«Verdammt, hier geht mir die ganze Argumentation auseinander. Egal, Hauptsache, ich bringe es irgendwie hinter mich. Aber was? Was will ich hinter mich bringen? Der ganze Ärger kommt nur von Präpositionen und überhaupt, man kann eigentlich niemandem irgend etwas erklären, was dieser nicht auch von selbst begreift.»
Gaddis: Das mechanische Klavier
Ethnozentrismus
d.wieser, 28. Januar 08
Die heute gebräuchliche Verwendung des Begriffs Ethnozentrismus ist von uneinheitlicher Gewichtung geprägt, häufig trifft man eine durchweg negative Konnotation an, die Ethnozentrismus im selben Atemzug mit Rassismus nennt und als innere Haltung ansieht, welche man unbedingt ablegen sollte. In anderen Werken wird hingegen betont, Ethnozentrismus sei ein originär menschliches Phänomen, das notwendig aus Prozessen der Enkulturation und Sozialisation hervor geht – als Prozess also grundsätzlich weder negativ noch positiv zu bewerten ist, wohingegen individuelle Anwendungsformen wiederum durchaus negativ oder positiv zu bewerten wären.
Mir erscheint wesentlich, dass Rassismus nicht mit Ethnozentrismus gleich zu setzen ist, wenngleich beide in Verbindung zueinander stehen können. Eine mitunter durch Popularisierung voran getriebene Aufweichung präziser Begriffsprägungen erscheint nicht sonderlich hilfreich, wenn man sich wissenschaftlich mit kulturellen Einflüssen auf Intergruppendynamik beschäftigen soll.
Prinzipiell ist Ethnozentrismus eine Kategorie zur Bezeichnung von Beziehungen zwischen Gruppen und meint die Neigung, Menschen anderer Gruppenzugehörigkeit / anderer Gesellschaften vor dem Hintergrund der Normen unserer je eigenen Gruppe und Kultur zu beurteilen. Es ist somit noch ein wenig mehr, als nur die Welt durch die unausweichlichen Filter der eigenen Kultur zu betrachten – Ethnozentrismus bedeutet, dass man Personen aus Fremdgruppen nach den Prämissen eigener Standards wahrnimmt und beurteilt. Dahinter verbirgt sich ein Mangel an (kultureller) Wahrnehmungsfähigkeit für Vielfalt und Varianz, oft schärfer definiert als Unvermögen, die Hintergründe fremder Kulturen und Gesellschaften in die Betrachtung ethnisch fremder Personen einzubeziehen. Es gibt im Übrigen eine Definition, nach der Ethnozentrismus als konzeptueller Rahmen verstanden wird, der auf der Wahrnehmung basiert, die eigene kulturelle / ethnische Gruppe sei anderen Gruppen überlegen – hier also eine Beurteilung mit eindeutiger Wertung.
Hilfreicher ist meines Erachtens eine Definition, die das unvermeidliche Vorherrschen kulturell geprägter Wahrnehmungsfilter als natürliches Resultat von Sozialisation und Enkulturation anerkennt – und zwar zunächst ohne Wertung des Wahrnehmungsprozesses an sich.
Innerhalb einer bestimmten kulturell beeinflussten Gesellschaft aufgewachsene Menschen haben sehr spezifische Muster erlernt, die das eigene Verhalten regulieren und ebenso die Art festlegen, wie man Verhaltensweisen anderer Menschen wahrnimmt und deutet bzw. bewertet. Für das Miteinander der Individuen bedeutet dies andererseits, dass man dem Verhalten anderer gegenüber – vornehmlich oder berechtigterer Weise den Mitglieder der Eigengruppe – eine sehr spezifische Erwartungshaltung zeigt. Eine Beurteilung wiederum ist eng an emotionale Reaktionen geknüpft, so beispielsweise an Akzeptanz und Entgegenkommen ebenso wie an Empörung und Feindseligkeit; bei der Beurteilung des Verhaltens anderer geht es also um die Kategorien richtig/falsch, gut/schlecht. Derartige kulturelle Prägungen erlernen und internalisieren Menschen im Laufe der Sozialisation und Enkulturation, so dass sie etwa ab der Phase der Adoleszenz automatisch, ohne nachzudenken, darauf zurück greifen können – mit der interessanten Beigabe, dass solche Wahrnehmungsmuster kaum mehr hinterfragt oder verifiziert werden müssen.
Die gesellschaftlich bzw. kulturell relevante Funktion dieser Filter besteht augenfällig darin, Verhalten, Einstellungen, Normen, Werte, Grundhaltungen etc. der Gruppenmitglieder in sozial erwünschte Bahnen zu kanalisieren. Zudem besteht eine deutliche Bindung solcher Regeln an Gefühle und Beurteilungen im Individuum — bis hin zu Fragen von Moral und Persönlichkeit.
Der Begriff Ethnozentrismus (engl.: ethnocentrism) geht auf Arbeiten des Soziologen William Graham Sumner zurück, der darüber hinaus in Folkways (1906) die heute gebräuchlichen Begriffe von «in-group» und «out-group» prägte. Nach seiner Einschätzung, die heute noch Bezugspunkt der Sozialwissenschaften ist, generieren Dynamiken zwischen Eigen- und Fremdgruppe sowohl Solidarität und Gruppenzusammenhalt nach innen als auch Feindseligkeiten und Negativbeurteilungen nach außen. Der Autor gilt übrigens als eine der Schlüsselfiguren des amerikanischen Sozialdarwinismus; seine Definition lautet im Originaltext schlicht:
«Ethnocentrism is the technical name for this view of things in which one’s own group is the center of everything, and all others are scaled and rated with reference to it.» [ Sumner: Folkways, 1906 ]
Für den Prozess des Ethnozentrismus spielen unter anderem positive bzw. negative Stereotype eine Rolle, so werden Fremde oder Außenseiter nicht selten als biologisch, intellektuell oder moralisch unterlegen eingeschätzt. Solche Grundhaltungen stärken die Solidarität der Eigengruppe bzw. die positive Gruppenidentität des Individuums, wirken sich also stabilisierend auf Kulturen, Gesellschaften oder Gruppen aus.
Historisch betrachtet ist Ethnozentrismus im Allgemeinen eng an gesellschaftliche Machtverteilung gekoppelt: Eine dominante Gruppe kann anderen Gruppen(mitgliedern) mittels ethnozentristisch gefärbter Ideologie den Zugang zu Ressourcen, gesellschaftlichen Privilegien und allgemeinen Chancen systematisch erschweren oder ihnen diverse Partizipationsmöglichkeiten gänzlich absprechen. Als Kontext besteht in solchen Fällen oftmals ein Konflikt über begrenzte Ressourcen wie beispielsweise Trinkwasser, Lebensraum, Arbeitsplätze, ökonomische oder politische Machtpositionen, welcher sich mithilfe ethnozentristischer Ideologie zugunsten der dominanten Gruppe beeinflussen lässt. Hierbei spielen so genannte ethnische Marker eine wesentliche Rolle, gemeint sind zum Beispiel gemeinschaftliche Rituale, Feiertage, Sprache, Religion oder Kleidung, die eine Gruppe ethnisch kennzeichnen. In multikulturellen Gesellschaften kann umgekehrt die Assimilation von Fremdgruppen also beispielsweise dadurch erzwungen werden, dass die dominante Gruppe deren ethnische Marker hemmt oder vielleicht sogar kriminalisiert.
Während der Kolonialzeit taten sich Europäer bekanntermaßen dadurch hervor, dass sie quasi den Wert der kolonialisierten Kulturen und Gesellschaften, eingeschlossen ihrer Bewohner, mit dem Maßstab europäischer Standards ermittelten – zum Beispiel bezogen auf Intelligenz, Fortschrittlichkeit, moralische und religiöse Aspekte. Dabei war, überspitzt formuliert, zu Beginn längst geklärt, dass Nicht-Europäer als Wilde zu sehen waren, als unvollkommene und unterwerfungswillige Geschöpfe, die den Standards der europäischen Zivilisation nicht eigentlich entsprechen würden, selbst wenn sie die erforderliche Bildung erhielten.
Nachdem Darwins Theorie populär geworden und in die Theorie des Sozialdarwinismus übertragen worden war, unternahmen Europäer fragwürdige Erhebungen etwa zur Intelligenzmessung der Ureinwohner fremder Kulturen, um das Maß der eigenen Überlegenheit quasi-wissenschaftlich zu dokumentieren. Nach damaligen Theorien waren übrigens europäische Männer ihren europäischen Frauen überlegen, und beide übertrafen Einwohner diverser kolonialisierter Völker natürlich um Längen. Daran wird deutlich, dass es nicht so sehr um die Erkundung fremder Kulturen gegangen sein mag, als vielmehr darum, im Vergleich eine Beurteilung zu erreichen, in welcher die Eigengruppe – die Europäer – anderen Kulturen definitiv und uneinholbar überlegen sein muss. Es ist ersichtlich, dass so gelagerte ethnozentrische Einstellungen dazu verwendet werden konnten, fremde Völker zu versklaven oder ihnen mindestens Zugang zu wichtigen Ressourcen zu verweigern, während (internationaler) Status und Machtposition der eigenen Kultur immens gestärkt werden konnten.
Ethnozentrismus setzt nicht notwendig eine alltägliche Berührungsfläche zwischen Gruppen voraus: Forschungen konnten einerseits belegen, dass direkter Kontakt zu ethnisch fremden Gruppen negative Emotionen in der Eigengruppe senkt; andererseits konnte nachgewiesen werden, dass direkter Kontakt negative Emotionen erst hervor bringt – die spezifischen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Intergruppendynamik sind ausschlaggebendes Moment.
In der modernen Welt dehnen sich multikulturelle Gesellschaften im Anschluss an postkoloniale Strukturänderungen und diverse Globalisierungsdynamiken aus. Damit einhergehend nimmt (hoffentlich) das allgemeine Bewusstsein zu, dass die ethnische Identität einen Wert darstellt, den es zu achten gilt. Um unflexiblem Ethnozentrismus entgegen zu wirken, gilt es als überaus ratsam, den geistigen Umgang mit Komplexität einzuüben; das heißt dem eigenen kulturellen Filter neue Filter hinzuzufügen, so dass man im Sinne eines flexiblen Ethnozentrismus in die Lage versetzt ist, verschiedene Perspektiven zu erkennen und achten zu lernen.
In diesem Zusammenhang sei noch angemerkt, Ethnopluralismus ist durchaus nicht als heilsames Gegenstück zu Ethnozentrismus zu verstehen – eine dezidierte Darstellung finden Sie in Karin Priesters Buch Rassismus. Eine Sozialgeschichte. Leipzig: Reclam, 2003.
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- [ konzepte ] Exotismus und Xenophobie
- [ konzepte ] Vorurteil
- [ konzepte ] Stereotyp
Zitation
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29. November '07
Vorlesung zur Kommunikations- und MedienpsychologieEin recht aktueller Fund im Netz ist die Vorlesungsreihe Kommunikationspsychologie 2-4, die Professor Frindte im November 2007 an der Universität Jena präsentiert. » lesen ... |
29. Januar '08
Exotismus und XenophobieBeiden Konzepten ist gemeinsam, dass sie zunächst einmal auf (unbewusst wirksame) Bilder des Fremden zurück zu führen sind, die auf individualpsychologischer, sozialpsychologischer und kultureller Ebene als Vermeidungshaltungen Bedeutung erlangen. Für die Interaktionen zwischen Gruppen spielen Exotismus und Xenophobie als kulturell verankerte Bilder der Fremdgruppe und tief verwurzelte Bewusstseinsphänomene eine Rolle.
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05. Juni '07
Jelenec: Implizite Einstellungen gegenüber älteren Frauen und MännernStatt die älteren Menschen als Gesamtgruppe zu untersuchen, spaltet man die Zielgruppe in Untergruppen auf, die womöglich zu verschiedenen Attributionen von positiv-negativ führen können: so lässt sich herausfiltern, ob es innerhalb der Zielgruppe “ältere Menschen” Differenzierungen in Subkategorien gibt, welche zu positiveren oder negativeren Bewertungen gelangt, als die Zielgruppe insgesamt. Zudem lässt sich eine geschlechtsspezifische Differenzierung vornehmen, indem man zwischen älteren Frauen und älteren Männern unterscheidet. » lesen ... |


