«Wir müssen die Illusion aufgeben, dass Dinge konkret sein müssen, um wirklich zu sein, oder dass nur wahr ist, was quantifizierbar ist, wenn wir in der Erkenntnis des Menschen und seiner Probleme einen Fortschritt machen wollen.»
Rollo May: Antwort auf die Angst
Einstellung
d.wieser, 25. September 07
Man versteht unter Einstellung eine Prädisposition, auf ein bestimmtes Objekt (Person, Situation, Gegenstand) in bestimmter Weise zu reagieren. Die Bestandteile einer Einstellung sind (a) kognitiv, bezogen auf innere Haltungen, Annahmen oder Überzeugungen, (b) affektiv, bezogen auf Gefühle und emotionale Bewertungen, und ( c) verhaltensbezogen, gemeint sind also Verhaltensweisen, die man dem jeweiligen Objekt gegenüber zeigt bzw. die Erfahrungen, die man bislang mit dem Objekt gesammelt hat. Gordon Allport hat 1935 darauf verwiesen, dass Einstellung zu den unabdingbaren Konstrukten der Sozialpsychologie zähle [ Allport, G. W. (1935). Attitudes. In C. Murchison (Ed.), Handbook of social psychology ].
Dass das beobachtbare Verhalten mitunter nicht den tatsächlichen Einstellungen entspricht, hatte Leon Festinger in seiner Theorie der sozialen Dissonanz umfassend erhellt – wenn kognitive Dissonanz entstanden ist, verändern Individuen ihre Einstellungen, um sie ihren tatsächlichen Verhaltensweisen anzugleichen.
Einstellungen werden in sozialem Kontext erworben, etwa indem Kinder die Einstellungen der Eltern und Bezugspersonen im Sinne des Modeling nachahmen. Im Bereich der Produktwerbung werden Methoden des klassischen Konditionierens angewendet, um die Einstellung der Kunden zum Produkt zu lenken – hier geht es hauptsächlich um angenehme, positive Reize, die mit einem bestimmten Produkt möglichst dauerhaft assoziiert werden sollen. In der Pädagogik verwendet man operante Konditionierung, um etwa die Einstellung der Schüler zu gewissen Lehrinhalten durch Gabe von Belohnungen positiv zu beeinflussen. Bei all diesen Methoden erbringt möglichst häufige Konfrontation mit dem jeweiligen Objekt eine Stärkung der Einstellung. Als Kommunikationsform gilt Überzeugung als wichtigstes Mittel, die Einstellung anderer Menschen zu beeinflussen. In einer Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht lassen sich Menschen gemeinhin leichter überzeugen, als durch medial verbreitete Botschaften.
Einstellungen sind ihrer Natur gemäß subjektiv, stellen also nicht unbedingt ein objektives Abbild der wahrgenommenen Wirklichkeit dar. Sie sind vielmehr eng mit dem Bereich der Gedanken und Empfindungen des Individuums verbunden. Wissenschaftler sind der Frage nachgegangen, welche Aufgabe Einstellungen im Leben des Individuums erfüllen:
- Einschätzung von Objekten: Einstellungen fassen positive und negative Attribute der jeweiligen Objekte zusammen, beinhalten eine Auswertung, die wiederum das individuelle Handeln bestimmt. Somit vereinfachen Einstellungen die Interaktion des Individuums mit seiner Umwelt – sowohl stark positive als auch stark negativ ausgeprägte Einstellungen übernehmen diese Funktion.
- Soziale Anpassung: Einstellungen ermöglichen es Individuen, sich mit anderen Individuen zu identifizieren oder sich von ihnen zu distanzieren – je nachdem, ob man das betreffende Individuum “mag” oder nicht.
- Externalisierung (auch: Ich-Abwehr): Einstellungen verteidigen das individuelle Selbst gegen innere Konflikte.
Wenn man die Wechselbeziehungen zwischen Einstellungen und Werthaltungen betrachtet, wird klar, dass diese Wechselbeziehungen zum tieferen Verständnis wesentlich sind. Fritz Heider hat 1958 mit der Balancetheorie ein frühes Modell derartiger Bezüge entwickelt [ Heider, F. (1958). The psychology of interpersonal relations ].
Entstehung von Einstellungen
- Informationen über ein Objekt sind der wohl wichtigste Quell bei der Entstehung (ebenso wie der Änderung) einer Einstellung. Direkte ebenso wie indirekte Erfahrungen mit dem jeweiligen Objekt können dazu beitragen, dass eine Einstellung geformt bzw. geändert wird.
- Affekte im Bezug zu einem Objekt können ebenfalls an der Bildung einer Einstellung beteiligt sein – Empfindungen also, die durch die Auseinandersetzung mit dem Objekt hervorgerufen werden.
- Verhalten ist ein weiterer Quell der Bildung von Einstellungen; gemeint sind vorherige Erfahrungen eines Individuums mit dem Objekt. Hier spielt auch die Theorie der kognitiven Dissonanz eine Rolle, denn wenn sich ein Individuum bereits in positiver oder negativer Weise zu einem Objekt verhalten hat, besteht die Neigung, das Objekt in einer Weise zu bewerten, die der vorherigen Verhaltensweise entspricht (um Dissonanz zu mildern).
Insofern als Einstellungen den Menschen dazu dienen, Objekte zu identifizieren und sich eindeutig zu ihnen in Beziehung zu setzen, rückt mit der Informationsverarbeitung auch das Stichwort selektiver Aufmerksamkeit ins Bild. Wie Festinger 1957 dargestellt hatte, möchten Menschen glauben, ihre Entscheidungen und Einstellungen seien richtig. Nachdem eine Einstellung ausgeformt worden ist, zeigen Individuen die Neigung, Informationen hervorzuheben, die diese Einstellung stützen, während Informationen, die sich gegen diese Einstellung richten, vermieden oder ausgeblendet werden [ Festinger, L. (1957). A theory of cognitive dissonance ].
Einstellungen wirken sich darauf aus, wie Menschen Situationen interpretieren und ihre Umgebung wahrnehmen – und zwar so, dass die Dinge mit ihren Einstellungen in Einklang sind:
Dimensionen
- Extremität bezieht sich auf den Grad der Abweichung einer Einstellung vom Mittel. Man konnte belegen, dass extreme Einstellungen widerstandsfähiger gegen Veränderung sind, eher auf andere Individuen projiziert werden, und zudem sind extreme Einstellungen verlässlichere Mittel zur Voraussage menschlichen Verhaltens.
- Direkte oder indirekte Ausformung – dies bezieht sich auf die Tatsache, dass Menschen auch Objekten gegenüber eine Einstellung entwickeln können, mit welchen sie selbst nie direkte Erfahrungen hatten. Aus direkter Erfahrung hervor gegangene Einstellungen werden nach wissenschaftlichen Erkenntnissen mit mehr Sicherheit verteidigt, sind über Zeiträume hinweg stabiler, werden nicht so leicht verändert und sind verlässliche Mittel zur Voraussage menschlichen Verhaltens.
- Aktivierbarkeit bezieht sich auf die Erkenntnis, dass häufig genutzte Einstellungen sich wesentlich leichter abrufen lassen. Auch hier zeigen leicht aktivierbare Einstellungen größere Stabilität, größeren Widerstand gegen Veränderung und gute Grundlagen zur Voraussage menschlichen Verhaltens.
- Einbettung bezieht sich darauf, dass Einstellungen mit anderen Einstellungen, Glaubenshaltungen und Wertvorstellungen verknüpft sein können. Je mehr Informationen ein Individuum geistig mit der aktivierten Einstellung in Verbindung bringt, desto umfangreicher sind die Querverbindungen.
Bei der Einstellungsforschung geht es darum, wie Menschen Objekte oder Verhaltensweisen bewerten; darin besteht eine konzeptuelle Verwandtschaft zu Werten (abstrakte Ideale), doch Einstellungen beziehen sich nicht notwendig auf Prinzipien der Lebensführung, sondern sind als allgemeineres Konzept zu betrachten: Einstellungen und Wertvorstellungen weisen gewisse offenkundige Ähnlichkeiten auf – das Unterscheidungskriterium liegt darin, dass die Wertvorstellungen eines Menschen wesentlich mehr “Gewicht” haben als seine Einstellungen: Eine Einstellung ist kein übergeordnetes Prinzip im Leben des Individuums und richtet sich nicht auf Objekte, die eine vorherrschende Stellung einnehmen. Die Querverbindungen zwischen Einstellung und Wertvorstellung sind allerdings so eng geknüpft, dass beide Bereiche womöglich nahtlos in einander über gehen können.
Das Messen und Auswerten menschlicher Einstellungen bildet eine in zahlreiche Fachgebiete hinein ragende Wissenschaftsdisziplin innerhalb der (Sozial-) Psychologie; dabei orientieren sich Wissenschaftler an erprobten Modellen zur Erfassung jener subjektiv-affektiven Art des Menschen, sein Verhalten von seinen Einstellungen leiten zu lassen. Nach dem Drei-Komponenten-Modell setzt sich die Einstellung einem bestimmten Objekt gegenüber aus einer affektiven, einer kognitiven und einer verhaltensbezogenen Komponente zusammen. Eine positive Einstellung kommt demnach zustande, wenn ein Individuum dem jeweiligen Objekt gegenüber positive Empfindungen, Gedanken und Verhaltensweisen erlangt hat – bzw. im negativen Sinne formt sich im Zusammenspiel dieser drei Komponenten eine negative Einstellung aus. Indem man eine Bewertungsskala vorgibt, lässt sich die Ausprägung einer Einstellung erfragen, wenn Individuen gebeten werden, Komponenten ihrer Einstellung dem jeweiligen Objekt gegenüber in positiv-negativ-Dimensionen zu skalieren. Da es sich bei diesem Messverfahren um Selbstauskünfte der Befragten handelt, ist zu erwarten, dass Menschen in erwünschter Weise antworten und sich unter Umständen außerstande sehen, ihre eigentliche Einstellung anzugeben. Zudem können derartige Messverfahren nur Einstellungen abfragen, die explizit dem Bewusstsein zugänglich sind, es sei denn, es werden Erweiterungen der Skalierung angewandt, die auch auf die schwierig zu erreichenden impliziten Einstellungen eingehen.
Addendum: Warum entwickeln so viele Menschen ähnliche und gemeinsame Ansichten?
Ein Aufsatz von Caroline Howarth [ How Social Representations of Attitudes Have Informed Attitude Theories. The Consensual and the Reified in: Theory & Psychology, 2006 ] differenziert zwischen Einstellungen als psychologischem Konstrukt im akademischen Sinne und der Begriffsbedeutung im alltäglichen Gesprächskontext. Im alltäglichen Verständnis meint Einstellung etwas wie Meinung oder Meinungen, Sozialpsychologen verstehen Einstellung als eine Eigenart des Individuums; nun kommt die Autorin zu der Einsicht, dass die wesentlich soziale Komponente des Phänomens zu wenig Beachtung findet. Um diesen Mangel zu verdeutlichen kontrastiert sie Moscovicis Theorie sozialer Repräsentation mit der gängigen Einstellungstheorie.
Während die Einstellungsforschung sich vornehmlich auf das Einzelwesen konzentriert, kann sie schwerlich erklären, wie Menschen Einstellungen (mit-) teilen, wie Einstellungen zusammen hängen, welche Beziehung zwischen Einstellung und Identitäten besteht oder wie bestimmte Einstellungen soziale Beziehungen in einer Gesellschaft verteidigen, entwickeln oder herausfordern.
Die Theorie sozialer Repräsentation hingegen stellt eine dynamische Beziehung zwischen sozialem Wissen, gemeinsamen Identitäten und gesellschaftlichen Praktiken her. Demzufolge konstruieren Individuen miteinander intersubjektiv vereinbarte Wirklichkeiten, die ihre Umgebung ausmachen. Moscovicis Theorie greift somit weiter als die bestehenden Theorien zur Erforschung von Einstellungen, da sie das zugrunde liegende soziale Element ins Blickfeld bringt. Es ist das Ziel sozialer Repräsentationen als interindividueller Dynamik, eine miteinander ausgehandelte (und weiterhin verhandelbare) Ordnung zu erwirken, Objekte, Personen und Ereignisse zu konventionalisieren sowie in den kollektiven menschlichen Geschichten zu lokalisieren. Soziale Repräsentationen können also nicht vom isolierten Individuum ausgeformt werden, sondern nur in Interaktion, Dialog und Auseinandersetzung mit anderen – und hierin kommt zum Tragen, dass soziale Repräsentationen in Traditionen und Ideologien verankert sind. Sie ermöglichen Kommunikation unter Mitgliedern einer Gemeinschaft, indem ihnen ein Code zur eindeutigen Bezeichnung und Klassifikation der verschiedenen Aspekte ihrer Welt sowie ihrer Individual- und Gruppenvergangenheit zur Verfügung gestellt wird.
Die Einstellungsforschung beginnt beim Individuum – hat also ihren Ursprung im Bereich der psychologischen Sozialpsychologie. Die Theorie der sozialen Repräsentation beginnt beim sozialen Wissen und hat somit ihren Ursprung im Bereich der soziologischen Sozialpsychologie. Beide Perspektiven sind so unterschiedlich, dass eine Konvergenz kaum denkbar erscheint.
Moscovici hatte darauf verwiesen, dass es nicht ausreiche, den Inhalt einer Einstellung zu betrachten, man müsse vielmehr die breitere Struktur, die diesen Inhalt integriert, ebenso in Betracht ziehen.
Onsite
- [ notizen ] Sherif, Cantril: Psychologie der “Einstellungen”. Quellen: Muzafer Sherif, Hadley Cantril: The Psychology of “Attitudes”: Part I, in: Psychological Review, 1945, 52 (Host: brocku.ca) HTML und Muzafer Sherif, Hadley Cantril: The Psychology of “Attitudes”: Part II, in: Psychological Review, 1946, 53 (Host: brocku.ca) HTML.
- [ notizen ] Jelenec: Implizite Einstellungen gegenüber älteren Frauen und Männern. Quelle: Implicit Attitutes Toward Elderly Women and Men, in: Current Research in Social Psychology Vol. 7 No. 16 | 2002 (Host: uiowa.edu) HTML
- [ konzepte ] Balancetheorie nach Fritz Heider
Zitation
|
02. Dezember '07
Braincasts: Gehirn und GeistPodcasts der Zeitschrift Gehirn&Geist zu Themen aus Neurowissenschaft, Philosophie und Psychologie liegen zum Anhören sowie zum freien Download bereit. » lesen ... |
05. Juni '07
SelbstkontrolleSelbstkontrolle meint die zielgerichtete bewusste Unterdrückung unerwünschter Reaktionen. Zur Selbstkontrolle zählt als spezifischeres Konzept die Selbstdisziplin, welche auf erwünschte Ziele hin ausgerichtet ist, die im Zusammenhang mit der Selbstvervollkommnung stehen. » lesen ... |
19. Oktober '07
Bradbury, Mary: Repräsentationen des TodesEs gibt wohl keine vollkommen erfolgreiche Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Todes und der Sterblichkeit; wie Mary Bradbury im Vorwort feststellt, bleibt es ein beunruhigendes Thema. Und die Auseinandersetzung kann durchaus die Intensität des Lebens vertiefen.
» lesen ... |


