.

Skinner hingegen empfiehlt, dass Psychologen sich auf das konzentrieren, was sich beobachten lässt, nämlich auf die Umgebung und unser Verhalten in unserer Umwelt.

Während der 60er und 70er war Skinner sehr bekannt. Doch bald machten sich die humanistische Bewegung in der klinischen Welt und die kognitive Bewegung in der experimentellen Welt über seinen geliebten Behaviorismus her. Vor seinem Tod beklagte er sich öffentlich darüber, dass die Öffentlichkeit es versäumt habe, von ihm zu lernen.

Zitation

Boeree, C. George (09. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 4.6 Behaviorismus, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/4.6

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