4.8 Existentialismus

phänomenologischer Existentialismus

Die Phänomenologie ist eine Forschungstechnik, bei der es darum geht, Aspekte des menschlichen Lebens sorgfältig so zu beschreiben, und zwar so, wie sie gelebt werden.

Der Existentialismus, der seine Einsichten von der Phänomenologie bezieht, ist die philosophische Einstellung, die das menschliche Leben von innen anschaut, statt vorzugeben, es von außen, von einem “objektiven” Standpunkt aus, zu verstehen.

Der phänomenologische Existentialismus, Philosophie oder Psychologie, ist nicht streng definiert. Doch seine Anhänger lassen sich leicht daran erkennen, dass sie die Bedeutung der Individuen und deren Freiheit betonen. Es handelt sich um eine Psychologie, die unsere schöpferischen Prozesse weit mehr betont, als unsere Bindung an Gesetze, seien sie nun menschlicher, natürlicher oder göttlicher Natur.

Franz Brentano

Franz BrentanoFranz Brentano ist am 16. Januar 1838 in Marienberg, Deutschland, geboren. 1864 wurde er Priester und begann zwei Jahre darauf, an der Universität Würzburg zu lehren. Religiöse Zweifel ließen ihn das Priesteramt niederlegen und 1873 von seiner Dozentur zurücktreten.

Im folgenden Jahr schrieb er Psychologie vom empirischen Standpunkt. In diesem Buch stellte er das Konzept vor, das meist mit ihm assoziiert wir: Intentionalität oder immanente Objektivität. Die Idee ist folgende: was den Geist von den Dingen unterscheidet ist, dass geistige Handlungen sich immer auf etwas richten, das über sie hinaus geht: Das Sehen setzt etwas Gesehenes voraus, Wollen meint etwas Gewolltes, Vorstellung impliziert etwas Vorgestelltes, Urteilen verweist auf etwas Beurteiltes. Die Intentionalität verbindet Subjekt und Objekt in kraftvoller Weise. Kurz nach der Veröffentlichung des Buches bot man ihm einen Lehrstuhl an der Universität Wien an.

1880 wollte er heiraten, doch die österreichische Regierung verbot es ihm, da man ihn noch als Priester betrachtete. Er gab seinen Lehrstuhl auf und ging nach Leipzig, um dort zu heiraten. Im darauf folgenden Jahr wurde ihm gestattet, als Dozent an die Universität Wien zurück zu kehren.

Er war bei seinen Studenten ziemlich beliebt. Darunter waren Carl Stumpf und Edmund Husserl, die Begründer der Phänomenologie, und Sigmund Freud höchst persönlich. Brentano setzte sich 1895 zur Ruhe, doch er schrieb weiter bis zu seinem Tod am 17. März 1917 in Zürich.

Carl Stumpf

Carl StumpfCarl Stumpf ist am 21. April 1884 in Wiesentheid in Bayern geboren. Er war stark von Bretano beeinflusst. Als Dozent an der Universität Göttingen veröffentlichte er Über den psychologischen Ursprung der Raumvorstellung ( The Psychological Origins of Space Perception ) (1870). 1873 wurde er Professor an der Universität Würzburg. Sein Meisterwerk Tonpsychologie, stellte er während einer Serie von Professuren in Prag, Halle und München fertig.

Er wurde 1894 Professor und Direktor des Instituts für experimentelle Psychologie an der Friedrich-Wilhelm Universität Berlin, wo er seine Arbeit über die Psychologie der Musik fortsetzte, er gründete eine Zeitschrift zum Thema und begründete ein Archiv für primitive Musik.

Stumpf setzte sich 1921 zur Ruhe und führte seine Arbeit fort bis zu seinem Tod am 15. Dezember 1936 in Berlin. Zusammen mit Husserl gilt er als Mitbegründer der Phänomenologie und als besondere Inspiration für die Gestaltpsychologen.

Edmund Husserl

Edmund Husserl ist am 8. April 1859 in Prossnitz, Mähren, geboren. Er studierte Philosophie, Mathematik und Physik in Leipzig, Berlin und Wien und machte seinen Doktor in Mathematik 1882 an der Universität Wien. Im nächsten Jahr zog er nach Wien, um bei Franz Bretano zu studieren.

Husserl, Sohn einer jüdischen Familie, konvertierte 1886 zur lutherischen Kirche und heiratete 1887 Malvine Steinschneider, selbst eine konvertierte Jüdin. Sie hatten drei gemeinsame Kinder. In diesen Jahren ging er an die Universität Halle, um bei Carl Stumpf zu studieren und wurde Dozent. Husserl und Stumpf tauschten Ideen aus und wurden gute Freunde.

Edmund HusserlWährend er in Halle dozierte, rang Husserl um eine Verbindung zwischen Mathematik und der Natur des Geistes. Er erkannte, dass seine ursprünglichen Ideen, bei denen es um Mathematik als Abkömmling der Psychologie ging, fehlgeleitet waren. Also entwickelte er nun seine Art der Phänomenologie als einen Weg, um die Natur der Erfahrung an sich untersuchen zu können. Dies führte 1900 zur Veröffentlichung von Logische Untersuchungen.

1901 bot man ihm einen Lehrstuhl an der Universität Göttingen an, wo Studierende einen Zirkel um ihn und seine Arbeiten bildeten. Er entwickelte zudem eine Freundschaft zu Wilhelm Dilthey und wurde von dessen Ideen über den historischen Kontext der Naturwissenschaft beeinflusst.

1916 ging er an die Universität Freiburg. Hier schrieb er Philosophie als strenge Wissenschaft (First Philosophy (1923-24)), eine Darstellung seines Gedankens, dass die Phänomenologie ein Mittel für moralische Entwicklung und eine bessere Welt biete. Er wurde geehrt und hielt viele Gastvorlesungen an der Universität London, der Universität Amsterdam und an der Sorbonne, so dass er seine Gedanken einem neuen, weit gefächerten Publikum zugänglich machen konnte.

Er setzte sich 1928 zur Ruhe. Als seinen Nachfolger befürwortete er Martin Heidegger sehr. Als sich Heideggers Werk zu den Grundlagen des Existentialismus entwickelte, distanzierte sich Husserl von dieser neuen Bewegung

Als die Nazis 1933 die Regierung übernahmen, wurde Husserl als gebürtiger Jude von der Universität ausgeschlossen. Dennoch unterstützte er weiterhin Freunde im Widerstand. 1935 sprach er in Wien über die europäische Krise, obwohl er Redeverbot hatte. Er sprach auch an der Universität Prag im selben Jahr, wo seine unveröffentlichten Manuskripte gesammelt und katalogisiert wurden.

Seine letzte Arbeit, Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie: Eine Einleitung in die phänomenologische Philosophie (1936), führte das Konzept der Lebenswelt ein. Im Jahr darauf erkrankte Husserl und starb am 27. April 1938.

Zitation

Boeree, C. George (09. Juni 2007): Geschichte der Psychologie: 4.8 Existentialismus, URL: http://www.social-psychology.de/sp/h1/4.8

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