«Lassen wir der Sprache freien Lauf: der homo psychologicus ist ein Nachfahre des homo mente captus.
Da die Psychologie nur die Sprache der Alienation sprechen kann, ist sie also nur in der Kritik des Menschen möglich oder in der Kritik an sich selbst.»
Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft
Bystander Effekt
d.wieser, 31. August 07
Der Effekt, den die Gegenwart anderer auf die individuelle Wahrnehmung der eigenen Verantwortung sowie der eigenen Reaktion in Notfallsituationen hat, wurde erstmals in den 1960er Jahren in den USA untersucht.
Als Aufhänger der Bystander-Forschung gilt der tragische Fall Kitty Genovese — 1964 ereignete sich ein brutaler Mord, der von zahlreichen Nachbarn bezeugt und irrsinniger Weise nicht verhindert werden konnte, weil sich niemand so recht “zuständig” und verantwortlich fühlte. Dazu ein Auszug aus der New York Times vom 27.03.1964:
«For more than half an hour thirty-eight respectable, law-abiding citizens in Queens watched a killer stalk and stab a woman in three separate attacks in Kew Gardens. Twice the sound of their voices and the sudden glow of their bedroom lights interrupted him and frightened him off. Each time he returned,
sought her out and stabbed her again. Not one person telephoned the police during the assault; one witness called after the woman was dead.»
Mehr als eine halbe Stunde lang beobachteten 38 gesetzestreue Bürger in Kew Gardens, Queens, wie ein Mörder in drei Angriffen eine Frau erstach. Zwei mal wurde der Täter von den Stimmen der Anwohner und dem plötzlichen Aufleuchten ihrer Schlafzimmerbeleuchtung unterbrochen und vertrieben. Jedes Mal kehrte er zurück, suchte sein Opfer erneut auf und stach weiter auf die Frau ein. Keine einzige Person rief während des Übergriffs die Polizei; ein Zeuge verständigte die Polizei, nachdem das Opfer verstorben war.
1968 unternahmen John Darley und Bibb Latané einen sozialpsychologischen Erklärungsversuch unter folgenden Prämissen (Latané & Darley: The Unresponsive Bystander: Why Doesn’t He Help?, 1970):
Sozialpsychologen fragen nicht, inwiefern sich Menschen unterscheiden, sondern inwiefern sich alle Menschen ähneln – inwiefern also vermutlich jeder in der gegebenen Situation ähnlich reagieren würde. Außerdem ging es ihnen darum zu ergründen, welche Einflussfaktoren der Gruppe auf die einzelne Person einwirken. Denn ob und wie eine Situation als Notfall eingestuft wird, hängt beispielsweise auch davon ab, ob Menschen in unserer direkten Umgebung zu demselben Schluss kommen. Die Wissenschaftler erarbeiteten vor diesem Hintergrund folgende Hypothese:
Je mehr Zeugen (Bystander) bei einer Notfallsituation zugegen sind, desto unwahrscheinlicher oder langsamer erfolgt das Eingreifen Einzelner. Diese Aussage wurde von diversen Experimenten bestätigt, in welchen Gruppengröße und Reaktionszeit bei einem (fingierten) Notfall überprüft worden waren – die Anzahl der angenommenen weiteren Zeugen hat definitiv Auswirkungen auf die Reaktionszeit der Einzelperson bzw. darauf, ob eine Einzelperson überhaupt auf den Notfall reagiert. Je weniger weitere Zeugen (mutmaßlich) anwesend sind, desto schneller übernimmt eine Einzelperson die helfende Verantwortung für eine Notfallsituation.
Zeugen eines Notfalls bzw. einer Ausnahmesituation erleben einen Konflikt – einerseits drängen Normen der Mitmenschlichkeit und Verantwortung bzw. das individuelle Gewissen sie zum Eingreifen, andererseits lähmen rationale und irrationale Befürchtungen jegliche Aktivität (z.B. Sorge um die eigene Sicherheit oder das eigene Leben, Scham, Ratlosigkeit).
Andere Theorien gingen davon aus, dass Apathie oder Gleichgültigkeit zu mangelnder Hilfsbereitschaft in prekären Situationen beitragen, doch diese Erklärung reicht nicht aus.
Die beiden Wissenschaftler nahmen die besondere Situation in den Blick, in welcher Augenzeugen wissen, dass noch weitere Personen in der Nähe sind, und gelangten zu der Theorie, dass die Gegenwart weiterer Zeugen die einzelnen Personen davon abhalten, selbst einzuschreiten.
- (a) Wenn man sieht, dass niemand einschreitet, kann das dazu führen, dass man die Situation nicht (mehr) als Notfall einschätzt und folglich das eigene Intervenieren als überflüssig betrachtet. Kurz, kollektives Nicht-Handeln zieht Kreise.
- (b) Wenn man nicht sicher sein kann, ob andere bereits einschreiten, kann man zu der Überzeugung gelangen, dass längst jemand helfen eingegriffen hat – auch in diesem Fall wäre das eigene Handeln überflüssig. Darley und Latané bezeichnen diese innere Haltung als pluralististic ignorance.
- ( c) Wenn die Verantwortung, helfend einzuschreiten, sich gleichermaßen auf eine Vielzahl einzelner Personen verteilt, kann es ebenfalls dazu kommen, dass sich niemand persönlich gefordert sieht, sondern die Verantwortung anderen Zeugen zuschreibt. Dies bezeichnen die beiden Wissenschaftler als Diffusion der Verantwortung.
Die Untersuchungen von Darley und Latané konnten zeigen, dass (in experimentell nachempfundenen) Notfallsituation weniger die Persönlichkeitsmerkmale der Individuen, sondern vielmehr die Umgebungsgrößen der sozialen Situation innerhalb einer Gruppe von Zeugen ausschlaggebend für die Reaktion Einzelner ist.
Onsite
- [ ebooks ] Grundlagen der Sozialpsychologie » Konformität.
Autor: C. George Boeree PHD; dt.: d.wieser
Zitation
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PeriodikaVielleicht gibt es (noch) keine technisierbare “Qualitätskontrolle” für Internetquellen, es gibt allerdings verantwortungsvoll aufgezogene sog. E-Journale, welche die allerfeinsten Lektüresammlungen beinhalten. Meine Favoriten… » lesen ... |
06. Juni '07
GehorsamKonformität ist zwar ein verwandtes sozialpsychologisches Phänomen, unterscheidet sich indes von Gehorsam insofern, als der Einfluss bei konformem Verhalten von einer Gruppe von Individuen gleichen oder ähnlichen Status ausgeht. » lesen ... |
04. Juni '07
Bettelheim: So können sie nicht lebenWas Bettelheim beschreibt, gibt einen Einblick in die ungeheure Einsatzbereitschaft und das grandiose Durchhaltevermögen der zahlreichen Betreuer, deren Interventionen nichts mit “Erziehung” gemein haben. Die Vorgehensweise erinnert an Winnicotts Konzept der guten (haltenden) Mutter, denn die vorrangige Aufgabe besteht darin, die Umgebung den situativen Bedürfnissen der Kinder anzupassen – nicht jedoch die Kinder dem Verhaltenskodex der Gesellschaft anzugleichen. » lesen ... |


