«Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an interessant zu werden, wo sie aufhört.»
Justus Liebig
Exotismus und Xenophobie
d.wieser, 29. Januar 08
«Von den Fremdenbildern einer Gesellschaft kann man auf ihre Veränderungschancen schließen.» [ Erdheim, 262 ]
Der Begriff Xenophobie setzt sich aus den griechischen Worten xénos mit der Bedeutung Fremder oder Gast und phóbos mit der Bedeutung Furcht zusammen – Fremdenfurcht also, nicht etwa Fremdenfeindlichkeit, da man sich durchaus die Intelligenzleistung abverlangen darf, Furcht und Feindseligkeit in ihrer Unterschiedlichkeit zu verstehen. Der unselige deutschsprachige Begriff der Überfremdung bzw. der Furcht vor Überfremdung stellt indes eine Entsprechnung xenophobischer Einstellungen innerhalb einer Gesellschaft dar (keine Begriffsentsprechung).
Interessanter Weise taucht der Begriff Xenophobie erstmals im Jahre 1901 in Anatole Frances Roman Monsieur Bergeret à Paris auf, woraufhin das Wort 1906 im französischen Wörterbuch Nouveau Larousse illustré als Stichwort aufgenommen wurde. Seither geht die Begriffsverwendung dazu über, mehr als nur Furcht vor unerwünschten Gästen, sondern in extremen Abwandlungen den Hass auf Fremde und Fremdgruppen zu bezeichnen. Allerdings liegt die konzeptionelle Stärke des Begriffs Xenophobie in der breit angelegten Definition, die mehr umfasst als Rassismus und Vorurteile bzw. eine elementare Furcht vor Fremdem, statt Sekundärreaktionen oder Einstellungen wie Feindseligkeit oder Hass.
Die Furcht vor Fremden — vor fremden Gästen — meint hier die von negativen Vorurteilen und Stereotypen geprägte Reaktion einer Gruppe, wobei die empfundene Bedrohung von außen tatsächlich vorhanden oder subjektiv wahrgenommen sein kann. Im Rahmen der Gruppendynamik ist Xenophobie Ausdruck faktischer oder imaginierter Gruppeninteressen – grundsätzlich geht es um Machterhalt und -verteidigung – also sehr allgemein gefasst um den Erhalt des Eigenen in der Auseinandersetzung mit (näher rückendem) Fremdem.
Deshalb wird Xenophobie in den Sozialwissenschaften mit Ethnozentrismus in Zusammenhang gebracht, beiden Prozessen ist das Ziel gemein, das Eigene zu erhalten, den Zusammenhalt der Eigengruppe zu fördern und im Gegenzug Fremdgruppen zu benachteiligen. Fremdenfurcht kann mitunter erst dann aktiviert werden, wenn sich Gäste dem eigenen Lebensraum real nähern und man zu der Überzeugung gelangt, sie bedrohten eigene Ressourcen oder die eigene (kulturelle oder allgemeiner Gruppen-) Identität. Xenophobie lässt sich allerdings auch sehr abstrakt und weit jenseits faktisch nachgewiesener oder auch nur halbwegs nachvollziehbarer Bedrohungen ideologisch “herstellen”.
Exotismus meint im Gegenzug unwiderstehliche Attraktivität und Idealisierung des Fremden; nach meinen Recherchen ist dieses Konzept scheinbar weniger gut dokumentiert. Beiden Konzepten ist nun gemeinsam, dass sie zunächst einmal auf (unbewusst wirksame) Bilder des Fremden zurück zu führen sind, die auf individualpsychologischer, sozialpsychologischer und kultureller Ebene als Vermeidungshaltungen Bedeutung erlangen. Als beste verfügbare Referenz beziehe ich mich auf Arbeiten des Ethnologen und Psychoanalytikers Mario Erdheim:
«Xenophobie und Exotismus, auf den ersten Blick Gegensätze, sind beide insofern verwandt, als sie Vermeidungsstrategien sind. In der Xenophobie meidet man das Fremde, um das Eigene nicht in Frage stellen zu müssen, im Exotismus zieht es einen in die Fremde, und man muss deshalb zu Hause nichts ändern.» [ Erdheim, 261 ]
Entwicklungsgeschichtlich wurzeln beide Phänomene in jener frühkindlichen Phase, in welcher die unbewussten Fremdenrepräsentanzen gebildet werden. Stark verkürzend kann man sagen, dass es dabei um die Trennung von der Mutter, die Erfahrung anderer Personen als “Nicht-Mutter” und um Spaltungsvorgänge geht, bei denen das Eigene vom Fremden differenziert wird. Im Verlauf der Pubertät nimmt die Ablösung von der Familie ihren Anfang, wird allerdings noch eine Weile dadurch aufgehalten, dass alles Fremde gemieden werden muss; erst die Adoleszenz zieht Jugendliche mit Macht in die Fremde. Als Bewusstseinsphänomene werden Exotismus und Xenophobie schließlich in der Phase der Adoleszenz vermittels einer intensiven Auseinandersetzung mit der Divergenz von Familie versus Kultur voll ausgebildet
Für die Interaktionen zwischen Gruppen spielen Exotismus und Xenophobie als kulturell verankerte Bilder der Fremdgruppe und tief verwurzelte Bewusstseinsphänomene eine Rolle. Nach Erdheims Analyse weisen beide Phänomene auf dichotome Wertstrukturen innerhalb von Gruppen, Gesellschaften bzw. Kulturen zurück. Exotismus vermeidet in der Idealisierung des Fremden die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und damit die Entwicklung im Sinne des Kulturwandels. Xenophobie wiederum entspricht mit der Furcht vor Fremdem auch der Furcht vor Geschichte, zumal vor deren Entwicklung. Denn wenn das Fremde außerhalb der eigenen Kultur lokalisiert und als bedrohlich bewertet ist, wird damit bereits festgelegt, dass man von diesem Fremden nichts lernen kann, um die eigene Kultur zu bereichern. Eine exotistische Konzentration auf Fremdes verweigert sich in dieser charakteristischen Hinwendung nach außen dem Rückbezug auf die eigene Kultur zugunsten ähnlicher bereichernder Entwicklungen.
Mario Erdheim illustriert die kulturellen Zusammenhänge anhand eines einfachen historischen Beispiels aus der frühen Phase europäischer Expansionen als Triebfedern zur Verhandlung von Machtverhältnissen zwischen Kulturen:
«Ob der Fremde als göttlich oder xenophobisch als teuflisch betrachtet wird, hängt zunächst einmal von den Machtverhältnissen ab. Die exotisierende Betrachtung verweist auf die Überschätzung der eigenen Position: Weil die Azteken sich sicher glaubten, erlaubten sie sich zu denken, die Spanier seien Götter. Die Europäer hingegen hatten Angst und waren sich unsicher, ob ihr Abenteuer gut enden würde oder nicht: Ihre Xenophobie brachte ihnen allerdings den erträumten Erfolg und verankerte eine xenophobische Grundstimmung im Verhältnis der Europäer zu anderen Kulturen.
Aber nicht nur zu den anderen Kulturen, sondern auch zu jenen Bereichen der eigenen Kultur, die “anders” waren, zu dem, was Freud das “innere Ausland” nannte. Das Fremde ist ja nicht nur “draußen”, es ist auch “drin”, und die Bilder des äußeren und des inneren Fremden sind eng miteinander verwandt […].» [ Erdheim, 263 ]
Quelle:
- Erdheim, Mario: Zur Ethnopsychoanalyse von Exotismus und Xenophobie. In: Psychoanalyse und Unbewusstheit in der Kultur. Aufsätze 1980 – 1987. F.a.M.: Surkamp, 1994.
Onsite
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Zitation
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