
4.8 Existentialismus
Phänomenologie
Die Phänomenologie ist das Bemühen, unser Verständnis von uns selbst und unserer Welt durch sorgfältige Beschreibung der Erfahrung zu verbessern. An der Oberfläche schaut dies aus, als sei es wenig mehr als naturalistische Beobachtung und Introspektion. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass die Grundannahmen ziemlich von denen des Mainstream der experimentell orientierten Wissenschaften abweichen: Indem man Phänomenologie betreibt, versucht man Phänomene zu beschreiben, ohne sie auf vorgeblich objektive Nicht-Phänomene zu reduzieren. Statt die Validierung in der Objektivität zu suchen, wendet man sich an ein intersubjektives Einverständnis.
Die Phänomenologie beginnt mit den Phänomenen Erscheinungen, das, was wir erfahren, das, was gegeben ist und sie bleibt dabei. Man gibt kein vorschnelles Urteil darüber ab, ob eine Erfahrung überhaupt als Erfahrung gelten kann. Statt dessen nimmt man eine phänomenologische Haltung ein und bittet die Erfahrung, uns mitzuteilen, was sie eigentlich ist.
Die Grundform der Phänomenologie ist die Beschreibung eines speziellen Phänomens wie etwa ein aktuelles Ereignis, ein Ding oder sogar eine Person, d.h. etwas, das voller Einzigartigkeit ist. Herbert Spiegelberg (1965) stellte drei Schritte vor:
1. Betrachtung ( intuiting ) das Phänomen erfahren oder erinnern. “Halten” Sie es im Bewusstsein, oder leben Sie in ihm, beteiligen Sie sich daran; verweilen Sie darin oder im Gedanken daran.
2. Analysieren das Phänomen untersuchen. Man sucht nach…
- den Bestandteilen, nach Teilen im räumlichen Sinne;
- den Episoden und Sequenzen im zeitlichen Sinne;
- den Qualitäten und Dimensionen des Phänomens;
- Einstellungen, Umgebungen, Umfeldern;
- den Voraussetzungen und Konsequenzen in zeitlicher Hinsicht;
- den Perspektiven oder Zugangsweisen, die man einnehmen kann;
- den Kernen und Foki oder Rändern und Horizonten;
- dem Auftauchen und Verschwinden des Phänomens;
- der Klarheit des Phänomens.
Und man erforscht all diese Aspekte sowohl in ihrer äußeren Form Objekte, Handlungen, Andere also auch in ihren inneren Formen Gedanken, Bilder, Gefühle.
3. Beschreiben die Beschreibung aufschreiben. Man schreibt es so, als hätten die Leser eine solche Erfahrung nie gemacht. Man begleitet sie durch das eigene Betrachten und Analysieren.
Was diese drei einfachen Schritte so schwierig macht, ist die Haltung, die man einnehmen muss, um die Schritte tun zu können. Zunächst muss man einen gewissen Respekt vor dem Phänomen haben. Man muss sicher sein, dass die Betrachtung umfassend ist, von allen erdenklichen “Blickwinkeln” ausgehend, physisch und gedanklich, man darf nichts auslassen, was in die Analyse hinein gehört. Herbert Spiegelberg sagte “The genuine will to know calls for the spirit of generosity rather than for that of economy….”
[“Der genuine Wille zu wissen erfordert den Geist der Großzügigkeit, statt den der Wirtschaftlichkeit …”]
Zu dieser “Großzügigkeit” gehört auch der Respekt sowohl für öffentliche als auch private Ereignisse, für das “Objektive” und das “Subjektive”. Ein grundlegender Punkt der Phänomenologie wird als Intentionalität bezeichnet, das bezieht sich auf die Gegenseitigkeit in der Erfahrung von Subjekt und Objekt: Bei allen Phänomenen geht es sowohl um eine intendierende Handlung als auch um ein intendiertes Objekt. Traditioneller Weise betonen wir den Stellenwert des Objekt-Pols und vernachlässigen den Subjekt-Pol. Tatsächlich sind wir so weit gegangen, den Objekt-Pol ganz zu verwerfen, wenn ihm keine physische Einheit zugeordnet ist! Doch um nochmals Spiegelberg zu zitieren: “Even merely private phenomena are facts which we have no business to ignore. A science which refuses to take account of them as such is guilty of suppressing evidence and will end with a truncated universe.”*
(“Auch die bloß privaten Phänomene sind Fakten, die es nicht zu ignorieren gilt. Eine Wissenschaft, die ihnen keinen Wert an sich beimisst, macht sich der Unterdrückung von Beweisen schuldig und wird letztlich in einem verkrüppelten Universum enden.”)
Andererseits müssen wir davor auf der Hut sein, keine Dinge in unsere Beschreibungen einfließen zu lassen, die nicht dorthin gehören. Das ist die Funktion des Ausklammerns (bracketing):
Wir müssen jegliche Voreingenommenheiten beiseite lassen, die wir bezüglich des Phänomens haben könnten. Wenn man Vorurteile gegen eine Person hat, wird man finden, was man erwartet, statt zu finden, was wirklich da ist. Ebensolches gilt für die Phänomene allgemein: Man muss sich ihnen ohne Theorien, Hypothesen, metaphysische Annahmen, religiöse Glaubenshaltungen oder gar den Annahmen des gesunden Menschenverstandes nähern. Letztlich bedeutet das Ausklammern, sich jeglichen Urteils über die “wahre Natur” oder die “endgültige Wirklichkeit” der Erfahrung zu enthalten sogar ganz gleich ob sie existiert oder nicht!
Obwohl die Beschreibung einzelner Phänomene an sich schon interessant ist und wenn es sich um Personen oder Kulturen handelt, ist eine solche Beschreibung bereits ein massiv arbeitsintensives Projekt gelangen wir gewöhnlich zu einem Punkt, an dem wir Aussagen über die Klasse treffen wollen, zu der dieses Phänomen gehört. In der Phänomenologie sprechen wir davon, dass wir die Essenz oder Struktur eines Dings suchen. Deshalb würden wir etwa die Essenz des Dreieckigen oder die Essenz von Pizza untersuchen, oder die Essenz der Wut oder der Männlichkeit oder der Weiblichkeit. Wie es die phänomenologischen Existentialisten versucht haben, würden wir sogar die Essenz des Menschseins untersuchen wollen!
Husserl stellte eine Methode namens freie imaginative Variation (free imaginative variation) vor: Wenn man das Gefühl hat, eine Beschreibung essentieller Merkmale einer Kategorie von Phänomenen erarbeitet zu haben, soll man sich fragen “Was kann ich abändern oder auslassen, ohne das Phänomen zu verlieren? Wenn ich das Dreieck blau anmale oder es aus brasilianischem Rosenholz zusammenbaue, habe ich dann immer noch ein Dreieck? Wenn ich einen Winkel weglasse oder die Seiten krumm statt gerade mache, habe ich immer noch ein Dreieck?” Das scheint trivial und einfach, doch nun probieren wir es am “Menschsein” aus: “Ist ein Leichnam menschlich? Ein körperloser Geist? Eine Person im andauernden Koma? Ein Schweinswal mit Intelligenz und Persönlichkeit? Eine gerade erst befruchtete Eizelle? Ein sechs Monate alter Fötus?”
In der Phänomenologie erhält die Welt etwas von ihrer Solidität zurück, dem Geist wird wieder eine eigene Wirklichkeit zugestanden, und ein eher paranoider Skeptizismus wird durch eine großzügigere und letztlich befriedigendere Neugierde ersetzt. Indem man zu den “Dingen an sich” zurückkehrt, wie Husserl (1965, 1970) sich ausdrückte, oder um es in einen anderen Begriff von Husserl zu fassen, zur Lebenswelt, haben wir bessere Aussichten, ein wirkliches Verständnis unserer menschlichen Existenz zu entwickeln.
Quelle: Spiegelberg, Herbert (1965): The Phenomenological Movement. The Hague: Martinus Nijhoff.
Zitation
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