«—- die Gegenwart anderer ist erforderlich, um die Wirklichkeit wirklich werden zu lassen.»
Irving Yalom
Gehorsam
d.wieser, 06. Juni 07
Mit Gehorsam ist ein Verhalten gemeint, welches Befehlen oder Anforderungen einer in der Hierarchie höher stehenden Person (Autorität) nachkommt.
Konformität ist zwar ein verwandtes sozialpsychologisches Phänomen, unterscheidet sich indes von Gehorsam insofern, als der Einfluss bei konformem Verhalten von einer Gruppe von Individuen gleichen oder ähnlichen Status ausgeht. Und während die Einflussnahme im Falle des Gehorsams direkt verläuft, funktionieren die Mechanismen der Konformität durch unmerklichen, indirekten Druck von Seiten der Gruppe. Man kann also folgendermaßen unterscheiden: Konformität nivelliert soziale Ungleichheiten, während Gehorsam soziale Hierarchien entweder erhält oder neu entstehen lässt.
Sozialpsychologische Untersuchungen zum Gehorsam beziehen sich vornehmlich auf situative Einflussfaktoren, die zur Varianzbreite möglicher menschlicher Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Gehorsam beitragen. Ein etwas anderer theoretischer Zugang besteht in der Persönlichkeitsforschung, die etwa unveränderliche innerpsychische Dispositionen (des Charakters) als Faktoren untersucht, die zu einer bestimmten Ausprägung des Gehorsams führen. Hier wäre zumal Theodor W. Adornos Theorie des autoritären Charakters zu nennen, der u.a. auch die intensive Neigung beinhaltet, sich Autoritäten zu unterwerfen.
In der Psychologie wird Stanley Milgram gemeinhin mit dem Gehorsamsbegriff in Verbindung gebracht, seit er in den 60er Jahren aufsehenerregende Experimente zum Thema durchführte. An der Yale Universität erdachte Milgram ein Forschungssetting, mit welchem sich folgende Kernfrage würde erhellen lassen: Wenn ein Versuchsleiter einem Probanden die Anweisung gibt, eine dritte Person zu verletzen, unter welchen Umständen würde der Proband dieser Anweisung folgen und unter welchen Umständen würde er den Gehorsam verweigern?
Die Probanden wurden angewiesen, einer Versuchsperson scheinbar zunehmend intensivere elektronische Ladungen als Strafe zu verabreichen, wenn diese mit ihren Lernergebnissen nicht einen gewissen Standard erfüllte. Der vorgebliche elektrische Impuls wurde per Knopfdruck übermittelt, es standen 30 Schalter zur Verfügung, die eine jeweils um 15 Volt höhere Ladung auslösen würden (also in 30 Schritten von 15 bis 450 Volt!). Der Befehl lautete, dass für jede falsche Antwort die nächsthöhere Ladung zwingend verabreicht werden müsse. Die lernende Versuchsperson war für die mit der Strafe beauftragten Probanden nicht zu sehen, wohl aber zu hören – je höher die elektrische Ladung, desto lauter und klagender das Jammern und Flehen, bitte mit dem Experiment aufzuhören. Ab einem gewissen Punkt wurde die Versuchsperson still, so dass sich den Strafenden der Eindruck aufdrängen musste, die Versuchsperson könnte vor Schmerz ohnmächtig geworden sein.
Das Experiment ist in sich bereits haarsträubend, wird allerdings von den Ergebnissen der Untersuchung noch übertroffen: 65% der Versuchspersonen straften bis zur allerhöchsten Ladung von 450 Volt, so dass sie als vollumfänglich gehorsam gelten können. Milgram fand zudem heraus, dass die Gehorsamsbereitschaft abnahm, wenn Strafender und Lernender sich in geringerer Distanz aufhielten. War der Strafende nur Prüfer und jemand anderer betätigte die Schalter, stieg der Grad des Gehorsams aufgrund der indirekten Beteiligung an. Die Gehorsamsbereitschaft nahm allerdings rapide ab, wenn der Strafende beobachtet hatte, wie zwei andere Teilnehmer sich dem Befehl verweigerten – sie stellten Vorbilder für die offenbar schwierige Befehlsverweigerung dar.
Die erstaunliche Gehorsamsbereitschaft der Probanden erklärt sich nach Milgram u.a. folgendermaßen: Die Probanden glaubten dem Versuchsleiter seine Definition der Situation (die Strafe hat zu erfolgen); dadurch empfinden sie sich selbst als bloße Vollstrecker (bzw. Agenten) ohne eigene Verantwortung. Dazu muss die Autoritätsperson (im gegebenen Experiment ein Professor) allerdings seine Autorität glaubwürdig legitimieren und die Anweisungen zudem in einer Weise formulieren, die keinerlei Widerspruch duldet. Das Experiment zeigt jedoch auch, dass 35% der Probanden sich dieser demonstrativen Autorität entziehen konnten – u.a. weil sie sich (selbst noch als bloße Agenten) für ihr Handeln verantwortlich fühlten.
Im Anschluss an Milgrams Forschungen untersuchten Wissenschaftler weitere interessante Faktoren, die die Gehorsamsbereitschaft des Menschen erhöhen bzw. Eigenschaften einer Autorität, denen sich die Menschen gehorsam unterwerfen wie z.B.:
- wenn die Autorität eine legitimierte Machtposition innehat
- wenn die Autorität Belohnungen gewähren kann
- wenn die Autorität Zwang einsetzen kann
- wenn das Expertentum der Autorität erwiesen ist
- wenn der Wunsch besteht, sich mit der Autorität zu identifizieren
- wenn die Autorität über überlegene Informationen verfügt
Andere Theorien setzen drei Hauptschwerpunkte:
- Man gehorcht einer Autorität, wenn diese die moralische Verantwortung für jegliche Handlungen und Handlungsfolgen übernimmt bzw. sich als Entscheidungsträger autorisiert hat. Die Gehorchenden empfinden sich nicht mehr als moralisch verantwortlich, und selbst wenn ihr gehorsames Handeln schädliche Auswirkungen hat, empfinden sie kein Schuldbewusstsein.
- Innerhalb einer etablierten Routine fällt Gehorsam leichter, wenn die Gehorchenden gänzlich in den Details ihrer Aufgaben aufgehen. Die Wahrscheinlichkeit reflektierenden Denkens bzw. moralischer Verantwortungsbereitschaft sinkt in solchen Situationen beträchtlich.
- Ist das Ziel, gegen das sich die gehorsamen und schädlichen Handlungen richten, entmenschlicht worden, werden moralische Bedenken gegenstandslos (vorausgesetzt man ist bereit zu glauben, dass die Zielpersonen keine Menschen bzw. wertlose Wesen sind).
Die wissenschaftliche Untersuchung des Massenphänomens Faschismus ist untrennbar mit den Konzepten Gehorsam und Autorität verbunden. Abraham Maslow hat ebenso zum Thema publiziert wie T. W. Adorno Studien zum autoritären Charakter und Erich Fromm Die autoritäre Persönlichkeit.
Zitation
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29. August '07
Vorlesung zur Internet-Thematik onlineDie Dozenten Dipl.-Psych. Matthias Spörrle und Dr. Bernhard Schmidt hielten im Wintersemester 2006 / 2007 eine Vorlesung zum Thema Internet?: Pädagogisch-psychologische Nutzung und Forschung. » lesen ... |
06. Juni '07
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05. Juni '07
van Zyl et al.: Geringer Selbstwert bei PsychotherapiepatientenAls (Inter)Aktionskategorien erbringt seine Forschung, dass ein ungesunder Umgang mit zumeist emotionalen Problemen vorliegt. Die Informationsverarbeitung der Patienten verläuft so, dass sich die selektive Aufmerksamkeit in allen Lebenslagen auf Negatives stürzt, negative Ereignisse personalisiert werden und positive Informationen über das Selbst und andere sogar zurückgewiesen oder nicht positiv gewertet werden. » lesen ... |


