«Sie sind mir vorgekommen, wie die Billardkugeln, die auf der grünen Decke durcheinander laufen, ohne von einander zu wissen, und die, sobald sie sich berühren, desto weiter auseinander fahren.»
Goethe an Eckermann, 1827
Angst
d.wieser, 29. August 07
lateinisch angustus – eng, beengend
Angst wird gemeinhin als eine Reaktion auf (erwartete oder tatsächliche) Bedrohung oder Gefahr verstanden, die zumeist durch erlernte Reize ausgelöst wird. Angstreaktionen können sich vom ursprünglichen Reiz auf allgemeinere Reizmuster ausdehnen oder sich quasi verselbständigen.
Angst bezeichnet auch ein Lebensgefühl, das durch geringe kognitive Steuerungsmöglichkeiten gekennzeichnet ist. Angst wird dann als pathologisch betrachtet, wenn die Reaktionen so intensiv sind, dass sie das alltägliche Leben maßgeblich behindern.
Man unterscheidet normale (objektive) Angst, die sich auf tatsächliche Ursachen bezieht und Möglichkeiten der Anpassung bietet, von neurotischer Angst – damit ist eine unangemessen intensive Angst gemeint, die zum Gefahrenpotential des Auslösers in keinem (objektiv) nachvollziehbaren Verhältnis steht.
Angststörungen sind meist an physischen Symptomen zu erkennen (Herzrasen, Zittern, Schwindelgefühl, hohe innere Anspannung), welche in unterschiedlichster Intensität auftreten und von einer Vielzahl von Objekten bzw. Situationen ausgelöst werden können. Phobien oder Zwangsstörungen entstehen als Reaktion auf bestimmte angstauslösende Situationen oder Objekte. Auch die Behandlungsformen sind zahlreich – psychiatrisch-medizinische Behandlungen werden in dieser Darstellung ausgespart – an dieser Stelle nur eine knappe Orientierung in Richtung Therapie:
In Verhaltenstherapien sollen unerwünschte Verhaltens- und Reaktionsweisen kontrolliert und geändert werden. Patienten lernen mit schwierigen Situationen umzugehen (zum Beispiel indem sie sich unter kontrollierten Bedingungen diesen Situationen aussetzen).
In kognitiven Therapien liegt das Augenmerk auf unproduktiven Denkmustern, die identifiziert und geändert werden können. Patienten lernen, ihre Gefühle zu überprüfen, rationale und irrationale Gedanken zu unterscheiden und sich auf vernünftige Reaktionen einzustellen.
Psychotherapien konzentrieren sich darauf, dass das Mitteilen und Darstellen der eigenen Ängste die Symptome beträchtlich lindern kann.
Die Differenzierung von Furcht und Angst geht auf die Arbeiten des dänischen Religionsphilosophen Kierkegaard zurück. In einem Werk mit dem Titel Der Begriff Angst von 1844 definierte er Furcht als Reaktion auf einen eindeutigen Reiz und Angst als Reaktion auf mehrdeutige oder unklare Reize:
«Man findet den Begriff Angst kaum jemals in der Psychologie behandelt, ich muss deshalb darauf aufmerksam machen, dass er gänzlich verschieden ist von Furcht und ähnlichen Begriffen, die sich auf etwas Bestimmtes beziehen, während Angst die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit ist. Daher wird man beim Tier, eben weil es in seiner Natürlichkeit nicht als Geist bestimmt ist, keine Angst finden.» (Søren Kierkegaard: Der Begriff Angst, Stuttgart: Reclam, 1992, S. 50)
Die Angst ist seither ein Hauptthema existentialistischer Wissenschaftler geblieben, vgl. die Angstdefinition von Rollo May: «the apprehension cued off by a threat to some value which the individual holds essential to his existence as a self» (in: The Meaning of Anxiety, 1967, S. 72).
In der Psychologie gibt es abseits der Grunddefinition eine bemerkenswerte Fülle detaillierter Definitionen verschiedenster Formen der Angst, auch die Angsttheorien sind schier unüberschaubar. Deshalb eine stark vereinfachende Übersicht:
Angsttheorien befassen sich unter anderem mit der Entstehung von Angst(erkrankungen), man nennt hier zumeist drei grobe Bereiche:
- Nach psychoanalytischer Theorie ist die Angst Resultat eines inneren Konfliktes.
- Behavioristische Theorien betrachten Angst als erlernte Reaktion auf bestimmte Reize.
- Kognitivistische Theorien sehen als Ursprung der Angst eine bestimmte kognitive Bewertung einer Situation bzw. eines Objektes.

Nach Freuds Theorie entspricht die Furcht der so genannten “Realangst”, Angst wird in der Psychoanalyse als neurotische Angst oder Erwartungsangst bezeichnet, welche zu diagnostischen Zwecken weiter unterschieden wird in frei flottierende dauerhafte Angst, Phobien und Panikerkrankungen.
Im Denkschema des psychoanalytischen Instanzenmodells betrachtet entsteht Angst, wenn unvereinbare Ansprüche von Es, Über-Ich und Umwelt im Ich einen Konflikt auslösen. Zumeist geht es um unterdrückte (Sexual-)Impulse, deren Energie (Libido) nicht entladen werden kann und infolge dessen zu Verdrängung und Umwandlung in Angst führt – so die stark vereinfachte Entstehung einer Angstneurose.
Freud hat in Hemmung, Symptom und Angst 1926 eine weitere Theorie entworfen, die die zuvor beschriebene umkehrt: Angst ist hier die Voraussetzung der Verdrängung, denn ein ungelöster Konflikt des Ich mit dem Es resultiert in Es-Angst, ein Konflikt mit dem Über-Ich in Über-Ich-Angst und entsprechend ein Konflikt des Ich mit der Umwelt in Realangst.
Für den Bereich des Behaviorismus steht exemplarisch die Theorie von Miller und Dollard, 1950, der gemäß Angst eine erlernte Reaktion auf einen Reiz darstellt. Dieser auslösende Reiz kann verallgemeinert sein und sich auf nahezu beliebige Objekte ausdehnen (die Behavioristen sprechen von Reiz-Substitution).
O. Hobart Mowrer hat die so genannte Two-Factor Theorie entwickelt, die nach Pawlows Lehre der Konditionierung funktioniert: Furcht entsteht gemäß dieser Theorie durch Konditionierung, wenn die Erfahrung mit einem neutralen Objekt (auch: eine neutrale Situation) mit etwas Schmerzhaftem wie etwa Strafe verbunden ist. Im Sinne operanter Konditionierung wird Unangenehmes vermieden, so reduziert auch phobisches Vermeidungsverhalten die Angst und wirkt somit als Belohnung. Dieser Theorieansatz trifft offensichtlich nicht auf Ängste zu, die sich auf nicht-schmerzhafte Objekte beziehen und weniger noch, wenn es sich um Objekte handelt, mit denen das Individuum noch nie Erfahrungen gesammelt hat. Dazu gibt es eine Erweiterung der Theorie: Der Mensch kann Ängste von anderen Menschen übernehmen – etwa wenn man jemanden beobachtet, der sich einem Objekt bzw. einer Situation gegenüber ängstlich verhält oder wenn jemand uns mitteilt, dass ein Objekt bzw. eine Situation gefährlich ist.
Kognitionstheorien gehen von verschiedenen Prämissen aus, wenn sie Angst vor dem Hintergrund kognitiver Denkmuster betrachten. Manche gehen davon aus, dass Emotion Voraussetzung für Kognition ist und diese wiederum Auslöser der Angst ist. Andere gehen davon aus, dass Kognition die Bedingung für Emotion ist, dann ist Emotion Auslöser der Angst. Wieder andere gehen davon aus, dass Kognition und Emotion als Auslöser für Angst zusammenwirken.
Eine Therapietechnik sei an dieser Stelle erwähnt, die von Viktor E. Frankl im Rahmen der Logotherapie entwickelt wurde. Nach dem Prinzip der paradoxen Intention lassen sich Phobien und Zwangserkrankungen behandeln, indem Patienten sich mit ihren antizipatorischen (erwartenden) Ängsten auseinander setzen. Denn nach Frankls Überzeugung ängstigt nicht eigentlich das Objekt an sich, sondern die Angst vor der Angst und ihren Folgen (Ohnmacht, Herzinfarkt) wirkt als eigentlich belastendes Moment auf die Patienten. Sie werden ermuntert, gerade das zu tun oder geschehen zu lassen, was sie am meisten ängstigt.
Onsite
- [ ebooks ] Persönlichkeitstheorien » Viktor Emil Frankl.
Autor: C. George Boeree PHD; dt.: d.wieser
- [ notizen ] Frankl: Über Angst und Zwangsneurose, in: Rundfunkvorträge
- [ notizen ] Frankl: Die Angst des Menschen vor sich selbst, in: Rundfunkvorträge
- [ ebooks ] Persönlichkeitstheorien » Rollo May.
Autor: C. George Boeree PHD; dt.: d.wieser
- [ notizen ] Hall, Natalie R. & Crisp, Richard J.: Angstinduzierte Reaktionsbeständigkeit und Stereotypänderung; Quelle: Anxiety-Induced Response Perseverance and Stereotyping Change, in: Current Research in Social Psychology
Offsite
- Überzeugende, seriöse Informationen zu Angsterkrankungen bietet die Site AngstAuskunft des ärztlichen Psychotherapeuten Dr. Dr. Herbert Mück. (Host: angst-auskunft.de) HTML
- Es gibt eine grandios kontextualisierende Vorlesung von Prof. Dr. Heiner Keupp zum Thema Die Angst; Freuds Massenpsychologie vom 15.12.2005 im Rahmen der Vorlesungsreihe Grundlagen der Sozialpsychologie – Reflexive Sozialpsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Inhalte lauten: Typologie der Angst | Gesellschaftliche Angst | Aktuelle Ängste | Gesellschaftliche Umbrüche | Gesellschaftliche Formen | Soziale Bewegungen | Freuds Massenpsychologie | Negative Affekte | Erklärung von Phänomenen. (Host: videoonline.edu.lmu.de) Quicktime-Video plus Vorlesungsmaterialien in pdf
- Knappe Infos zu diversen Angsterkrankungen bietet psychic.de von Diplom-Psychologin Dr. phil. Doris Wolf; die Site verfügt über ein lebendiges Selbsthilfe-Forum. (Host: psychic.de) HTML
Quellen
«Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie.» [ Erich Kästner ]
«Angst kann sowohl mit dem Gefühl der Ohnmacht wie mit dem Gefühl von Schuld, der Hilflosigkeit gegenüber einer inneren aggressiv-tyrannischen Instanz verbunden sein, die sich gegen das eigene Ich wendet. Ohne gegenseitige Projektionen und Schuldverschiebungen großen Ausmaßes, denen Männer häufiger unterliegen als Frauen, wären Kriege und Aufrüstungsmentalität in dem bestehenden Ausmaß kaum möglich. Mit der Fähigkeit, die eigenen seelischen Vorgänge wahrzunehmen, sie zu ertragen und zu verstehen, ohne Feindbilder aufbauen zu müssen, würde sich auch die Kriegsgefahr verringern.»
[ Margarete Mitscherlich: Erinnerungsarbeit. Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern. F.a.M.: Fischer, 1993, S. 91 ]
«Unmittelbare Sorgen und Ängste beherrschen das tägliche Leben der meisten Menschen weitaus mehr, als die drohende Gefahr einer totalen Zerstörung, die eher verdrängt wird. Ängste vor Arbeitslosigkeit, vor einer wirtschaftlichen Katastrophe, vor der Zerstörung der Umwelt, Sorgen um die Kinder und Jugendlichen, die keine Ausbildung bekommen, die drogenabhängig werden, sich Sekten zuwenden oder sich den Eltern entfremden, sind verständlich, da sie mit realen Gefahren und Erlebnissen verbunden sind. Dennoch mutet manchmal das Ausmaß dieser Ängste und Sorgen übertrieben an, wenn man es mit der Verleugnung der Gefahr vergleicht, die sich aus der Aufrüstung mit atomaren Waffen ergibt. Betrachtet man seine Mitmenschen genauer, so entdeckt man, dass mit Hilfe der einen Sorge und Angst häufig die andere verdrängt wird: Die täglichen Sorgen dienen dann als Abwehr der Angst vor zukünftiger unvorstellbarer Zerstörung. […] dass das Bewusstsein der einen Gefahr mit dem Vergessen und Verdrängender anderen verbunden sein kann, war in den letzten Jahren nicht selten Thema von psychologischen Diskussionen.»
[ Margarete Mitscherlich: Erinnerungsarbeit. Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern. F.a.M.: Fischer, 1993, S. 90 ]
«Angst ist die Abwesenheit von Vertrauen.» [ Paul Tillich ]
«Angst ist für das Überleben unverzichtbar.» [ Hannah Arendt ]
«Angst ist der Verlust des Selbstgefühls in Beziehung zur objektiven Welt.» [ Rollo May: Antwort auf die Angst S. 53 ]
Zitation
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16. Juni '07
Quellen & MaterialWer den Nerv hat, sich auf die digitale Pirsch zu begeben, findet erstaunlichste Quellen zum (sehr) weit gefassten Thema Sozialpsychologie im Internet. Hier nun meine Favoriten… » lesen ... |
04. Juli '07
NormIn der Sozialpsychologie betrachtet man Gruppennormen, soziale Normen, gesellschaftliche Normen und kulturelle Normen – keine Gruppe, Gesellschaft oder Kultur ließe sich beschreiben, ohne die jeweiligen Normsysteme zu berücksichtigen. » lesen ... |
04. Juni '07
Bettelheim: So können sie nicht lebenWas Bettelheim beschreibt, gibt einen Einblick in die ungeheure Einsatzbereitschaft und das grandiose Durchhaltevermögen der zahlreichen Betreuer, deren Interventionen nichts mit “Erziehung” gemein haben. Die Vorgehensweise erinnert an Winnicotts Konzept der guten (haltenden) Mutter, denn die vorrangige Aufgabe besteht darin, die Umgebung den situativen Bedürfnissen der Kinder anzupassen – nicht jedoch die Kinder dem Verhaltenskodex der Gesellschaft anzugleichen. » lesen ... |


